Skiorte müssen attraktiver werden – aber wie?

Der starke Franken sorgt im Wintertourismus für viele Diskussionen. Allerdings sind Auswirkungen wie Stornierungen bisher ausgeblieben. Trotzdem wollen Regionen wie Adelboden oder Wildhaus attraktiver werden.

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Rahel Guggisberg
Juliane Lutz@JulianeLutz

Schon vor der Aufwertung des Frankens galten Winterferien in der Schweiz als teures Vergnügen. Nicht nur für Bewohner des Euroraums. Doch inwieweit spüren Wintersportgebiete nun zusätzlich den vor einem Monat gefällten Entscheid der Nationalbank zur Aufhebung des Euromindestkurses?

Sanfte Delle im Graubünden

In Graubünden drücken sich die Verantwortlichen vorsichtig aus. Auf der Lenzerheide, deren Gäste zu 80 Prozent aus der Schweiz stammen, herrsche ein zögerliches Buchungsverhalten. «Sowohl bei Schweizern wie auch aus dem Euroraum», so Bruno Fläcklin, Geschäftsführer der Lenzerheide Marketing und Support AG. Das Gros der ausländischen Besucher stammt aus Deutschland, gefolgt von Niederländern und Belgiern.

Im Bereich der Tagesgäste bewege man sich bisher leicht hinter dem Vorjahr, was aber auf den verspäteten Saisonbeginn zurückzuführen sei.

In Davos und Klosters läuft der Februar gut. «Jetzt machen hauptsächlich Familien Ferien, die haben schon lange im Voraus gebucht», sagt Nuot A.Lietha, Medienchef der beiden Orte. Für den März seien noch nicht so viele Buchungen eingegangen wie auch schon. Geplant sei deshalb, noch in der laufenden Wintersaison die Mehrwertangebote der Hoteliers, Beizer und Bahnen verstärkt zu kommunizieren.

In Zermatt spürt man die Aufhebung der fixen Franken-Euro-Grenze kaum. «Es gab wenige Stornierungen von Logiernächten», sagt Edith Zweifel von Zermatt Tourismus. 40 Prozent aller Gäste in Zermatt seien aus der Schweiz. Man habe seit vielen Jahren treue Stammkunden. «Sie machen 80 Prozent aller Gäste aus und kommen immer wieder in die vielen familiengeführten Hotels», sagt Zweifel. Rabatte und Fixkurse wollen die Zermatter nicht einsetzen.

«Bereiten Massnahmen vor»

Auch in der Jungfrauregion gab es bisher nur wenige Abbuchungen, sagt Sprecherin Christine Flück. Sie betreut die Gebiete Grindelwald, Wengen, Mürren, Lauterbrunnen und das Haslital. Man gehe aber davon aus, dass der neue Franken-Euro-Wechselkurs Spuren hinterlassen werde. «Darum bereiten wir Massnahmen vor», so Flück. Ab dem 16. Februar gebe es in der Jungfrauregion «Zwei für eins»-Angebote für Hotel und Skipass.

Adelboden: Entschleunigung für gut situiertes Publikum

Klar ist, dass im Hochpreisland Schweiz Winter- und Feriensportorte noch attraktiver werden müssen, um weiter Gäste aus dem In- und Ausland anzuziehen. Adelboden etwa zeigt, wie sich Skiorte für die Zukunft rüsten können. Das Dorf positioniert sich als Ort der Entschleunigung für ein gut situiertes Publikum. Es ist in schöner Wintervormittag in Adelboden, als diese Zeitung einen Augenschein vor Ort nimmt. Vor dem Restaurant Adlerstube sitzt eine Handvoll Gäste im Freien, und ein paar Einheimische kaufen in der Dorfstrasse ein. Ausländische Stimmen hört man selten. Rund 70 Prozent der Feriengäste sind Schweizer. Der Rest kommt hauptsächlich aus Deutschland, Grossbritannien und den Beneluxländern.

Mehr fürs Geld

«Zu nennenswerten Stornierungen kam es nach der Aufwertung des Frankens nicht», sagt Urs Pfenninger, Direktor von Adelboden-Frutigen Tourismus. Diesen Monat etwa seien Hotels zu 73 Prozent ausgebucht und Ferienwohnungen zu etwa 80 Prozent. «Es könnte besser sein, ist aber auch nicht schlecht,» lautet sein Fazit. «Man muss den Gästen aber noch mehr bieten, damit sie uns erhalten bleiben», sagt Pfenninger. Wohl wissend, dass 15 bis 20 Prozent günstigere Skiferien woanders die besten Absichten unterminieren können.

«Wer in der Schweiz Ferien macht und mehr zahlt als im Ausland, erwartet Topqualität in der Hotellerie und der Infrastruktur sowie ein spezielles Ambiente», sagt Nicole Brändle Schlegel, Tourismusexpertin bei der Credit Suisse. Orte, die dies bieten könnten, hätten auch künftig gute Chancen.

In-Ziel für Gutverdienende

«Derzeit gilt es aufgrund der hohen Preise als etwas unattraktiv, in der Schweiz Ferien zu machen», sagt Anke Lock. Sie leitet in Adelboden das Designhotel The Cambrian. Doch könne man einen Nichttrend in einen Trend verwandeln und das Land zu einer internationalen Topdestination für die Gutverdienenden machen. Lock scheint das ganz gut zu gelingen. Sie verstärkte bereits vor der Frankenaufwertung Marketingaktivitäten in den USA und Asien und zählt ein gut situiertes Publikum aus aller Welt zu ihren Gästen.

In Österreich sei man in Sachen Tourismus schneller und oft auch kreativer, doch die Schweiz geniesse im Ausland noch einen ganz anderen Stellenwert, besonders in Asien, so Lock. Die Schweiz gelte als eine Art heile Welt, in der es nie Krieg gab – mit intakten Städten, schöner Natur und hoher Lebensqualität.

Sie findet, dass im positiven Image der Schweiz noch viel nutzbares Potenzial steckt. Doch um dieses voll auszuschöpfen, müsse sich Adelboden entscheiden, ob es zu einer Toptourismusdestination werden will. «Dafür müsste das Dorf noch erlebenswerter gemacht und vor allem seine Bekanntheit im Ausland gesteigert werden», so die Hoteldirektorin.

Entschleunigung als Nische

«Wir brauchen eine klarere Orientierung», sagt auch Tourismuschef Pfenninger. Er möchte im Kampf um Gäste die Nische Entschleunigung, Gemütlichkeit und Genuss noch vertiefen: Ländlermusik statt dröhnender Beats und feine Grillspezialitäten statt Massen-Fast-Food in den Hütten. Anziehen will er die gehobene Mittelklasse aus dem In- und Ausland. Damit das Ziel erreicht werden kann, sollen Berggastronomie und Wellnessangebote ausgebaut sowie Wintersportaktivitäten fernab der Pisten weiter etabliert werden. Auch das Hotelportfolio soll aufgerundet werden. Vor allem die Mittelklassehotellerie müsse noch ihre Ausrichtung finden.

Angebote für den Sommer

In der Wintersaison 2014 nutzten 1,1 Millionen Menschen die 72 Bergbahnen von Adelboden-Lenk. Damit ist die Region nach Zermatt und Davos das am drittmeisten besuchte Skigebiet der Schweiz. Dieses Niveau einigermassen ohne grössere Einbrüche zu halten, ist das Ziel von Markus Hostettler, Direktor der Bergbahnen Adelboden AG. «Rabatte sind keine Option. Wir können nur mit der bisherigen Qualitätsstrategie weiterfahren», sagt er.

Das heisst eine noch bessere Erschliessung der Bergwelt. So soll ab 2016 eine neue Bahn vom Bergläger zum Höchsthorn führen und auch im Sommer laufen. Dadurch erschliesse sich ein neues Netz an Höhenwanderwegen, so Hostettler.

Klar ist, dass man in Adelboden längst auf Sommertourismus setzt. Seit 2014 bringen Bahnen Wagemutige zum Hochseilparcours Höi-Turm auf Sillerenbühl. Trottinettfahrten bergabwärts sind schon länger der Renner, und ein Golfplatz auf der Engstligenalp zieht auch Nichtwintersportler an. Mehrwert, den andere Skigebiete in Zeiten des starken Frankens herausstreichen, gibt es in Adelboden bereits. So sind Bergbahnen im Sommer in den Hotelpreisen eingeschlossen.

Übergreifende Kooperation

Und was beim grossen Konkurrenten Österreich längst praktiziert wird – tal- oder überregionale Zusammenarbeit –, gibt es ab Mitte Februar auch in der Region Adelboden, Frutigen, Kandersteg. Eine Hotelkooperation, in der gemeinsam Marketingaktivitäten entwickelt, Versicherungen abgeschlossen und Einkäufe getätigt werden.

Wildhaus: Bergbahnen setzen auf Komplettangebote

Auch Wildhaus ist ein Beispiel, das zeigt, wie sich ein Skiort für die Zukunft rüsten kann. Schnee hat Wildhaus genug. Der Wandel beim Franken-Euro-Kurs ist für die Bergbahnen Wildhaus AG jedoch die grössere Herausforderung als das Klima.

Das Klima bereitet Urs Gantenbein keine Sorgen. «Unser Skigebiet gilt als schneesicher», sagt der Geschäftsführer der Bergbahnen Wildhaus AG. Derzeit sind alle Pisten des Toggenburger Wintersportorts geöffnet, und auch im Dorf liegt Schnee. Trotzdem war die Schneesicherheit der Diskussionspunkt bei der Bewerbung um ein nationales Schneesportzentrum in Wildhaus. Gemäss dem Urteil des Bundes könnte die geplante Unterkunft auf 1100 Metern in Sachen Schnee nicht mit den Konkurrenten mithalten. Dieselbe Bewertung erhielt Grindelwald.

Mit dem Schnee im Toggenburger Skigebiet, das bis auf 2260 Meter reicht, hat diese Bewertung aber nichts zu tun. Und auch wenn der Kanton St.Gallen die Bewerbung inzwischen zurückgezogen hat, hatte sie etwas Gutes: Die Region stehe wieder vereint hinter dem Wintertourismus, so Gantenbein. Schliesslich sei im Vergleich zu früheren Jahren ein Schneerückgang weder spür- noch messbar, und auch für die Zukunft ist Gantenbein aufgrund der Lage des Toggenburgs und der Exposition der Hänge sehr zuversichtlich.

Komplettanbieter

Einen Wandel stellt Gantenbein allerdings bei der Anspruchshaltung der Gäste fest. Die Mentalität einer Nullfehlertoleranz habe sich auch gegenüber Umweltbedingungen eingestellt: «Piste und Wetter sollten jederzeit perfekt sein, und wehe, es hat an Weihnachten keinen Schnee.» So können von den sechzig Pistenkilometern siebzehn mit Schneekanonen beschneit werden. Auch das Kundenverhalten hat sich geändert: «Man will nicht nur Skifahren», so Gantenbein. Nach einem halben Tag wechseln Pistenfahrer vielleicht zum Schlitteln oder Schneeschuhlaufen.

Die Wildhauser Bergbahnen haben diesen Trend aufgenommen und wurden zum Komplettanbieter. Vollständige Anlässe, gar ganze Skilager können sie aus einer Hand anbieten. Denn neben den Bahnanlagen gehören ihnen zwei Berggasthäuser samt zweihundert Betten sowie ein Sportgeschäft. Kunden können also mit einem einzigen Ansprechpartner Transport, Material, Verpflegung und Unterkunft regeln. Mit solchen Paketlösungen versuchen sich die Bergbahnen von der nur wenige Kilometer entfernten österreichischen Konkurrenz abzuheben, «denn über Preise geht das nicht», so Gantenbein.

Zwar habe sich bei den Skipässen der Unterschied zu Vorarlberger Preisen in letzter Zeit verkleinert. Mit der Aufhebung des Euromindestkurses habe man aber einen herben Rückschlag erlitten. «Und bei der Gastronomie waren und sind wir preislich aufgrund der Schweizer Kostenstruktur chancenlos.»

Der Wildhauser Gemeindepräsident Rolf Züllig sieht nicht nur schwarz. Nicht der Preis allein bestimme das Verhalten der Gäste, die zu rund 80 Prozent aus der Schweiz stammten: «Wir sollten auf unsere guten Produkte und eigenen Leistungen vertrauen», sagt Züllig. «Wenn diese stimmen, bleiben die Gäste.»

Toggenburger Klänge

Künftig soll eine neue Gondelbahn auf den Chäserrugg führen, für das Gipfelrestaurant zeichnet das Basler Architekturbüro Herzog&De Meuron verantwortlich. Das wird zusätzliche Sommergäste anlocken. Doch insgesamt setzen die Bergbahnen auf den Wintertourismus, denn Wintergäste geben mehr Geld aus. Die Gemeinde allerdings möchte laut ihrem Präsidenten auch die schneefreie Zeit stärker beleben. Dabei setzt sie nicht auf Kletterparks oder andere technische Erlebnisinszenierung. Sie beschreitet sanftere Pfade. Etwa mit dem Klangweg, den jährlich bis zu 40'000 Personen begehen. «Das Thema Klang entwickeln wir nun gezielt weiter», so Züllig.

Berner Zeitung

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