Streit um Krebsrisiko eines Pflanzengifts

Der Kampf um das Pflanzengift Glyphosat geht in die finale Runde. Die EU will die Zulassung des Spritzmittels diesen Monat trotz des Krebsverdachts der WHO verlängern. Einige Länder erwägen Verbote, die Schweiz bis jetzt nicht.

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(Bild: Der Aufstieg von Glyphosat zum Pestizid Nummer 1. Grafik: nid / Foto: Getty Images / Quelle: Charles M. Brooks, Isaaa.org)

Christoph Aebischer@cab1ane

Unkraut? Ein Spritzmittel reicht. Auch in der Schweiz ist darin sehr häufig Glyphosat enthalten – das weltweit am häufigsten verwendete Pestizid rangiert hierzulande ebenso ganz oben auf der Rangliste. Jährlich 300 Tonnen davon landen auf unseren Feldern. Der seit über 40 Jahren verwendete Stoff, bekannt etwa unter dem Namen Roundup, galt bislang als unbedenklich. Darum überwachen ihn Schweizer Lebensmittelchemiker auch nur selten. Doch nun tobt ein Streit darüber, wie schädlich der Stoff ist. Denn Krebsforscher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatten im Frühjahr 2015 den kursierenden Verdacht bestätigt, dass Glyphosat «wahrscheinlich krebserregend» ist.

Der jüngste, hitzig geführte Schlagabtausch um belastetes Bier in Deutschland zeugt von der zunehmenden Hektik im Konflikt. Die EU wird noch diesen Monat entscheiden, ob sie die ­Ende Juni auslaufende Zulassung des Unkrautvernichters um 15 Jahre verlängert. Ab heute beugt sich ein weiteres Expertengremium der WHO über die Befunde der WHO-Krebsagentur, was in neue Empfehlungen für den Wirkstoff münden kann. Dagegen kämpfen mächtige Agrochemieriesen wie Monsanto oder Syngenta an. Sie sehen ihre ­milliardenschweren Geschäfte schwinden. Der jährliche Umsatz mit glyphosathaltigen Spritzmitteln wird auf weltweit 5,5 Mil­liarden Dollar geschätzt (siehe ­Kasten).

Verbot in Kalifornien

Was passiert, wenn Staaten die Einschätzung der WHO übernehmen, zeigt ein Blick über den Atlantik: Kalifornien hat das Spritzmittel als erster US-Gliedstaat als krebserregend eingestuft. Der Verkauf des Gifts ist nun verboten, was erkrankte Personen bereits zu Klagen ermuntert hat. Im Januar hat Monsanto nachgezogen und seinerseits den Staat Kalifornien verklagt.

Betrugsvorwürfe in Europa

Die Verunsicherung ist auch in Brüssel angekommen. Dort wird in diesen Tagen um Kompromisse gefeilscht. Auf dem Tisch liegt der Vorschlag einer verkürzten Zulassungsperiode von 10 oder 7 Jahren. Zusätzlich müsste der Einsatz des Gifts schrittweise reduziert werden. Am liebsten ganz darauf verzichten würden nebst Linken und Grünen die Länder Niederlande, Schweden und Frankreich.

Der Zulassungskrieg wird mit harten Bandagen geführt. Seit vergangener Woche ist er um eine Eskalation reicher: Umweltorganisationen haben Strafanzeige gegen den US-Chemiekonzern Monsanto, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und die Europäische Behörde für ­Lebensmittelsicherheit eingereicht. Der happige Vorwurf lautet auf Betrug: Studien seien bewusst falsch ausgelegt oder gar aussortiert worden, damit die Wiederzulassung des Stoffes erreicht werde. Denn die Behörden befanden im Herbst 2015 Glyphosat für unbedenklich. Es fehlten zweifelsfreie Nachweise für die Kanzerogenität, behaupten sie.

EU-Recht hat grossen Einfluss

In der Schweiz wartet man erst einmal ab, welche Haltung sich im Ausland durchsetzen wird. Der Bundesrat will immerhin untersuchen lassen, wie Glyphosat in Lebensmittel und den menschlichen Körper gelangt. Wenn die EU ihre Grenzwerte jedoch verschärfen würde, hätte das bald Auswirkungen auf die Schweiz, weil sie diese in der Regel übernimmt. Dann könnte auch die Verwendung des Pflanzengifts eingeschränkt werden.

Bisher werden Rückstände in Lebensmitteln in der Schweiz kaum von offizieller Seite getestet. Nur gerade das Zürcher Kantonslabor unterhält ein Glyphosat-Screening. Im Jahresbericht sucht man aber vergeblich danach. Denn die Grenzwerte sind im Vergleich zu jenen für andere Fremdstoffe hoch angesetzt und werden demzufolge selten nicht überschritten.

Zwei Lücken in der Schweiz

Ganz anders in Deutschland. Das Münchner Umweltinstitut untersuchte deutsche Biersorten. Eines davon überschritt den Grenzwert für Trinkwasser um das 300-Fache. So skandalös hohe Werte sind für einheimische Lebensmittel nicht zu erwarten. Denn die Schweiz kennt strengere Regeln für den Spritzmitteleinsatz als die EU (siehe Box).

Kein Problem also? Es gibt zwei Ausnahmen. Bei importierten Waren nützen diese Auflagen nichts, wie sich im Nachgang zur deutschen Bieranalyse zeigte: Auch etliche in der Schweiz verkaufte Biere weisen eine zu hohe Glyphosatbelastung aus. Laut Eva van Beek vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen müssen in erster Linie die Händler selber darum besorgt sein, dass die Belastung der importierten Lebensmittel nicht zu hoch ist.

Und bei Hobbygärtnern greifen Grenzwerte sowieso zu kurz – glyphosathaltige Pflanzengifte standen lange Zeit hoch im Kurs. Das ändert sich jetzt: Migros und Coop wollten sich nicht auf heikle Diskussionen einlassen. Sie haben darum 2015 vorsorglich sämtliche Spritzmittel für den Gartengebrauch mit diesem Wirkstoff aus dem Sortiment entfernt. Landi Schweiz, die sowohl die Landwirte wie Hobbygärtner zu ihren Kunden zählt, hat hingegen Glyphosat noch in den Regalen. «Für Letztere allerdings seit Anfang Mai nur noch in ­gebrauchsfertigen Produkten», sagt Mediensprecherin Sonja Schild. Sie sind also bereits in der richtigen Verdünnung abgefüllt.

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