Terrorismus: Die einsamen Wölfe streunen im Netz

Mit den Feiern am 1. August und der Street Parade stehen der Schweiz Grossanlässe bevor. Terrorforscherin Christina Schori Liang analysiert die Bedrohungslage und erklärt, wie das Internet den Terrorismus verändert.

Die Street Parade in Zürich als Anschlagsziel? Terrorismusexperten machen eine höhere Gefährdung für Genf aus.

Die Street Parade in Zürich als Anschlagsziel? Terrorismusexperten machen eine höhere Gefährdung für Genf aus. Bild: Heinz Diener

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Angst hat Christina Schori Liang nach den Anschlägen in Nizza und Würzburg keine. «Ich befürchte unmittelbar keine Attacken auf Schweizer Boden», sagt die Terrorismusforscherin mit Blick auf die kommenden Grossanlässe in der Schweiz. Am 1. August begehen die Schweizer landesweit die Bundesfeier. Am 13. August folgt in Zürich die Street Parade. «Natürlich kann man aber nicht ausschliessen, dass auch in der Schweiz psychisch Labile Angriffe durchführen, um so ihre Wut und Abneigung gegen die Welt kundzutun.»

Genf auf dem Terror-Radar?

Für am gefährdetsten für einen Terroranschlag hält sie Genf, da die Stadt der Sitz zahlreicher internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen ist.

Schori Liang forscht am Geneva Center for Security Policy über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Sie untersucht den Jihadismus im Internet und hat die These aufgestellt, dass der IS einer Firma in der Gründungsphase ähnle. Um beim Bild des Unternehmers zu bleiben: Die letzten Anschläge in Europa deuten darauf hin, dass sich muslimische Terroristen neuerdings buchstäblich selbstständig machen und nicht mehr organisierte Angriffe durchführen.

Experten bezeichnen solche Menschen als «einsame Wölfe», angelehnt an den englischen Begriff «lone wolf» für Einzelgänger. «Auch wenn der IS einsame Wölfe hervorbringt, so sind diese nun Teil des digitalen Wolfrudels», sagt Schori Liang. Diese Einzelgänger könnten im Internet Tausende Anhänger finden, welche dasselbe Weltbild teilten. «Am anderen Ende sitzen wiederum Anwerber des IS, die im Netz Stunden damit verbringen, potenzielle Opfer für ihre Sache zu gewinnen», sagt Schori Liang.

Zwar haben Terroristen Jahrzehnte vor dem 11. September 2001 in Europa bereits für Unsicherheit gesorgt: Rote-Armee-Fraktion und Irisch-Republikanische Armee (IRA) lauten die Stichworte. «In den vergangenen 15 Jahren haben wir aber einen Umbruch erlebt», sagt Schori Liang. Terroristen seien im grössten offenen Raum der Welt aktiv geworden: im Internet.

In dieser digitalen Umgebung ortet die Terrorforscherin die Anziehungskraft des IS auf junge Muslime, obwohl das verbrecherische Wesen der Organisation bekannt ist. «Der IS hat im Cyberspace eine idealisierte Version von sich selbst geschaffen. In dieser digitalen Welt orchestriert der IS eine mittelalterliche Realität, die eine grosse Bandbreite von Emotionen schürt», sagt Schori Liang.

Für den Abenteurer präsentiere sich der IS im Internet als blutrünstige und gewalttätige Militärmacht. Entwurzelte spreche die Terrormiliz mit Bildern eines friedlichen Kalifats an, das Zuflucht, Heimat, religiöse Erfüllung und Jobsicherheit biete. Diese Propaganda bezeichnet Schori Liang als «Jihad-Manie». Gerade Kinder und Jugendliche liessen sich davon einfacher anstecken als bisher bekannt.

Um die IS-Propaganda im Internet zu bekämpfen, schlägt sie ein Bündel von Massnahmen vor. Dazu gehöre unter anderem, dass alle westlichen Nationen eigene länderspezifische Strategien entwickeln, um gegen Extremismus vorzugehen. Weiter gelte es, das romantisierte Bild des Kalifats zu entzaubern. «IS-Deserteure sollten verpflichtet werden, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen», fordert die Forscherin.

Die Rolle der Medien

Inwiefern sind die Medien gefordert, welche über Anschläge berichten und Gefahr laufen, die IS-Propaganda zu verstärken? Schori Liang verweist auf eine Aussage von Margaret Thatcher vor dem Hintergrund der IRA-Jahre. «Wir müssen den Terroristen und Entführern den Sauerstoff der Öffentlichkeit entziehen, von dem sie abhängig sind», sagte die britische Premierministerin im Jahr 1985. Konkret forderte die eiserne Lady einen freiwilligen Verhaltenskodex für Medien, wonach Presse und TV «nichts berichten oder zeigen, was der Moral der Terroristen dienlich ist».

Schori Liang sagt dazu: «Leider sind wir Thatchers weisem Ratschlag bislang nicht gefolgt.»

Allerdings ist es ein schmaler Grat bis zur Zensur. Erst vor einer Woche wurde bekannt, dass die französischen Behörden nach dem Anschlag im Konzerthaus Bataclan in Paris bewusst Informationen zurückgehalten haben. So hatte die Polizei verschwiegen, dass die Terroristen manche ihrer Opfer gefoltert und verstümmelt hatten. «Im Zeitalter des 24-Stunden-Nachrichtenzyklus werden Newslecks und der Informationsfluss aber nicht einfach nachlassen», sagt Schori ­Liang. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.07.2016, 07:58 Uhr

Terrorforscherin Christina Schori Lang (Bild: Jean Revillard / Rezo)

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