So triumphierten Amherd und Z’graggen

Die Hintergründe der Überraschungsnomination in der CVP – und die Kommunikationspanne von Parteipräsident Pfister.

Was die Nominationen bedeuten, erklärt Fabian Renz, Leiter der Bundeshausredaktion, in der Videoanalyse. (Video: Tamedia)
Raphaela Birrer@raphaelabirrer
Markus Häfliger@M_Haefliger
Christoph Lenz@lenzchristoph

Das Bundesratsticket der CVP ist eine Desavouierung: Überraschend hat es neben der Favoritin, der Walliser Nationalrätin Viola Amherd, die Urner Regierungsrätin Heidi Z’graggen als Aussenseiterin auf den zweiten Platz geschafft. Damit scheiden die Bundesparlamentarier Peter Hegglin (ZG) und Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) aus dem Rennen aus, obwohl sie in Bern deutlich besser bekannt sind als Z’graggen.

Die Stimmenverhältnisse in der Fraktion waren ein Triumph für die zwei Siegerinnen und vernichtend für die Verlierer: Laut zuverlässigen Quellen erzielte Amherd in einer ersten Abstimmung mit 25 von 36 Stimmen auf Anhieb die absolute Mehrheit. In einer zweiten Abstimmung setzte sich Z’graggen mit 19 Stimmen durch, Hegglin kam auf 11 Stimmen, Schneider-Schneiter landete mit 6 Stimmen auf dem letzten Platz.

Dass die Baselbieterin die Nominierung nicht schaffen würde, hatten die meisten Beobachter erwartet. Sie selber führte ihre Niederlage auf ihre Herkunft zurück: «Das Baselbiet ist kein CVP-Stammland.» Bei der Nominierung hätten sich die Berggebiete durchgesetzt, sagte die Nationalrätin. Der Tenor in der Fraktion lautet aber anders: Schneider-Schneiter fehle das Format für das höchste politische Amt.

Z’graggen muss vorab bei rechten Parteien punkten

Besonders schmerzlich für sie ist, dass die Fraktion auf einem reinen Frauenticket der national kaum bekannten Z’graggen den Vorzug gibt. Ausschlaggebend für den Erfolg der Urnerin dürfte ihre Exekutiverfahrung und ihr politisches Profil gewesen sein: Z’graggen gilt als wertkonservativer und bürgerlicher als Amherd.

Doch nicht nur für rechte CVPler gab es Argumente, auf Z’graggen als zweite Kandidatin zu setzen. Die Urnerin politisiert auch mit einem grünen Anstrich und präsidiert die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission – das macht sie potenziell auf linker Seite wählbar. Im Amherd-Lager gibt es zudem Überlegungen, wonach eine zweite, politisch unklarer verortete Frau der Walliserin in der Bundesversammlung weniger gefährlich werden könnte als der klar bürgerliche Hegglin.

Ob diese Rechnung aufgeht, ist allerdings offen. Denn gerade ihre unbekanntere Positionierung könnte Z’graggen letztlich zum Vorteil gereichen. Das gibt ihr Spielraum, um sich in den kommenden Wochen politisch so zu positionieren, wie es ihr in der Wahl am meisten helfen könnte. Will sich Z’graggen von ihrer Konkurrentin abheben, muss sie vorab bei den rechten Parteien punkten – Amherd wird derzeit vor allem von Mitte-links favorisiert.

Pfister löscht Twitter-Nachricht

Tatsächlich betonte Z’graggen nach ihrer Nominierung ihre wirtschaftsliberale Seite: Sie sei «sehr wirtschaftsfreundlich», stehe «für moderate Steuern» ein und sehe gerade auch als Zentralschweizerin, «wie vorteilhaft der Steuerwettbewerb ist».

Darauf, dass der rechte Flügel Sympathien für Z’graggen hat, deutet auch eine gröbere Kommunikationspanne bei CVP-Präsident Gerhard Pfister hin, der selber zu diesem Flügel zählt. Unmittelbar nach dem Nominationsentscheid der CVP jubilierte ein Zürcher SVP-Politiker auf Twitter, Z’graggen sei eine «coole Frau, die ist so gut wie gewählt» – und fragte: «Hat Amherd noch nicht kapituliert?» Eine öffentlich einsehbare Antwort kam ausgerechnet von Parteichef Pfister, der zurückschrieb: «Viel zu früh. Aber ein Dämpfer für VA.» VA - das ist Viola Amherd.

Screenshot des Tweets von Gerhard Pfister.

Unmittelbar darauf löschte Pfister seine Nachricht, die offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Später sagte er dazu im Onlinemedium «Nau», sein Tweet sei «ein Verschreiber» gewesen. Tatsächlich habe er kommentieren wollen: «Kein Dämpfer für Viola Amherd.»

Favoritin Amherd «einen Dämpfer» versetzen – das schien deren Gegnern in der Fraktion mit Peter Hegglin jedenfalls nicht möglich. Zwar war erwartet worden, dass die CVP zumindest auf dem Ticket einen Mann berücksichtigen würde, weil die Partei in den vergangenen zwölf Jahren mit einer Frau im Bundesrat vertreten war. Doch dem Zuger fehlte sowohl in der Partei als auch im Parlament der nötige Support. Aus seinem Kanton, in dem er 13 Jahre als Finanzdirektor geamtet hatte, verlauteten äusserst kritische Stimmen, die ihm die politische Statur für den Bundesrat absprachen.

Keine Chance für ein Dreierticket

Hegglin selber zeigte sich enttäuscht und meinte, ihm habe unter anderem der Wunsch nach einem Frauenticket geschadet. Zudem hätten ihn wohl seine Positionen zum nationalen Finanzausgleich bei den Nehmerkantonen Sympathien gekostet. Seine Kandidatur hätte gerettet werden können, wenn sich die CVP für ein Dreierticket ausgesprochen hätte: In diesem Fall wäre der Zuger als Nummer drei aufs Ticket gekommen. Doch ein entsprechender Antrag erhielt in der Fraktion nur wenige Stimmen – darunter auch jene von Parteichef Gerhard Pfister, der wie Hegglin aus Zug kommt.

Das Duell Z’graggen gegen Amherd verspricht nun Spannung bis zum Wahltag. Aus heutiger Sicht geht Amherd als Favoritin in den Schlussspurt, aber eine Wahl Z’graggens ist alles andere als ausgeschlossen. Gerade weil sie weniger bekannt ist als Amherd, wird bei ihr der Eindruck in den Hearings der anderen Fraktionen entscheidend sein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt