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Sommermärchen-Prozess: Darum geht es

Heute startet der prestigeträchtigste Fussball-Prozess der Schweizer Bundesanwaltschaft. Im Zentrum steht eine dubiose 10-Millionen-Zahlung.

Die ehemaligen Funktionäre Theo Zwanziger (links) und Wolfgang Niersbach werden dem Prozess wegen des Coronavirus fernbleiben. Foto: imago
Die ehemaligen Funktionäre Theo Zwanziger (links) und Wolfgang Niersbach werden dem Prozess wegen des Coronavirus fernbleiben. Foto: imago

An diesem Montag beginnt am Bundesstrafgericht in Bellinzona der Prozess im sogenannten Sommermärchen-Fall. Es ist der erste grosse Fall aus dem Fussball-Komplex und einer der wichtigsten Prozesse für die Bundesanwaltschaft seit Jahren. Alles, was Sie dazu wissen müssen:

Worum geht es im Sommermärchen-Fall?

Im Kern geht es um undurchsichtige Zahlungen zwischen dem deutschen Fussball-«Kaiser» Franz Beckenbauer und dem mächtigen katarischen Funktionär und ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Mohammed bin Hammam. 2002 überwies Beckenbauer zehn Millionen Franken an den Katari. Das Geld borgte er beim inzwischen verstorbenen Adidas-Besitzer Robert Louis-Dreyfus. Als dieser sein Geld zurückwollte, sprang der Deutsche Fussballbund (DFB) ein. Via die Zwischenstation Fifa in der Schweiz überwies der DFB die 10 Millionen im April 2005 zurück an Louis-Dreyfus.

Welche Erklärungen gibt es für die Zahlungen?

Es gibt verschiedene Theorien. Die harmloseste besagt, dass es ein Entgelt für TV-Rechte war. Die Ankläger gehen aber eher davon aus, dass Beckenbauer 2002 eine finanzielle Gefälligkeit an bin Hammam leisten wollte. Im Gegenzug hat – nach dieser Lesart – die Fifa dem Organisationskomitee der Fussball-WM 2006 in Deutschland einen Zuschuss von 250 Millionen Franken gesichert. Dazu muss man wissen, dass bin Hammam damals nicht nur Fifa-Vize, sondern auch Vorsteher der Finanzkommission war. Noch verfänglicher ist die Theorie, dass die 10 Millionen an bin Hammam dafür bestimmt waren, die Wiederwahl des damaligen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter zu sichern – oder dass sie nachträgliches Schmiergeld für die Wahl Deutschlands als WM-Gastgeberland waren. Daher der Name des Falls: weil die WM 2006 in Deutschland oft als Sommermärchen bezeichnet wurde.

Wen hat die Bundesanwaltschaft nun angeklagt und für welche Taten?

Vor Gericht angeklagt sind drei ehemalige Funktionäre des DFB, Horst Schmidt, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach, sowie der ehemalige Generalsekretär der Fifa, Urs Linsi. Ihnen wirft die Bundesanwaltschaft mittäterschaftlichen Betrug respektive Gehilfenschaft dazu vor. Dies, weil sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dafür gesorgt hätten, dass der DFB 2005 das 10-Millionen-Darlehen zurückzahlte, das Robert Louis-Dreyfuss drei Jahre zuvor Beckenbauer gewährt hatte. Und zwar mit der Fifa als Zwischenstation, um Spuren zu verwischen. Die ursprünglichen Zahlungen von Beckenbauer an bin Hammam von 2002 sind nicht Teil der Anklage. Sie sind verjährt.

Es ist einer der prestigeträchtigsten Fälle, welcher die Bundesanwaltschaft seit 2015 eingeleitet hat.

Weshalb stehen die Hauptpersonen Beckenbauer und bin Hammam nicht vor Gericht?

Die Bundesanwaltschaft ermittelt eigentlich auch gegen Franz Beckenbauer. Weil dieser aber schon früh seinen schlechten gesundheitlichen Zustand geltend machte, trennten die Ermittler seinen Teil vom Hauptverfahren ab. Beckenbauer hat wohl nichts mehr zu befürchten, weil der Fall Ende April 2020 endgültig verjährt. Gegen bin Hammam, den offenbaren Nutzniesser der Zahlungen, hat die Bundesanwaltschaft in dieser Sache gar nie ermittelt.

Findet der Prozess überhaupt statt?

Das Gericht hat es abgelehnt, die Verhandlung wegen des Coronavirus zu verschieben. Zuschauer haben aber wegen der Krankheit keinen Zutritt. Medienvertreter können das Geschehen per Videoübertragung in einem Nebenraum verfolgen. Das Gerichtsgebäude darf nur betreten, wer bei einem Check am Eingang keine erhöhte Körpertemperatur aufweist.

Werden die Beschuldigten erscheinen?

So wie es im Moment aussieht, werden die drei deutschen Angeklagten – Schmidt, Zwanziger und Niersbach – dem Prozess wohl fernbleiben. Sie, zwischen 69 und 78 Jahre alt, machen gesundheitliche Gründe geltend. Einzig der Schweizer Linsi wird wohl in Bellinzona erscheinen.

Welche Befragungen plant das Gericht?

Am Donnerstag und Freitag der ersten Prozesswoche plant das Gericht die Befragung von prominenten Fussball-Funktionären: Sepp Blatter und Franz Beckenbauer als Auskunftspersonen sowie Günter Netzer als Zeuge. Auskunftspersonen können je nach Verlauf des Verfahrens zu Beschuldigten werden.

Wieso ist das Verfahren wichtig?

Das Sommermärchen-Verfahren ist einer der prestigeträchtigsten Fussball-Fälle, die die Bundesanwaltschaft seit 2015 eingeleitet hat. Die Abwesenheit der Hauptakteure Beckenbauer und bin Hammam sowie die drohende Verjährung haben den Ermittlern bereits einige Kritik eingebracht. Wegen der Geheim-Treffen von Bundesanwalt Michael Lauber und Fifa-Boss Gianni Infantino sind die Fussball-Ermittlungen ohnehin in schwere Turbulenzen geraten. Ein Scheitern der Anklage im Sommermärchen-Fall würde die aufwendigen Ermittlungen rund um die Fifa nun endgültig zum Fiasko machen.

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