Umweltschützer kritisieren schärfere Grenzwerte für Insektizide

Für zwei besonders giftige Insektizide will der Bundesrat die Grenzwerte senken. Das bringt ihm Kritik ein – von Umweltschützern.

Wie viel Pestizide dürfen künftig auf die Felder gelangen? Der Bund will die Grenzwerte je nach Pestizid anheben oder senken.

Wie viel Pestizide dürfen künftig auf die Felder gelangen? Der Bund will die Grenzwerte je nach Pestizid anheben oder senken.

(Bild: Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Alle Augen sind auf das Glyphosat gerichtet. Der umstrittene Unkrautvernichter ist zur Chiffre geworden für eine auf Ertrag getrimmte Landwirtschaft. Entsprechend laut war der Protest von Linksparteien und Umweltverbänden, als im Dezember bekannt wurde, dass das Uvek, das Departement von Umweltministerin Doris Leuthard (CVP), den Grenzwert für Glyphosat in Bächen, Flüssen und Seen um den Faktor 3600 anheben möchte: von 0,1 Mikrogramm pro Liter auf 360 Mikrogramm. An dieser Kritik hat sich nichts geändert, wie die am Donnerstag zu Ende gegangene Vernehmlassung über die Revision der Gewässerschutzverordnung zeigt.

Bislang kaum Beachtung finden dagegen die anderen 37 Pestizide, für die das Uvek den Grenzwert ebenfalls neu definieren möchte. Heute liegt er für diese Substanzen bei 0,1 Mikrogramm pro Liter. Bei 25 Pestiziden plant das Uvek eine Korrektur nach oben; bei 12 nach unten. Mit dieser Flexibilisierung will das Uvek den unterschiedlichen Toxizitäten der Pestizide gerecht werden und so den Schutz der Lebewesen im Wasser besser als bis anhin sichern. Künftig, so das Ziel, sollen die Behörden zielgenau auf etwaige Übertretungen reagieren können.

Noch kein Routineverfahren

Wie sich nun zeigt, rufen aber nicht nur höhere, sondern auch tiefere Grenzwerte Proteste hervor. Konkret geht es um zwei extrem toxische Insektizide. So will der Bund bei Chlorpyrifos, das laut Fachleuten Nervenimpulse stört, den Grenzwert für chronische Belastungen um den Faktor 217 senken und um den Faktor 3333 bei Cypermethrin, das im Verdacht steht, krebsfördernd und hormonaktiv zu sein.

Die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (Aefu) kritisieren diesen Plan: «Solch geringe Konzentrationen lassen sich aus analysetechnischen Gründen gar nicht kontrollieren», sagt Aefu-Geschäftsführer Martin Forter. Er verweist auf die Analysespezialisten Michael Oehme vom Institute for Applied Analytical Chemistry in Appenzell sowie Jean-Louis Walther vom Schweizer Labor Envireau, die zum gleichen Schluss kämen. Oehme und Walther bestätigen dies auf Anfrage dieser Zeitung: Diese beiden Pestizide sollten nach Ansicht der zwei Fachleute darum verboten werden. Dieser Meinung ist auch die Aefu, ebenso die Denkwerkstatt Vision Landwirtschaft sowie der Schweizerische Fischerei-Verband.

«Es braucht Analysemethoden, die routinemässig anwendbar sind, um eine engmaschige Kontrolle zu gewährleisten.»Martin Forter, Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz

Leuthards Fachleute widersprechen dieser Einschätzung jedoch. «Die Analytik der beiden Stoffe Chlorpyrifos und Cypermethrin im Konzentrationsbereich der neuen Grenzwerte ist zwar anspruchsvoll, aber möglich», sagt Christian Leu vom federführenden Bundesamt für Umwelt (Bafu). Das Wasserforschungsinstitut der ETH (Eawag) habe ein entsprechendes Verfahren entwickelt und wende es bereits an. Auch habe sich das Kompetenznetzwerk der kantonalen Gewässerschutz- und Umweltschutzlaboratorien (Lab’Eaux) der Analytik dieser Stoffe angenommen und ermögliche im Rahmen eines Projekts die Messung der Substanzen durch ausgewählte kantonale Gewässerschutzfachstellen.

Bundesamt prüft die Stoffe

Aefu-Geschäftsführer Forter sieht das Problem gleichwohl nicht gelöst: Schon heute herrsche im Gewässerschutz ein Vollzugsnotstand. «Erst recht braucht es im Vollzug Analysemethoden, die routinemässig anwendbar sind, um eine engmaschige Kontrolle zu gewährleisten.» Sonst geschehe dasselbe wie beim Glyphosat: Die Analysemethode sei kompliziert und teuer, also fehle die Substanz meist in Monitoringberichten.

Bafu-Experte Leu entgegnet, dass das neue Verfahren in ein bis zwei Jahren routinemässig zur Anwendung gelangen könne. Zur Verbotsfrage äussert er sich nicht, sondern verweist auf das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), das zuständig für die Zulassung von Pestiziden ist. Das BLW selber hat die Anwendungsbewilligungen für Cypermethrin 2014 überprüft und beschlossen, sie einzuschränken. So etwa dürfen Landwirte die Substanz nur noch in einer Mindestentfernung von 100 Metern zum nächsten Gewässer ausbringen. Bei Chlorpyrifos sei derzeit die Überprüfung im Gang.

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