Sie retten Leben in der Weihnachtszeit

Lausannes Bessières-Brücke ist ein berüchtigter Ort für Selbstmorde. Eine Gruppe wacht während der Festtage, dass sich niemand in den Tod stürzt.

Sie trotzen heftigen Winterstürmen: Freiwillige des Projekts «Feu de Solidarité» verbringen die Nacht auf der Bessières-Brücke in Lausanne. Foto: Philippe Mäder/24 Heures

Sie trotzen heftigen Winterstürmen: Freiwillige des Projekts «Feu de Solidarité» verbringen die Nacht auf der Bessières-Brücke in Lausanne. Foto: Philippe Mäder/24 Heures

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Der Weihnachtszauber ist weit weg. Von der grandiosen Aussicht auf den Genfersee ist wenig zu sehen. Auf dem Lausanner Pont Bessières in der Innenstadt geht ein zügiger Wind. Immer wieder regnet es. Autos rauschen vorbei und bringen die Brücke in Schwingung. Passanten hasten, Regenschirme und Geschenkspackungen balancierend, von einer Seite zur anderen. Auf einem der beiden Trottoirs stehen vier Personen zwischen zwei kleinen Holzhütten und wärmen sich ihre Hände über einem Feuer. Es ist bitterkalt. Dann und wann nimmt jemand ein Holzscheit und wirft es ins Feuer.

«Eine Stunde später wäre ich tot gewesen.»Herbert Stock, Koordinator «Feu de Solidarité»

Lausannes Pont Bessières ist ein berüchtigter Ort. Regelmässig stürzen sich Menschen von der 23 Meter hohen Brücke in den Tod. Von Weihnachten bis nach Neujahr wachen gegen 40 Freiwillige, dass sich niemand etwas antut. Zwischen 19 und 80 Jahre alt sind sie und zu zweit oder zu dritt rund um die Uhr auf der Brücke präsent. Sie trotzen selbst heftigsten Winterstürmen. «Feu de Solidarité» (Solidaritätsfeuer) nennen sie ihr Projekt.

Koordinator Herbert Stock sagt: «Weihnachten und Neujahr sind emotionale Tage. Trauer, Kummer und Ängste können an diesen Tagen Menschen besonders bedrücken und zu heftigen Reaktionen führen, etwa wenn sie schwere Schicksalsschläge erlitten oder einen geliebten Menschen verloren haben.» Wer von dieser Brücke hier springe, überlebe mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.

Stock, ein Lausanner mit Tiroler Wurzeln, weiss, wovon er spricht. Er versuchte sich als 27-Jähriger selbst das Leben zu nehmen, wegen «Familienproblemen», wie er sagt. Er habe einen Medikamentencocktail genommen. Ein Freund habe ihn rechtzeitig gefunden und medizinische Hilfe gerufen. «Eine Stunde später wäre ich tot gewesen», sagt Stock. «Die Angst bleibt», sagt er. Die Angst, fast gestorben zu sein. Doch er fand sein Weg zum Glück. Heute will er andere Menschen vom Suizid abhalten.

Das Leben verändert

Herbert Stock ist der einzige Helfer auf dem Pont Bessières, der sich an diesem Abend mit vollem Namen vorstellt. Seine Kolleginnen und Kollegen sagen, sie gehörten zu den vielen freiwilligen Helfern, also müssten ihre Vornamen genügen. Auch Annekäthi, Sekretärin und einst aus Ostermundigen nach Lausanne gezogen, steht da. Sie hat auf der Brücke einer Frau das Leben gerettet. «Ich habe gesehen, wie eine Frau auf der Brücke hin und her lief und bin auf sie zugegangen. Zwei Stunden lang haben wir geredet», erinnert sich Annekäthi. Dann ist die Frau gegangen.

Die Freiwilligen haben bereits viele Lebensmüde vom Sprung in den Tod abgehalten. Foto: Philippe Reichen

Ein Jahr später tauchte sie wieder auf und gestand: «Ich wollte springen. Danach habe ich mein Leben geändert». Die Bernerin sagt bewegt: «Ein Jahr später war sie ein anderer Mensch, auch physisch. Sie hatte ihr Leben komplett verändert. Ich hätte nie gedacht, dass sie wiederkommt.»

Annekäthi blickt auf und ab. Immer wieder spazieren Passanten am «Solidaritätsfeuer» vorbei. Viele Grüssen freundlich und wünschen «frohe Weihnachten». Andere fragen, was die Gruppe denn tue. Einige denken, es handle sich um ein Obdachlosenprojekt. Ein Amerikaner regt an: «Kocht über dem Feuer Suppe!» Doch Suppe kochen geht nicht. Man hat eine andere Mission, muss wachsam bleiben, was auf der Brücke passiert. Verpflegung bringen andere. «Es gibt Leute, die uns spontan Suppe bringen. Ein Taxifahrer liefert jeden Morgen Gipfeli», sagt Herbert Stark.

«In die Telefonkabine geschleppt»

Ausgebildete Psychologen oder Experten für Kriseninterventionen stehen keine auf dem Pont Bessières. Die meisten Berufsleute arbeiten nicht einmal im Sozialwesen. Man wolle so natürlich wie möglich auf die Menschen zugehen, eine Art Störenfried sein, wenn jemand mit Suizidabsichten auftauche, heisst es. Manche wollen auch einfach über Dinge sprechen, die sie bewegen.

Esther, die als Übersetzerin an Waadtländer Gerichten arbeitet, opfert seit Jahren ihre Festtage auf der Brücke. Einmal riss sie im letzten Moment eine Frau vom Brückengeländer, die in den Tod springen wollte. Die Szene war dramatisch. «Die Frau war 80 und ich 40 Kilo schwer. Ich hatte noch kein Handy und schleifte die schreiende und um sich schlagende Frau mit letzter Kraft in eine Telefonkabine. Dort rief ich dann die Polizei an und schloss die Frau in der Kabine ein.» Was ist aus ihr geworden? Esther zuckt mit den Schultern. Das wisse sie nicht.

Ein anderes Mal tauchte mitten in der Nacht ein Jugendlicher auf der Brücke auf. Er sagte, er sei aus dem Jugendheim geflohen. Die Polizei suchte nach ihm. Weil in einer der Holzhütten stets eine Matratze und ein kleiner Heizstrahler steht, quartierte Esther den jungen Mann kurzerhand bei sich ein. Fünf Tage lang blieb er da. Das Jugendheim war einverstanden.

Esther erinnert sich: «Vor rund vier Jahren stand plötzlich ein gross gewachsener Mann auf der Bessières-Brücke vor mir und fragte: ‹Kennst du mich noch?›» Esther verneinte. «Es war der Jugendliche von damals», ruft sie. «Er hatte eine Arbeit, eine Wohnung und eine Freundin. Es ging ihm prächtig. Er war in einer Krise und brauchte einfach die Zeit, wieder zu sich und zu seinem Weg zu finden.»

Der Chevalier im Napoleon-Kostüm

Esther gehört zu den wenigen Aktivisten, die den Gründer der Solidaritätsaktion gekannt hatten. Joël Albert hiess der Mann. Im Dezember 1980 stürzte sich jemand vor seinen Augen von der Bessières-Brücke in den Tod. Weil Joël Albert zu weit weg war, konnte er nicht eingreifen. «Das darf sich nie wiederholen», sagte er sich und stellte jeweils an Weihnachten und Neujahr bei der Brücke sein Zelt auf. «Chevalier du Pont Bessières» (Ritter der Bessières-Brücke) nannte sich Joël Albert und trat dann und wann auch mit einem Napoleon-Kostüm in Erscheinung. Eine Bewilligung für seine Aktion holte er nicht ein, weswegen die Stadtpolizei den «Chevalier» mehrfach von der Brücke holte und in Gewahrsam nahm.

1995 starb Joël Albert. Sein Projekt lebt weiter. Doch sein Wunsch, dass sich nie mehr jemand an den Festtagen von der Brücke stürzt, erfüllte sich nicht. Letztes Jahr ereignete sich ein Drama. Die Gruppe war kurz vor Weihnachten gerade dabei, sich einzurichten, als ein junger Mann auf das Dach einer der beiden Hütten sprang und sich von da in die Tiefe stürzte. Er landete schwer verletzt auf einem Autodach und ist heute querschnittgelähmt. Stock sagt: «Es ging alles blitzschnell. Wir waren traumatisiert. Aber der Fall zeigt: Wenn jemand von der Brücke stürzen will, dann findet er einen Weg, dies zu tun, selbst wenn wir das mit allen Mitteln verhindern wollen.»

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