So kam die Schweizer «Flagge» auf den Mond

Eigentlich stand eine Schweizer «Flagge» vor der amerikanischen auf dem Mond. Mit ihren ­Sonnenwindsegeln bei der Mondlandung und den ­weiteren Apollo-Missionen wurde die Berner Weltraumforschung weltbekannt.

Noch vor der US-Flagge rollte Astronaut Buzz Aldrin 1969 kurz nach der Landung auf dem Mond das Schweizer Sonnenwindsegel aus.

Noch vor der US-Flagge rollte Astronaut Buzz Aldrin 1969 kurz nach der Landung auf dem Mond das Schweizer Sonnenwindsegel aus.

(Bild: zvg/Nasa)

Es war nur ein kleiner Flug in die obere Atmosphäre, aber ein grosser Sprung für die Weltraumforschung der Universität Bern: Im Oktober 1967 startete die Zenit-Rakete der Firma Contraves mit in Bern entwickelten Temperatur- und Druckmessgeräten an Bord. «Was aus heutiger Sicht eher unspektakulär wirkt, war damals dramatisch», sagt Peter Wurz von der Uni Bern.

Die Forscher hatten wenig Zeit: Nur einen Monat früher meldete sich die Firma Contraves bei der Hochschule mit dem Wunsch, dass wissenschaftliche Messgeräte mitfliegen sollten. In Rekordzeit entwickelten die Berner Wissenschaftler Messgeräte, die klein, leicht und robust genug für den Raketenstart waren.

«Die Drucksensoren waren in erster Linie ein technischer Versuch», erinnert sich der Berner Weltraumforscher Hans Balsiger. «Es war zwar nicht die hohe Schule, an der Messkurve zu sehen, wie die Atmosphäre nach oben hin dünner wird.

Aber technologisch hat uns dieses Projekt enorm weitergebracht.» Es war die Feuerprobe, ein erster Schritt auf einem Weg, der die Berner Weltraumforschung unter anderem zum Kometen Tschuri gebracht hat.

«Flagge» auf dem Mond

Weltberühmt wurde sie jedoch bereits zwei Jahre nach dem Start der Zenit-Rakete, als den Berner Wissenschaftlern der grosse Wurf gelang: Als einziges Nicht-US-Experiment durfte ihr Sonnenwindsegel bei der Apollo-11-Mission mitfliegen.

Damit sollten erstmals die von der Sonne kontinuierlich ins Weltall strömenden Teilchen ausserhalb des schützenden Magnetfelds der ­Erde eingefangen und später im Labor untersucht werden. Daraus liessen sich Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Sonne ziehen.

Es war praktisch eine normale Haushaltsfolie, die mit unterschiedlichen Verfahren beschichtet und bearbeitet wurde, bevor sie zum Mond flog. Im Grunde eine geradezu unglaublich einfache Idee, die die US-Raumfahrtbehörde Nasa auch aufgrund des geringen Gewichts der Folie überzeugte. «Auch die Kleinen in der Forschungswelt können gut sein, wenn sie nur ­gute Ideen haben», so Hans Bal­siger.

Tatsächlich war es die erste Aufgabe von Astronaut Buzz Aldrin, der 20 Minuten nach Neil Armstrong die Mondoberfläche betrat, das Sonnenwindsegel zu entrollen. Dies, weil die Aufenthaltsdauer auf dem Mond bei dieser Mission noch sehr knapp bemessen war und die Folie während der rund zweieinhalb Stunden möglichst viel Sonnenwind einfangen sollte.

So wurde diese Schweizer «Flagge» noch vor der amerikanischen entrollt. Und sie war auch bei den weiteren Mondlandungen dabei: Bei allen Apollo-Missionen ausser der abgebrochenen Apollo-13- und der Apollo-17-Mission war ein Berner Sonnenwindsegel dabei.

Artefakte im Tresor

Heute lagern die Folien fest verschlossen in zwei Tresoren im Keller der Universität Bern. Herausgeschnittene Streifen zeugen von den Analysen, die nach ihrer Rückkehr zur Erde folgten. Besichtigen kann man die Sonnenwindsegel vom Mond allerdings nicht. Zu gross wäre die ­Gefahr, die Labore mit Mond­material zu kontaminieren und künf­tige Messungen zu verfälschen, wenn die Tresore geöffnet ­würden.

Zwar bleiben diese Artefakte der Schweizer Forschungsgeschichte für die Öffentlichkeit verschlossen, dafür zeigt die Uni Bern am 16. September im Rahmen der «Nacht der Forschung» eine Back-up-Version des Sonnenwindsegels und ein eingerahmtes Stück der Originalfolie, die mit Apollo-11 unterwegs war.

Die Ausstellung zeigt zudem ei­nige andere Messgeräte, die bei anderen wichtigen Missionen mitgeflogen waren, oder Back-up-Versionen und Modelle von Instrumenten, die nicht mehr zur Erde zurückkehrten.

Darunter zum Beispiel das Massenspektrometer, das bei der «Giotto»-Mission dabei war – dem Vorbeiflug am Kometen Halley im März 1986 und dem ersten – und extrem kurzen – Rendezvous einer Sonde mit einem Kometen.

Aber auch eine Reserve-Version von «Rosina» wird zu sehen sein, das an Bord der Rosetta-Sonde der ESA rund zwei Jahre lang den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko (Tschuri) beschnupperte. Mit einem geplanten Absturz auf den Kometen schloss die Sonde vergangenen September ihre Arbeit ab.

Spektakuläre Erkenntnisse

«Rosina» analysierte die Zusammensetzung der Ausgasungen des Kometen und lieferte einige der spektakulärsten Erkenntnisse der ambitionierten ESA-Mission. So zum Beispiel, dass Tschuri eine einfache Aminosäure und damit einen wichtigen Baustein des Lebens trägt, oder dass ähn­liche Kometen zumindest einen Teil der Edelgase und des Wassers auf die Erde gebracht haben. «Es war neben der Kamera das wichtigste Instrument an Bord», ist Balsiger überzeugt.

Massenspektrometer bleiben auch in Zukunft ein wichtiges Standbein für die Erforschung des Alls von Bern aus. Es sind jedoch weitere dazugekommen. So setzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Bern für heutige und kommende Missionen beispielsweise auch auf Kamerasysteme.

So umkreist derzeit eine in Bern entwickelte ­Stereokamera an Bord der ESA-Mission «Exomars» unseren roten Nachbarplaneten und soll wichtige Hinweise auf Spuren von möglichem flüssigem Wasser auf dem Mars liefern.

Derzeit läuft in den Laboren der Uni Bern ausserdem die heisse Testphase für das Cheops-Weltraumteleskop, mit dem die ESA ab Ende 2018 ferne Planeten bei anderen Sternen untersuchen will.

Im gleichen Jahr startet eine ESA-Sonde zum Merkur, ebenfalls mit Berner Messinstrumenten an Bord: Bela, das per Lasermessungen eine 3-D-Karte der Merkuroberfläche erstellen soll, sowie das Massenspektrometer Strofio, das die Zusammensetzung der Atmosphäre des Merkurs untersuchen wird.

Guter Ruf dank Präzision

Nach 50 Jahren hat sich die Berner Weltraumforschung definitiv von den «Kleinen» mit den guten Ideen zu einer der «grossen» Adressen für Forschung im All gemausert. Den international guten Ruf hat dieser Forschungszweig insbesondere auch der Schweizer Präzision der hier entwickelten und gemeinsam mit der Schweizer Industrie gebauten Messgeräte zu verdanken, ist Peter Wurz überzeugt.

Wie bei der ersten Feuerprobe 1967 ist auch heute noch die Zeit oft sehr knapp bemessen. «Man stellt den Antrag Jahre im Voraus und beschreibt, was man sich vorstellen könnte, was man bis dahin schaffen möchte», so Wurz. «Dann kommen natürlich un­vorhersehbare Probleme, und die Zeit rinnt davon. Aber wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, dann wird man wirklich kreativ.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt