SRF wehrt sich gegen Zensur-Vorwürfe

Das Schweizer Fernsehen kippt mehrere politische Reportagen aus dem Programm und erntet dafür viel Kritik. Von «Paranoia» und «Selbstzensur» will die Chefredaktion nichts wissen.

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Erstmals nimmt SRF-Chefredaktor Tristan Brenn gegenüber der Zeitung «Schweiz am Sonntag» Stellung zu den Vorwürfen, das Schweizer Fernsehen zensiere aus Angst vor der SVP kritische Sendungen mit linken, europafreundlichen Protagonisten. «Wir kuschen vor keiner Partei, auch nicht vor der SVP», sagt Brenn im Interview mit der Zeitung.

TV-Chefredaktor Brenn verweist auf die Kassensturz-Sendung, die kürzlich die Konsumentenfreundlichkeit der Parteien untersuchte und zu massiver SVP-Kritik führte, weil die Partei im Ranking schlecht abschnitt: «Dass wir von rechts und links kritisiert werden, unterstreicht die Unabhängigkeit von SRF».

Zu den konkreten Vorwürfen, SRF betreibe «Selbstzensur» und «vorauseilenden Gehorsam», weil eine «Reporter»-Sendung mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse und dem Schweizer Literaturkritiker Stefan Zweifel aus politischen Gründen erst nach den Wahlen gesendet wird, sagt Brenn: «Die Redaktion hat ihren Entscheid zur Verschiebung des Films unvollständig erklärt, was ärgerlich ist.»

Ausstrahlung hätte gegen Richtlinien verstossen

Die Redaktion habe Bedenken gehabt, weil der Film, der ein philosophisches Gespräch zweier Intellektueller zeigt, nicht in die Primetime am Sonntagabend passe. Aus falscher Rücksichtnahme gegenüber den Protagonisten sei dies nicht so begründet worden. «Dass dabei Ängste vor einer Partei eine Rolle spielten, ist frei erfunden», sagt Brenn im Interview. Im Nachhinein sei er froh um den Entscheid: Stefan Zweifel kandidiert für den Nationalrat. «Der Film hätte also gemäss unseren Richtlinien ohnehin nicht vor den Wahlen ausgestrahlt werden dürfen.»

Dass SRF den Dokumentarfilm trotzdem zuerst unmittelbar vor den Wahlen programmierte, begründet Brenn mit einer Informationspanne: «Stefan Zweifel hat den Autor des Films frühzeitig über seine Kandidatur informiert. An die Redaktion ging diese Information leider nicht weiter, auch das ist ärgerlich.»

SRF-Chefredaktor Brenn verteidigt auch den Entscheid, dass ein weiterer Dokumentarfilm mit SP-Nationalrätin Jacqueline Badran erst nach den Wahlen ausgestrahlt wird – was dem Schweizer Fernsehen von Badran die Kritik eintrug, man habe «Paranoia» vor linken Themen. Brenn: «Auf die geplante Ausstrahlung Anfang Juli verzichtete die Redaktion, weil Badran kurz zuvor schon in der Arena einen prominenten Auftritt zur RTVG-Abstimmung hatte. Nach dem Sommerprogramm standen dann bereits die Wahlen an.» Hier gälten die angesprochenen Regeln in den publizistischen Leitlinien. «Aus meiner Sicht wurde in diesem Fall richtig entschieden.»

slw

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