Und schon wieder nimmt Hess die Wahl an

Erich Hess (SVP) sitzt neu in drei Parlamenten. Das Problem: Die Sitzungen überschneiden sich. Doch Hess hat schon eine Lösung.

«Mein Name ist Erich Hess»: Der nun Dreifach-Parlamentarier wurde schon von der «heute-show» im ZDF veräppelt.
Video: Tamedia-Webvideo / ZDF

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Am Sonntag wurde Erich Hess 37 Jahre alt. Er feierte den Geburtstag bei sich zu Hause in Niederbottigen, in der Nähe des Einkaufszentrums Westside. Seine Schwester mit Familie war zu Besuch. Gefeiert wurde gleich zweierlei: Erich Hess, Nationalrat und Mitglied der Stadtberner Legislative (Stadtrat), wurde gestern auch noch in den Grossen Rat, das Berner Kantonsparlament, gewählt. Nun sitzt er also in drei Parlamenten, auf allen drei Staatsebenen. Verboten ist das nicht, da es die Gewaltenteilung nicht tangiert. Umstritten schon. Es gibt Leute, die gern ein Amt hätten und keines bekommen. Dann gibt es andere, bei denen man sich fragt, wie sie alle ihre Ämter schaffen.

Stellt man Erich Hess Fragen, lacht er häufig zuerst einmal los. Ein gemütliches, kehliges Lachen. So lacht jemand, der sich selber und das Leben nicht allzu ernst nimmt. Herr Hess, was Sie da vorhaben, klingt nach Stress, oder? Hahaha. «Ein stressfreies Leben war nie mein Ziel.» Herr Hess, Sie haben fünf Firmen, drei politische Ämter, Dutzende Funktionen und Mitgliedschaften. Gehen Sie auch einmal ins Kino? Hahaha. «Ich unterscheide nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Für mich ist das ganze Leben Freizeit, ich kann es frei gestalten.»

Immer einer der Jüngsten

Aufgewachsen ist Hess in Zollbrück im Emmental. Die Eltern seien politisch nicht aktiv und von der Einstellung her «neutral» gewesen, sagt Hess, die Schwester «eher links». Sie ist Sozialpädagogin «oder so etwas». Hess, der Ältere der beiden Geschwister, machte eine Lehre als Lastwagenführer und politisierte sich selber im ersten Lehrjahr. Es war Ende der Neunzigerjahre, «alle wollten in die EU, die Zuwanderung war damals schon sehr hoch, und die Steuern und Abgaben stiegen». Das regte ihn auf, er trat der SVP bei. Mit 24 wurde er in den Berner Stadtrat gewählt, mit 29 in den Grossen Rat, mit 34 in den Nationalrat. Immer im Fünfjahrestakt, immer einer der Jüngsten. Noch heute sieht Erich Hess mit seiner Igelfrisur sehr jung aus, wenngleich er auf die 40 zugeht.

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Einsitz in drei Parlamenten: Ist das okay?




Als Hess im Herbst 2015 in den Nationalrat gewählt wurde, gab er sein Grossratsmandat ab. Heute müsste er folgerichtig das Nationalratsmandat abgeben, nachdem er in den Grossen Rat gewählt wurde. Doch es erscheint nicht opportun, das prestigeträchtigste und finanziell lukrativste der drei Ämter abzugeben. Das gibt er selber zu. Das Grossratsmandat wolle er antreten, um dem Wählerwillen gerecht zu werden, «sonst hätte ich gar nicht kandidieren müssen». Die Berner wollen ihn in diesem Gremium, also macht er es.

Pendeln zwischen Bundes- und Rathaus

Der Stadtrat fällt vom Umfang her weniger ins Gewicht. Nationalrat und Grosser Rat hingegen überschneiden sich zeitlich. Während der kommenden beiden Grossratssessionen, im Juni und im September dieses Jahres, finden zeitgleich auch die Sessionen im eidgenössischen Parlament statt. Rathaus und Bundeshaus seien nur sieben oder acht Gehminuten voneinander entfernt, sagt Hess. Aber er werde sich ein Elektrovelo kaufen, um noch schneller zu sein. Was wie ein Scherz klingt, ist ernst gemeint. Es wird Tage geben, an denen er Nationalrat und Grosser Rat gut aneinander vorbeibringt. Der Stundenplan sieht dann etwa so aus: morgens Fraktionssitzung Grosser Rat, nachmittags Session im Grossen Rat bis 16.30 Uhr, dann Session im Nationalrat bis mindestens 19 Uhr. Die Nationalratssession beginnt um 14.30 Uhr, er wird sich also um zwei Stunden verspäten – oder den Grossen Rat frühzeitig verlassen müssen. Hess sagt: «Die erste Stunde im Nationalrat ist Fragestunde, da ist die Anwesenheit nicht zwingend, man kann nur beschränkt Einfluss nehmen. Also komme ich nur eine Stunde zu spät.»

Es war Ende der Neunzigerjahre, «alle wollten in die EU». Das regte ihn auf, er trat der SVP bei. (Foto: Adrian Moser)

An anderen Tagen sieht es schwieriger aus, dann tagt der Grosse Rat von 9 bis 19 Uhr, der Nationalrat von 8 bis 19 Uhr. Will er sich halbieren? Jetzt lacht Erich Hess nicht, sondern überlegt eine Weile. Bei wichtigen Dossiers werde er im jeweiligen Parlament anwesend sein. Ohnehin werde er schauen, dass er im entscheidenden Moment den richtigen Abstimmungsknopf drücken kann. Was aber, wenn der Nationalrat über die Zuwanderung entscheidet und der Grosse Rat über Geld für die Reitschule? Beides bekämpft Hess vehement. «Im Zweifelsfall hat der Nationalrat Priorität», sagt er. Das sei mit der SVP-Spitze so abgesprochen. Er gehe aber davon aus, dass man das «irgendwie koordinieren kann».

Urheber der Suizidnetze

Hess provoziert gern. Letzten Herbst verglich er im Berner Stadtparlament einen Vorschlag der FDP mit einer «hässlichen Frau», die man mit Schminke aufzuhübschen versuche. Später sprach er von dealenden «Negern», was ihm eine Klage der Jungen Grünen eintrug. Die Staatsanwaltschaft nahm das Verfahren nicht in die Hand. Ist die Ämterkumulation eine weitere Gelegenheit, um zu provozieren? Er provoziere immer nur wegen der Sache, sagt Erich Hess. Aber die Medien interessierten sich mehr für seine Provokationen als für die sachpolitischen Erfolge. Er zählt auf: Aufgrund seiner Initiative habe die Stadt Bern heute an allen Brücken Suizidnetze («Pro Brücke und Jahr gab es rund 10 Suizide»), im Kanton Bern würden keine Straffälligen und Sozialhilfeempfänger mehr eingebürgert dank seiner Initiative, und vielleicht würden demnächst die Betreibungsämter miteinander vernetzt und die Mehrwertsteuer-Freigrenze hinaufgesetzt, ebenfalls dank seiner Initiative. «In der nationalen Politik dauert es eben ein bisschen länger.»

Hess hat vier Immobilienfirmen und ein Treuhandunternehmen. Hin und wieder fährt er Lastwagen, immer noch für die Affolter Transporte AG, bei der er vor 20 Jahren die Lehre gemacht hat. Es sind allerdings weniger Lastwagenfahrten geworden. Sie rufen ihn an, wenn sie einen Notfall haben, und er springt ein, wenn er kann. Die Tätigkeit fehle ihm sehr, sagt er.

Und wie sieht es mit der Familiengründung aus? Er habe eine Freundin, sagt Hess, doch eine Familie sei derzeit kein Thema. «Als Mann habe ich hier den Vorteil, dass ich weniger unter Zeitdruck bin.»


Und so tönt der «Superparlamentarier»

Vor einem Jahr meldete er sich im Berner Reitschul-Streit zu Wort. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2018, 13:12 Uhr

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