Strobo-Politik

Neulich las ich, wer als Goalie gross rauskommen will, trainiert heute stroboskopisch. Mit einer Spezialbrille,...

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...deren Gläser sich in Millisekunden stufenlos abdunkeln lassen. Der Clou: Der Goalie sieht die Bälle später – und schult so Reaktion und Reflexe. Im Fussball ist der Strobo-Effekt also neu, wunderte ich mich. Dabei ist er so simpel: Das Gehirn hat weniger Informationen zur Verfügung und wird entsprechend trainiert. Kennt man doch längst von Politikern, dachte ich so bei mir.

Je weniger sie wissen, desto schneller sprudeln ideologische Phrasen und Floskeln. Strobopolitische Reflexrhetorik würde ich das nennen, wäre ich Neurowissenschaftler.Was damit gemeint ist, zeigt der Brexit. Unsäglich, was nach dem britischen EU-Referendum alles rausposaunt wurde. Ein Krisensuperlativ jagte das nächste Untergangsszenario, kaum lag das Ergebnis vor – hyperventilieren statt analysieren. Politiker quer durch Europa schrien entsetzt auf: «Die spinnen, die Briten – wie können die nur?!»

Es folgte das Jammern und Fluchen über die tumben Insulaner, die gar nicht kapiert hätten, was sie entscheiden sollten. Ein Déjà-vu für uns Schweizer – dasselbe europäische Echo wie auf das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative (MEI). Und wieder ist die weit verbreitete Meinung: Nie hätte man dem Volk eine so wichtige Frage vorlegen dürfen. Demokratieverständnis? Pustekuchen!

Da lob ich mir doch das deutsche Aussenministerium. Dessen offizielle Reaktion auf Twitter: «Wir gehen jetzt in einen irischen Pub und betrinken uns. Ab morgen arbeiten wir dann wieder für ein besseres Europa.» Cool. Pragmatisch. Grossartig. Ob diese Diplomatie des vollen Glases auch bei uns praktiziert wird, weiss ich nicht. Aber es wäre zumindest eine einleuchtende Erklärung dafür, wie im Bundesrat die Schnapsidee einer einseitigen Schutzklausel zur MEI-Umsetzung entstanden ist.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.07.2016, 19:07 Uhr

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Peter Meier schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Nina Kobelt.

Peter Meier schreibt die Kolumne «Greater Berne» abwechselnd mit den Redaktoren Maria Künzli, Fabian Sommer und Nina Kobelt. (Bild: Urs Baumann)

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