Sollen Flüchtlinge rasch in die Arbeitswelt einsteigen?

Wenn es darum geht, Flüchtlinge einzustellen, reagieren Schweizer Firmen mit Skepsis. Sprachbarrieren, geringe Berufskenntnisse und oft relativ hohe Lohnkosten bremsen eine rasche Integration.

Ein Paar mit Kindern verlässt den Polizeiposten und wird in ein Asylaufnahmezentrum gefahren. Nur wenige Flüchtlinge  finden in der Schweiz eine Arbeit.

Ein Paar mit Kindern verlässt den Polizeiposten und wird in ein Asylaufnahmezentrum gefahren. Nur wenige Flüchtlinge finden in der Schweiz eine Arbeit. Bild: Keystone

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Martin Trachsel erlebt die Folgen der Flüchtlingspolitik in seiner täglichen Arbeit. Als Heimleiter hat er das Asylzentrum Riggisberg mit aufgebaut und mit geleitet. Nun richtet er in der alten Feuerwehrkaserne der Stadt Bern ein Asylzentrum ein. Diese Woche wurde die Bewilligung erteilt.

Der Betrieb dürfte schon bald aufgenommen werden, wenn anstehende Bauarbeiten abgeschlossen sind. Trachsel relativiert die Ängste vor einem ausufernden Flüchtlingsstrom. «In den 90er-Jahren kamen aus dem Balkan deutlich mehr Menschen.» Im Vergleich dazu könne die Schweiz die heutige Flüchtlingswelle gut bewältigen.

Dennoch ist nicht alles rosig, was Trachsel bei seiner Arbeit an der Front erlebt. Ein grosses Problem sei, dass Flüchtlinge und Asylbewerber von der Wirtschaft kaum wahrgenommen und beschäftigt würden. Sie dürfen während einer dreimonatigen Sperrfrist gar nicht arbeiten. Die Hürden, die danach folgen, stören Trachsel aber noch mehr. So gibt es branchenübliche Mindestlöhne.

Für viele Firmen sind diese zu hoch. Denn Flüchtlinge haben Sprachprobleme und benötigen bei der Einarbeitung oft eine intensivere Betreuung als Schweizer Arbeitnehmer. Kulturelle Unterschiede und das andere Arbeitsumfeld in ihrem Herkunftsland erschweren den Berufseinstieg in der Schweiz. Hinzu komme mehr Administrativaufwand für Firmen.

Trachsel findet deshalb, dass in jedem Fall ein Berufspraktikum erlaubt sein sollte. «Denn für Flüchtlinge oder Asylbewerber geht es im Grunde um eine Berufsfindung.» Ein tiefer Lohn während einer solchen Ausbildungsphase lasse sich zudem dadurch rechtfertigen, dass Unterkunft und Verpflegung im Asylzentrum durch den Staat finanziert würden. Für Unterkunft, Verpflegung, Betreuung, Krankenkasse und allgemeine Kosten zahle der Staat rund 1300 Franken für jede Person in einem Asylzentrum.

Trachsel ist überzeugt, dass eine rasche Integration in die schweizerische Arbeitswelt in jedem Fall etwas bringt. «Die Leute lernen die Sprache schneller und landen weniger oft in der Sozialhilfe.» Und selbst wenn ein Flüchtling in sein Herkunftsland zurückgeschickt werde, profitiere er von Arbeitseinsätzen in der Schweiz. «Was hier investiert wird, ist ein Beitrag an die Entwicklungshilfe.»

An den Flüchtlingen liegt es laut Trachsel nicht: «Sie wollen arbeiten, damit sie ein bisschen Geld zum Leben haben.» Zudem verbessere sich sofort auch das Klima in einem Asylzentrum, wenn die Leute extern arbeiten könnten. Schliesslich sei es auch für die öffentliche Wahrnehmung besser, «wenn tagsüber nicht Dutzende Menschen vor einem Flüchtlingsheim herumsitzen». Das schüre bei Schweizern Vorurteile und Ängste.

Trachsel spricht auch Sprachkurse an. Heute ist er auf freiwillige Helfer angewiesen, die Flüchtlinge Deutsch beibringen. Ein Kurs wird nur ab einem bestimmten Niveau bezahlt. Gerne würde Trachsel sehen, dass hier mehr investiert würde. Denn in der Sprachbarriere sieht er die grösste Hürde auf dem Weg zu Integration und Unabhängigkeit. «Doch aufgrund von Budgetkürzungen im Kanton Bern mussten Profisprachkurse in den letzten Jahren um die Hälfte reduziert werden.»

SVP: Sprachkurse sind überflüssig

Heinz Brand, asylpolitischer Experte bei der SVP, fordert kurze Asylverfahren. Und wenn es gelingt, diese deutlich zu beschleunigen, spricht laut dem Bündner Nationalrat «wenig für eine Erwerbstätigkeit von Asylbewerbern oder Flüchtlingen». Dies natürlich nur für Personen, die in einem Verfahren stehen.

Bei Flüchtlingen, die in der Schweiz bleiben dürfen, befürwortet Brand eine Integration in den Arbeitsmarkt. Doch der Politiker bezweifelt, dass die Verfahren kürzer werden. «Heute dauern sie durchschnittlich 500 bis 600 Tage.» In der aktuellen Konstellation des Bundesrats werde sich daran nichts ändern.

«Integration findet praktisch nur über das Erwerbsleben statt», sagt er. Sprachkurse oder Bildungsprojekte hält Brand für überflüssig. Denn der grösste Teil der Flüchtlinge sei damit intellektuell überfordert.

«Zum Beispiel aus Eritrea kommen Leute aus der untersten Schicht, die weder Lesen noch Schreiben können.» Für eine sinnvolle Variante hält der SVP-Nationalrat wenn schon Integrationskurse für «niederes Handwerk oder Gastronomie». Damit habe er in der Bündner Regierung gute Erfahrungen gemacht.

FDP: Die Rückkehr ernsthaft prüfen

«Die erwähnte Personengruppe kommt meist ohne Berufsausbildung zu uns, sehr häufig wohl auch ohne Basisausbildung», sagt FDP-Nationalrat Kurt Fluri (SO). Deshalb würden sie häufig für unqualifizierte Arbeiten im gemeinnützigen Bereich eingesetzt, welche noch nicht als Erwerbstätigkeit gälten.

Auch die neuste Asylgesetzrevision sehe dies vor. «Ich halte es aber für sinnvoll, im Hinblick auf ein dauerndes Verbleiben oder aber auf eine Rückkehr diese Leute auszubilden.» Der Bund soll, durchaus auch mit Mitteln der Entwicklungshilfe, mit den Kantonen zusammen entsprechende Programme aufstellen und finanzieren. Dazu gehörten natürlich Sprachkurse.

Diese Massnahmen scheinen Fluri vor allem für vorläufig Aufgenommene sinnvoll zu sein. Deren Rückkehrmöglichkeit müsse aber jedes Jahr ernsthaft überprüft werden, wie es das Gesetz vorsehe. «Die vorläufige Aufnahme darf nicht eine generelle Vorstufe für den dauernden Verbleib in unserem Lande sein», betont Fluri.

Wer nicht asylberechtigt, das heisst nicht politisch verfolgt sei, solle in sein Heimatland zurückkehren und sich dort mit den in der Schweiz erworbenen Kenntnissen nützlich betätigen.

CVP: Mehr Geld für Sprachkurse

Die Erwerbsquote von zwanzig Prozent bei Ausländern mit der befristeten Aufenthaltsbewilligung hält CVP-Ständerat Urs Schwaller (FR) für «eindeutig zu tief». Damit Flüchtlinge oder vorläufig Aufgenommene nicht von der Sozialhilfe abhängig werden, spricht sich Schwaller dafür aus, sie möglichst rasch in der Privatwirtschaft zu beschäftigen.

Damit Arbeitgeber auch Asylbewerber einstellen, die über nicht besonders gute Sprachkenntnisse und Fähigkeiten verfügen, soll der Staat vorübergehend den Lohn mitfinanzieren. Dieses Modell sieht weiter vor, dass nicht nur Bargeld, sondern zu einem grossen Teil Sachleistungen ausbezahlt werden.

So zum Beispiel mit der Finanzierung einer Wohnung, der Krankenversicherung, mit Gutscheinen für Essen oder Kleider. Damit möchte Schwaller unter anderem verhindern, dass mit den Löhnen Schlepper oder gar Schutzgelder bezahlt werden.

Einen sehr hohen Stellenwert misst Schwaller dem Sprachunterricht bei. Damit müsse früh begonnen werden, weil Sprache die Tür zum Arbeitsmarkt und zur Integration öffne. Um für das individuelle Niveau der Flüchtlinge zugeschneiderte Kurse zu finanzieren, sollte mehr Geld bewilligt werden, sagt Schwaller.

BDP: Rasche Integration hat viele Vorteile

Die BDP ist klar der Auffassung, dass eine raschere Integration in den Arbeitsmarkt sehr viele Vorteile hätte, wie Nationalrat und Parteipräsident Martin Landolt (GL) betont. Sie verbessere die gesellschaftliche Eingliederung und könne Missbräuche reduzieren.

Gleichzeitig werde die Abhängigkeit von anderen ausländischen Arbeitskräften verringert, was zu einer tieferen Zuwanderung führe. Seine politische Forderung in diesem Zusammenhang: Der Staat könnte bei den Unternehmen durch einen Einarbeitungszuschuss entsprechende Anreize schaffen.

Mit einer raschen Integration in den Arbeitsmarkt ist nach Ansicht Landolts auch die rasche Vermittlung von Sprachkenntnissen verbunden. «Wenn hier mehr getan werden kann, beziehungsweise die Ressourcen fehlen, sollte dies korrigiert werden.»

Zudem teilt der BDP-Präsident die Einschätzung, dass auch bei einer raschen Rückkehr in die Heimat eine Arbeit in der Schweiz eine wertvolle Erfahrung sein kann. Es sei eine «Hilfe vor Ort», wenn die Schweiz den Menschen schon nur eine minimale berufliche Erfahrung mit auf den Weg geben könne.

GLP: Die Verfahren beschleunigen

«Es ist nötig, vermehrt zwischen dem Status der Zuwanderer zu unterscheiden», sagt Nationalrat und Parteipräsident Martin Bäumle (ZH) für die GLP. Bei anerkannten Flüchtlingen fordert er, die Integration mit voller Kraft voranzutreiben. Bei syrischen Flüchtlingen sei ein vorläufiger Schutz nötig, und «wir hoffen, dass sie bald wieder in ihr Heimatland zurückkehren können».

Hingegen bei abgewiesenen Asylbewerbern, welche zurückreisen müssen, lehnt Bäumle Integrationsbemühungen ab. Zentral sei deshalb eine Beschleunigung der Verfahren, wie sie die aktuelle Vorlage im Parlament vorsehe.

Bei der Integration in den Arbeitsmarkt sieht Bäumle grundsätzliche Probleme. Oft sei nicht nur die Sprache eine grosse Hürde. «Viele Flüchtlinge sind schlicht zu wenig qualifiziert.» Deshalb hat Bäumle kein Rezept zur Hand, wie Menschen, die lange in der Schweiz bleiben, besser in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden könnten.

Zurückhaltend ist der GLP-Nationalrat auch bei Sprachkursen. Er begrüsst es, wenn dafür Freiwillige eingesetzt werden und Betroffene die Kurse mitbezahlen. «Der Staat soll nicht alles finanzieren.»

SP: Die Lohnabgabe abschaffen

Nationalrätin Cesla Amarelle von der SP (VD) sieht in der Integration den Angelpunkt der Asylpolitik. Zur aktuellen Praxis fällt ihr allerdings kaum Positives ein. Nur etwa ein Fünftel der Asylbewerber findet in den ersten Jahren in der Schweiz eine Stelle. Amarelle räumt ein, dass es «sehr grosse Herausforderungen» gibt.

«Kein Patron will Flüchtlinge einarbeiten, die vielleicht nach wenigen Wochen schon wieder gehen müssen.» Die Präsidentin der Staatspolitischen Kommission des Nationalrats hat jedoch konkrete Verbesserungsvorschläge: Die Zehn-Prozent-Abgabe auf Löhnen soll abgeschafft werden.

Diese schrecke sowohl Arbeitgeber wie auch die Flüchtlinge ab, die eine Stelle suchen. Weiter verlangt Amarelle eine Beschleunigung der Aufnahmeverfahren und eine rasche Anerkennung von ausländischen Diplomen oder Berufserfahrung. Die Integration in den Arbeitsmarkt dauere zu lange, wenn eine Krankenschwester ihre Ausbildung wiederholen müsse.

Bei Sprachkursen plädiert Amarelle für einen pragmatischen Ansatz: Bundesmittel für solche Projekte seien kürzlich erhöht worden. «Gratiskurse durch Freiwillige tragen auch zu einer guten Integration bei», findet sie.

Grüne: Kein Lohndumping bei Flüchtlingen

Balthasar Glättli, im Bundeshaus Fraktionschef der Grünen, verkörpert den Gegenpol zur restriktiven Asylpolitik der SVP. So forderte er schon im Februar dieses Jahres, die Schweiz solle 100'000 syrische Flüchtlinge aufnehmen.

Unabhängig vom rechtlichen Status der Menschen, die in die Schweiz kommen, spricht sich Glättli für eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt aus. Ein «Lohndumping» lehnt er jedoch entschieden ab: Flüchtlinge, die eine Stelle erhalten, sollen fair entschädigt werden.

Wenn sie nicht über gute Sprachkenntnisse verfügen oder intensiver begleitet werden müssen als andere Angestellte, soll der Staat einen Beitrag an das Gehalt entrichten. Glättli spricht von befristeten «Einarbeitungszuschüssen». Damit erhalten die Arbeitgeber einen grösseren Anreiz, Flüchtlinge einzustellen, wie der Zürcher Nationalrat ausführt.

Einiges verspricht sich der Politiker auch von einer «unkomplizierten» Anerkennung ausländischer Diplome. Dabei wäre es nach seiner Ansicht möglich, mit Vergleichen zu arbeiten: «Der Bund könnte für Arbeitgeber bestätigen, dass ein Abschluss ungefähr dieser oder jener Schweizer Ausbildung entspricht.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.09.2015, 15:24 Uhr

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