Start me up!

«Zeitpunkt»-Redaktor Jürg Steiner wirft einen Blick auf den laufenden Wahlkampf.

Jürg Steiner@Guegi

Jetzt mal ehrlich: Aus mir wird nicht mehr der grosse Sachpolitik-Freak. Weil mir einfach gefällt, wie die Amis wahlkämpfen, voll auf den Mann und die Frau, und ich fahre auch ziemlich ab auf den ganzen Donald-Trump-Hillary-Clinton-Föhnfrisuren-Wahnsinn. Weil er zeigt, wer die Energie in die Politik bringt: Hardcore-Persönlichkeiten, die sich rücksichtslos exponieren, um Kopf und Kragen argumentieren und fighten bis zum letzten Blutstropfen.

«Start me up», singt Mick Jagger, es könnten meine Worte sein: Weck mich auf! Fahr mich hoch! Fordere mich heraus! Das will ich im Wahlkampf, verdammt. Diese Woche bin ich voll auf die Rechnung gekommen: Switzerland, Codewort «Glarner».

Andreas Glarner, lustigerweise gebürtiger Glarner, heute aber ultimativer SVP-Hardliner im Aargau, widmet seine Wahlkampagne dem Kampf gegen die muslimische Machtübernahme in der Schweiz. «Sie sind unter uns», die Schergen des Islamischen Staats, sagt Glarner, und man kann sich vorstellen, was er kommen sieht: Bundesräte mit Vollbart, ein Minarett auf dem Münster, die Scharia am Bundesgericht in Lausanne.

Glarner, der beruflich Rollstühle und Rollatoren vertreibt, setzt Plakate ein mit bluttriefendem IS-Schwert, daneben den Slogan: «Kopf hoch statt Kopf ab». OMG! Andy Glarner! Empörung und Aufmerksamkeit sind ihm sicher, und mit dem gnadenlosen Mexiko-Basher Donald Trump hält er auch ohne Föhnfrisur easy mit.

Fast so saftig unterwegs – auf der anderen Seite des politischen Spektrums – ist für meine Begriffe Jacques Marti, echter Glarner, Offizier der Armee und linker Rechtsanwalt in Glarus. Genosse Jacques, Sohn des Ex-SP-Politikers und heutigen Alptransit-Präsidenten Werner Marti, kandidiert für den einzigen Glarner Nationalratssitz. Cool setzt sich der gewiefte Marti über den Usus der familiären Glarner Politik hinweg, Bisherige nicht anzugreifen, und fordert einen Promi heraus: Martin Landolt, Präsident der BDP Schweiz.

Marti, engagierter Schütze, will hart fighten, wie er mir am Telefon versichert. Den Spirit dafür hat er sich im Eishockeystadion geholt. In Bern. Marti ist Hardcore-SCB-Fan, seit er 13-jährig ist und ihm die ekstatischste Eishockeystehrampe Europas erstmals Hühnerhaut bescherte. Bis heute verpasst er kaum einen Match. Mehrere Saisons war er bei jedem Spiel live dabei, und diese historischen Ereignisse hat er als Tattoo auf seinem Körper verewigt.

Wenn das keine Kompetenzen sind! Go for it, JM! Verdrängt er Landolt, müsste dieser das absehbare Wiederwahldrama um seine Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf von auswärts fernsteuern. Crazy! Mais im Bundeshaus, verursacht von einer echten SCB-Rampensau! Start me up, Schaag!

Berner Zeitung

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