Sie erntet mehr als Kalorien

Kleinbäuerin Regina Fuhrer lehnte die Volksinitiative «Für Ernährungssicherheit» ab. Am Gegenvorschlag des Par­laments hat sie nun Gefallen gefunden. Auf dem Hof der Familie am Berner Längenberg erläutert sie, warum.

Regina Fuhrer wehrt sich als Präsidentin der schweizerischen Kleinbauern-Vereinigung dagegen, dass Bauernhöfe immer grösser und industrieller werden.

Regina Fuhrer wehrt sich als Präsidentin der schweizerischen Kleinbauern-Vereinigung dagegen, dass Bauernhöfe immer grösser und industrieller werden.

(Bild: Manuel Lopez)

Christoph Aebischer@cab1ane

Unter Bauern steht Regina Fuhrer mit ihren politischen An­sichten oft allein da. Sie ist ursprünglich Städterin, gelernte Handweberin und dazu Sozial­demokratin. Aber von Landwirtschaft versteht sie etwas. Denn die ausgebildete Bäuerin führt seit dreissig Jahren mit ihrem Mann Res den Hof Eggacker in Burgistein. Das 240-jährige Bauernhaus mit seinen 12,8 Hektaren Land liegt malerisch am Hang des Längenbergs mit Blick auf die Berner Alpen.

Regina Fuhrer engagiert sich als Präsidentin der schweizerischen Kleinbauern-Vereinigung, die 200 Bauern vor 37 Jahren gründeten. Wie viele der heute 5000 Mitglieder tatsächlich ­Bauern sind, ist unbekannt. Der Verein versteht sich als Bauern- und Konsumentenorganisation. Er wehrt sich dagegen, dass Schweizer Bauernhöfe immer grösser und industrieller werden sollen.

Das Bauernhofsterben, welches das Bundesamt für Landwirtschaft als Strukturwandel für unausweichlich hält, ist für die Vereinigung kein Naturgesetz. Fuhrer be­dauert den Verlust an Strukturvielfalt ausdrücklich und bezweifelt dessen Sinn: «Was bringt es, wenn es 10'000 Bauernhöfe weniger gibt? Wir sind deswegen immer noch nicht EU-kompatibel», sagt sie. Die Basis für eine nachhaltige Versorgung mit Lebensmitteln jedoch werde schmäler.

Zuerst ein Nein, jetzt ein Ja

Interessant ist die Haltung der Kleinbauern zur Abstimmung vom 24. September über die Ernährungssicherheit. Die mittlerweile zurückgezogene Volksinitiative «Für Ernährungssicherheit» des Schweizer Bauernverbands, die den Gegenvorschlag provozierte, über den nun abgestimmt wird, lehnte die Vereinigung ab. Fuhrers Kommentar: «Der Bauernverband wollte einseitig die Produktion verstärken.» Das ist kein gangbarer Weg für sie.

Ernährungssicherheit, diese Haltung vertrete im Übrigen auch der von der Weltbank und den Vereinten Nationen iniziierte Weltagrarbericht, funktioniere nicht ohne Kleinbauern. Die noch 54 000 Bauernhöfe in der Schweiz müssten vielseitig bleiben, das heisst gross und klein, in der Produktion diversifiziert und auf die Wünsche der Konsumenten fokussiert. Wenn alle im grossen Stil Zuckerrüben anbauen würden, ergebe das zwar mehr Kalorien, aber eine solche Produktion gehe an den Kundinen und Kunden vorbei. Diesen würden eben auch Beeren schmecken.

Den Gegenvorschlag des Parlaments, ein Zusatz zum Verfassungsartikel 104 mit seinem Konzept zur Ernährungssicherheit, bezeichnet Fuhrer hingegen feierlich als «weise», verlange er doch eine schonende Produktionsweise, faire Handelsbeziehungen und thematisiere die Verschwendung von Lebensmitteln. Die Kritik, der geplante Verfassungstext bleibe wirkungslos – sogar der Bundesrat sieht keine Gesetzesanpassungen vor –, teilt die Bäuerin nicht. Sie füllt ihn vorsorglich mit Interpretationen, die auf ihren im Eggacker gelebten Idealen der Landwirtschaft gründen.

Generationen- und Biohof

Seit Anfang Jahr bewirtschaften den Betrieb die Tochter und der Sohn des Ehepaars. Res Fuhrer ist jetzt angestellt, die Ehepartner der neuen Betriebseigentümer arbeiten auswärts, Regina Fuhrer ebenfalls – sofern sie nicht wie bei diesem Besuch gerade auf dem Hof aushilft und etwa die neunmonatige Enkelin hütet.

1987 gehörten Regina und Res Fuhrer zu den Ersten in der Region, die den elterlichen Hof auf Bio umstellten. «Aus Überzeugung», erzählt Regina Fuhrer in der Küche des Bauernhauses. Wenn es heute immer mehr Landwirte tun, weil sich die biologische Produktionsweise auch finanziell auszahlt, stört sie das nicht im Geringsten: «Es braucht jede biologisch bewirtschaftete Hektare.» Denn sinnvoller liessen sich Lebensmittel nicht herstellen, ist die 58-Jährige überzeugt. Darum präsidierte sie auch während zehn Jahren den Verband Bio Suisse.

Sakrosankte Subventionen

Auf dem Biohof Eggacker wird laut Fuhrer wie eh und je von vielem etwas produziert: Vor allem Milch, Getreide, Kartoffeln und Obst. Das reduziere das Ausfallrisiko. Bedeute aber Arbeit für drei und ein Auskommen für einen, ergänzt der Sohn. Ohne Direktzahlungen von jährlich um die 43'000 Franken ginge es jedenfalls nicht. Fuhrer, die seit 2014 im Berner Kantonsparlament politisiert, ist dennoch überzeugt, dass ein Hof wie der ihrige eine Daseinsberechtigung hat und einen Beitrag zur Ernährungssicherheit leistet.

Die Kleinbauernlobbyistin nähme ein Ja am 24. September als Beleg dafür, dass die Schweizer Bevölkerung die Landwirtschaft mit ihren sehr unterschiedlichen Betrieben erhalten will: Schon nur aus topografischen Gründen gehörten dazu neben Grossbetrieben auch solche, wo viel Handarbeit anfalle, dafür wenig Kapital zur Verfügung stehe, was nebenbei die Verschuldung tief halte.

Dass kleinere Bauernhöfe oftmals Nebenerwerbsbetriebe sind, stört Fuhrer nicht. Diese habe es immer gegeben, sagt sie mit Verweis auf Bergbauern, die im Winter am Skilift arbeiten. Klar wäre für sie zudem, dass die Schweizer Landwirtschaft weiterhin in der heutigen Form und Höhe unterstützt werden müsste, also mit rund 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen pro Jahr – einfach anders verteilt. Grosse Höfe würden zu viel erhalten, kritisiert sie.

Das Murren aus Teilen der Bevölkerung über solche Spitzenbezüger könne sie nachvollziehen. Denn der «Gesellschaftsvertrag» zu dieser finanziellen Abgeltung von Leistungen sei anders gemeint, wie eine im Auftrag des Bundesamts für Landwirtschaft erstellte Studie 2015 zeige: Die Mehrheit der Bevölkerung lege Wert auf Familienbetriebe, ökologisch produzierte Lebensmittel und gut gehaltene Tiere.

Die Selbstversorgungsillusion

Regina Fuhrer verstünde ein Ja auch dahingehend, dass die Schweizer Bauern mit weniger Importen produzieren sollten. Dafür nähme sie sogar Abstriche beim Selbstversorgungsgrad in Kauf. Brutto liegt dieser dank Futter und Dünger aus dem Ausland bei etwa 60 Prozent. Netto beträgt er etwa 50 Prozent. Möglich werden selbst diese allerdings nur mit hohem Energieaufwand, beispielsweise in Form von importierten Treib- und Brennstoffen.

Auf dem Eggacker werden zwar nicht nur, aber auch deswegen Pferde zur Arbeit eingespannt. An diesem sonnigen Tag im August lockert der Dreispänner das abgeerntete Weizenfeld mit der sicher bald 100-jährigen Federzahnegge. Danach wird Klee gesät, der den Boden auf natürliche Weise wieder mit Nährstoffen versorgt.

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