Snus-Verbot sorgt für Verwirrung

Gut 1,7 Millionen Menschen in der Schweiz sind nikotinabhängig. Die meisten von ihnen rauchen Zigaretten. Einige greifen aber auch zu alternativen Produkten wie zum Beispiel Snus – trotz zahlreicher Restriktionen der Behörden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Högsbo, einem schmucklosen Industrievorort südlich von Göteborg, steht ein rotes Backsteingebäude. Aus Sicht der Schweden ist dies ein normaler Industriebau unter vielen, nichts Besonderes. Aus Sicht der Schweiz hingegen symbolisiert das Gebäude gewissermassen die Absurdität der eigenen Tabakgesetzgebung.

Finn Lundström und David Wilson, beide knapp über 20-jährig, füllen hier tagtäglich Dutzende Pakete mit Dosen ab. Diese ­Dosen tragen Namen wie «Göteborgs Rapé» oder «Smålands Brukssnus». Der Inhalt: Snus, schwedischer Oraltabak. Ein bis drei Tage später landen die online bestellten Waren allesamt im ­selben Land, der Schweiz. «Die meisten unserer Kunden bestellen per Expresslieferung», sagt Lundström, der CEO des 2016 ins Leben gerufenen Start-ups Snushof AB. «Es muss meistens sehr schnell gehen.»

Die Kunden sind mit dem Service der beiden jungen Schweden anscheinend zufrieden. In nur einem Jahr sendeten sie bereits über 160 000 Dosen in die Schweiz. Bei einem durchschnittlichen Stückpreis von rund 5 Franken ist die erste Million Umsatz also bald schon erreicht. Die Frage stellt sich: Wie ist es möglich, dass zwei junge Schweden mit einem einzigen Land in so kurzer Zeit ein Geschäft aufziehen konnten?

Verbot sorgt für Verwirrung

Die Antwort auf diese Frage findet sich in der hiesigen Tabakgesetzgebung. Bis vor einem Jahr hätte man die Dosen, die Lund­ström und Wilson abpacken, auch an Schweizer Kiosken kaufen können. Dies, weil die Tabakgesetze in der Schweiz enorm ­widersprüchlich sind (siehe Kasten). Zwar ist Snus seit 1991 offiziell verboten. Aber weil Kautabak gleichzeitig legal ist, konnte das Produkt lange Zeit unter diesem Namen importiert werden. Der Etikettenschwindel funktionierte – bis im Sommer 2016 das Bundesamt für Gesundheit (BAG) aktiv wurde.

Mit einer Weisung beriefen sich die Behörden auf das alte Verbot, und seither herrscht die totale Verwirrung. Denn mit Logik ist die neue Regelung vom BAG nur schwer erklärbar. Erlaubt ist der Verkauf von Oraltabak in der Schweiz nach wie vor, wenn der Beuteltabak eine «lehmartige» Masse hat. Nicht erlaubt ist es hingegen, wenn der Inhalt in «Pulver- oder Granulatform» daherkommt. Gesünder ist weder das eine noch das andere. Und es gibt auch keinen wesentlichen Unterschied bezüglich Konsumart oder Geschmack. Aber die Weisung blieb nicht ohne Folgen.

Der gewerbliche Vertrieb von Snus ist seither ins Stocken geraten. Die Produktepalette an den Kiosken und Fachgeschäften hat sich reduziert. Stattdessen wird der Oraltabak nun vermehrt aus Schweden privat importiert. Denn: Zum Eigengebrauch ist Snus nach wie vor in allen Formen und Konsistenzen erlaubt. Die Snushof AB von Lundström und Wilson trat also geschickt in eine sich öffnende Marktlücke.

«Rauchstopp ist gefährdet»

Die beiden Schweden hatten dabei prominente Hilfe vom St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann. Dieser gehört selbst zu den Konsumenten von Snus und ist dessen grösster Verfechter in der Schweizer Politik. Im Parlament machte er bereits zahlreiche Vorstösse, um den Rechtsunsicherheiten bezüglich Snus ein Ende zu bereiten – ohne Erfolg.

Um mehr politisches Gewicht zu erhalten, war Reimann auch Mitbegründer des 2013 ins Leben gerufenen Vereins Freesnus. Auch mit dabei: Finn Lundström, der acht Jahre seines Lebens in der Schweiz verbrachte. «Reimann hat Freesnus zum Fliegen gebracht», sagt Lundström heute.

«Eine neue, hässliche Droge»

Auch Snushof AB brachte Reimann «zum Fliegen», denn als das neuerliche Verbot vom BAG ausgerufen wurde, fungierte ­Reimann quasi als politisches Maskottchen für das Start-up. Finanziell sei Reimann am Unternehmen nicht beteiligt, sagt Lundström. Aber der SVP-Nationalrat rührte vor allem bei der Unternehmensgründung kräftig die Werbetrommel. Argumentiert wurde damals auch mit dem Aspekt der Gesundheit: «Wenn die Menschen keinen Zugriff mehr auf Snusprodukte haben, ist ihr Rauchstopp gefährdet», stand in der ersten Medienmitteilung.

Aber ist nicht auch der Konsum von Snus bedenklich? Auf diese Frage hatte man in den 90er-Jahren noch eine andere Antwort als heute. In den Medien hatte der Oraltabak aus Schweden einen schweren Stand. «Snus – eine neue, hässliche Droge überfällt die Schweiz», berichtete etwa der «Blick». Die Wirtschaftszeitschrift «Cash» nannte Snus «eine grausliche, mundkrebserregende Perversität.» Kein Wunder, hatte das im Sommer 1991 von Peter Hess – damaliger Zuger CVP-Nationalrat und Verwaltungsrat von British American Tobacco – eingereichte Postulat zum Verbot von Snus Erfolg.

In den 90er-Jahren war Snus die «neue, hässliche Droge», welche die Schweiz überfällt.

Heute weiss man: Gesundheitlich ist «snusen» zwar nicht gänzlich unbedenklich. Aber zahlreiche Studien beweisen, dass diese Art von Tabakkonsum weit weniger schädlich ist als zum Beispiel jener von Zigaretten. Beim «snusen» wird der in Beutelchen abgefüllte Tabak unter die Oberlippe geklemmt. Die Lunge wird so – im Gegensatz zum Rauchen – nicht beeinträchtigt.

Auch E-Zigis sind betroffen

Auch in der Schweizer Politik gibt es mittlerweile weitgehend die Einsicht, dass es keinen guten Grund gibt, Zigaretten weiter zuzulassen, während Snus verboten ist. Aber die Mühlen in Bern mahlen langsam, wenn es um die Zulassung neuer Nikotinprodukte geht.

Das bekamen vor zwei Jahren auch die Konsumenten von nikotinhaltigen E-Zigaretten zu spüren. Nachdem der Verkauf lange Zeit legal war, schritt 2015 das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen ein und verhängte eine Allgemeinverfügung. Seither müssen sich die E-Zigaretten-Konsumenten ihre nikotinhaltigen Flüssigkeiten selbst importieren.

Ein Geschenk für Berset

Nicht nur aus Sicht der Gesundheit machen diese Verbote wenig Sinn. Auch wirtschaftlich entgehen der Schweiz so Millionen Franken an Wertschöpfung. Zwar sollen Konsum und Verkauf von Snus und E-Zigaretten mit dem neuen Tabakproduktegesetz geregelt werden. Dieses tritt aber frühestens Mitte 2022 in Kraft.

Obwohl ihr Umsatz dann wohl zurückgehen wird, wünschen sich die beiden jungen Schweden die Aufhebung des Snusverbots in der Schweiz. Sie geben an, dass sie ihre Gewinne heute in «politische Aktionen gegen das Snusverbot» reinvestieren. Eine solche Aktion war auch die Lieferung der 100 000. Dose. Diese schickten sie an Gesundheits­minister Alain Berset – als Geschenk mit politischer Botschaft.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 16.11.2017, 14:05 Uhr

Schweizer Tabakbauern sind Subventionskönige

2015 gab es in der Schweiz 166 Tabakbauern. Diese wurden mit 16,6 Millionen Franken subventioniert. Wie ist das möglich?

Wer heute ein Zigarettenpäckli kauft, füllt damit gleich mehrere Kässeli. Die gängigsten sind bekannt: Tabaksteuer, Mehrwertsteuer und natürlich das Bankkonto des Zigarettenherstellers. Aber es gibt noch zwei zusätzliche, weniger bekannte Abgaben. Je 0,13 Rappen pro Zigarette fliessen einerseits an den Tabakpräventionsfonds, andererseits an den Sota-Fonds. Diese Sota ist die Einkaufsgenossenschaft für Inlandtabak.

In der Schweiz gab es 2015 166 Tabakbauern. Weil der Anbau von Tabak hier ungleich kostenintensiver ist als im Ausland, können diese Produzenten nicht annähernd zum Weltmarktpreis liefern. Deshalb greift die behördliche Regelung ihnen unter die Arme. Per Gesetz sind die drei grossen Zigarettenhersteller in der Schweiz (Philip Morris, Japan Tobacco International und British American Tobacco) verpflichtet, die gesamte Schweizer Tabakernte abzunehmen. Sie zahlen dafür aber den «normalen» Preis. Die Differenz zahlt den Bauern die bereits erwähnte Sota. So bekommen die Schweizer Tabakbauern mehr als das Fünffache des Weltmarktpreises.

2015 bedeutete das für die Schweizer Tabakbauern, dass sie von der Sota mit 16,6 Millionen Franken vergütet wurden. Weil der Tabakanbau aber arbeitsintensiv ist, lohnt sich das Geschäft für die Bauern trotzdem nicht so richtig. Das erklärt, wieso es jedes Jahr weniger Tabakproduzenten gibt.

Dass mit demselben Betrag (jährlich rund 15 Millionen Franken) der behördliche Tabakpräventionsfonds unterstützt wird, ist quasi ein Widerspruch in sich selbst. Wenn man bei diesem Fonds die Einnahmen analysiert, sieht man: Im Gegensatz zu den Tabakbauern bleibt die Anzahl Raucher relativ stabil. Dafür haben sich die Personalkosten für die Verwaltung des Fonds seit 2008 verdreifacht.qsc

Artikel zum Thema

Weniger Raucher wegen Snus? Im Gegenteil

Forscher haben untersucht, ob Schnupftabak und Snus bei Schweizer Rekruten zu weniger Zigarettenkonsum führen. Mehr...

Bersets Tabakgesetz löst sich in Rauch auf

Zurück auf Feld 1: Gesundheitsminister Alain Berset läuft mit ­seinem Plan, die Tabakwerbung stärker ­einzuschränken, auch im Nationalrat auf. Die Linke schimpft, der Jugendschutz werde wirtschaftlichen Interessen geopfert. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die glücklich machen
Tingler Verschwunden

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...