Die jungen Wilden der Aussenpolitik

Ob Neutralität ohne Gripen oder die Anerkennung Palästinas durch die Schweiz: Mit ihren Meinungen gibt die Berner Denkfabrik Foraus der Aussenpolitik neue Anstösse. Die Ideengeber sind jung und nutzen urschweizerische Methoden.

Das Café als Büro von Foraus: Daniela Hobi und Maximilian Stern treffen sich in Bern zu einer Sitzung.

Das Café als Büro von Foraus: Daniela Hobi und Maximilian Stern treffen sich in Bern zu einer Sitzung. Bild: Susanne Keller

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Die Schweizer Aussenpolitik findet im Café statt, zumindest beim Forum Aussenpolitik (Foraus). Geschäftsführer Maximilian Stern und seine Stellvertreterin Daniela Hobi sitzen vis-à-vis vom Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) – einen Kaffee in der Hand, die Laptops aufgeklappt. Zwar ist der Hauptsitz der Denkfabrik in Bern und die Geschäftsstellen sind in Zürich sowie in Genf. Doch die wahren Büros des Thinktanks befinden sich in den Bistros der Schweizer Universitätsstädte.

Alle Autoren der Denkanstösse kommen aus dem universitären Umfeld. Es sind wissenschaftliche Assistenten, Doktoranden und Studenten. «Für unsere Glaubwürdigkeit ist es unerlässlich, dass die Arbeiten wissenschaftliche Vorgaben erfüllen», sagt Stern. Die Mitglieder melden sich mit Ideen und Themen beim Thinktank und vernetzen sich quer durch die Schweiz, um gemeinsam Studien zu verfassen.

An diesem warmen Oktobernachmittag wartet im «Nocciolato» in Bern einiges an Arbeit auf den 27-Jährigen und die 29-Jährige. Es gibt für die zwei Politologen viel zu besprechen: etwa die Fortschritte des neuen Diskussionspapiers, das in Kürze erscheinen wird. Es beleuchtet die Rolle der Schweiz in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

19 Diskussionspapiere

Seit der Gründung des Vereins Foraus im Jahr 2009 hat die Denkfabrik 19 Diskussionspapiere veröffentlicht. Das letzte stammt vom August 2013 und kommt zum Schluss: Abkommen zur Zusammenarbeit in Zuwanderungsfragen, sogenannte Migrationspartnerschaften, erhöhen die Abhängigkeit vom Partnerland. Doch auch an weitaus heiklere Themen wagt sich Foraus. So empfiehlt eine andere Studie, die Schweiz solle Palästina als Staat anerkennen, da dafür aus Sicht der Eidgenossenschaft alle relevanten Kriterien erfüllt seien. Eine andere Publikation der Denkfabrik findet, dass es den Gripen aus neutralitätspolitischen Überlegungen alleine nicht braucht.

Adressaten sind nicht nur Behörden, Diplomaten und Organisationen, sondern auch nationale Politiker. Ihnen will Foraus nützliche Instrumente in die Hände geben, gemäss dem Motto: Sei nahe bei den Entscheidungsträgern. Ein Beispiel ist das Entscheidungsraster für friedenserhaltende Einsätze der Schweizer Armee im Ausland. National- und Ständeräte können mithilfe eines Fragebogens herausfinden, ob eine solche Mission ausserhalb der Schweiz Sinn macht oder nicht.

Für das Erstellen eines Diskussionspapiers gibt es kein Entgelt. Als Lohn winkt Aufmerksamkeit: sei es ein Auftritt im TV oder wertvolle neue Kontakte für das eigene Netzwerk. «Foraus bietet seinen Mitgliedern eine Plattform, ihre Studien einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Gerade jungen Akademikern kann das helfen, die Karriere anzustossen», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Hobi.

Die Miliz-Denkfabrik

In diesem Punkt unterscheidet sich Foraus von den angelsächsischen Denkfabriken, die eine politische Ausrichtung haben. Links oder rechts gibt es beim Schweizer Thinktank nicht, Vielseitigkeit hingegen schon. «Jedes der 700 Vereinsmitglieder kann ein Diskussionspapier verfassen, solange es die wissenschaftlichen Vorgaben erfüllt», sagt Stern. Es habe deshalb Platz für widersprüchliche Empfehlungen zum selben Thema. «Foraus ist sozusagen eine neutrale Miliz-Denkfabrik. Unsere Stärke ist es, auf ein grosses Reservoir an Ideen zugreifen zu können», hält der Geschäftsführer fest.

Foraus hat den Anspruch, aussenpolitische Themen frühzeitig zu erkennen. Stern zeigt dies am Beispiel des Finanzplatzes: «Uns interessieren nicht die aktuellen Probleme, sondern: Wie könnte der Finanzplatz in 10 oder 15 Jahren aussehen?» Weil die Mitglieder von Foraus ein junges Durchschnittsalter haben, gibt es laut Stern einen pragmatischeren und damit weniger ideologischen Zugang zu den aussenpolitischen Fragen. Das gilt besonders für die heiligen Kühe der Aussenpolitik. So steht im Leitbild der Denkfabrik, dass sie sich für ein «zeitgemässes Verständnis der Schweizer Neutralität» einsetzt. «Wir wollen auch Denkverbote umstossen», sagt Stern, «aber nicht aus Selbstzweck, sondern auf der Basis kritischer wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit aussenpolitischen Themen».

Foraus wird ernst genommen

Im diplomatischen Bern hat sich Foraus bereits etabliert. Bundesrat Didier Burkhalter (FDP), Vorsteher des EDA, hat im vergangenen Jahr eine Delegation im Bundeshaus empfangen. Im einstündigen Gespräch habe es einen engagierten Austausch über Aussenpolitik gegeben, sagt Stern, der selber dabei war. Die zuständigen Stellen nähmen die Arbeiten von Foraus «mit Interesse zur Kenntnis», heisst es auf Anfrage beim Aussendepartement.

Doch auch ausländische Botschaften, mit denen zusammen die Denkfabrik aussenpolitische Anlässe durchgeführt hat, nehmen die jungen Wilden ernst. «Der Austausch mit Foraus ist uns sehr wichtig, auch wenn es bei gewissen Themen abweichende Meinungen gibt», sagt Esther Hörnlimann von der israelischen Botschaft mit Blick auf das Diskussionspapier «Anerkennung Palästinas als Staat?» Umso wichtiger sei der Dialog.

Nach der Sitzung in der Bundesstadt geht es für Daniela Hobi und Maximilian Stern schon wieder weiter. Ein Treffen mit Vertretern der türkischen Botschaft steht am späten Nachmittag noch an. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.10.2013, 08:05 Uhr

Forum Aussenpolitik

Die Denkfabrik Forum Aussenpolitik (Foraus) befindet sich noch im Aufbau. «Der Groove des Jungunternehmens ist spürbar», sagt Geschäftsführer Maximilian Stern. In zehn Jahren sieht er Foraus als «etabliertes Kompetenzzentrum für Aussenpolitik».

Das Budget des Thinktanks liegt etwas über 100'000 Franken pro Jahr. Hauptsächlich ist Foraus über Stiftungen sowie Mitgliederbeiträge und Gönner finanziert. Ein Viertel des Budgets stammt aus Aufträgen des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten.

Das Budget reicht gegenwärtig für 160 Stellenprozente. Zusätzliche Mittel erlauben es, bis Ende Jahr um weitere 100 Stellenprozente aufzustocken. Zwei Community Manager sollen sich in der Romandie und der Deutschschweiz zu je 50 Prozent um die wachsende Gemeinschaft von Foraus kümmern.

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