Sie baut die zweite Röhre

Valentina Kumpusch ist Grossprojektleiterin für die zweite Röhre des Gotthard-Strassentunnels. Als Frau ist sie eine Ausnahmeerscheinung in der Welt des Bahn- und Tunnelbaus.

Eine Tessiner Zeitung nannte Valentina Kumpusch «Miss Gottardo» – sonst der Titel einer prämierten Kuh. Foto: Claudio Bader (13 Photo)

Eine Tessiner Zeitung nannte Valentina Kumpusch «Miss Gottardo» – sonst der Titel einer prämierten Kuh. Foto: Claudio Bader (13 Photo)

Der Abstimmungskampf zum zweiten Gotthard-Strassentunnel sitzt ihr noch in den Knochen. Noch Wochen später wirkt Valentina Kumpusch aufgewühlt, wenn sie angesprochen wird auf die Kontroversen, in die sie als Technikerin unversehens geraten ist. Manche Angriffe von Projektgegnern haben sie getroffen, etwa der Vorwurf, Mitarbeitende des Bundesamtes für Strassen (Astra) seien «Soldaten» von Bundesrätin Doris Leuthard.

Die Bauingenieurin ist die Grossprojektleiterin der zweiten Gotthardröhre. Bereits drei Arbeitsjahre hat sie in das Projekt gesteckt, sie weiss alles über die technischen Aspekte des Bauwerks und über die Sanierung des bestehenden Tunnels. Deshalb war sie eine gefragte Persönlichkeit im Vorfeld der Abstimmung, besonders im Tessin. Aber die politische Debatte, die Zeit der Unsicherheit, sei jetzt vorbei, sagt sie: «Nun hoffe ich, dass man uns in Ruhe arbeiten lässt.»

Zweite Röhre: Ja oder Nein? Vor dem Abstimmung Ende Februar wurde im Parlament heftig argumentiert.

Die Arbeit am Grossprojekt widerspiegelt sich im schlichten Büro in Bellinzona in der Tessiner Astra-Zweigstelle. Akten, Ordner, Baupläne überall. Mittendrin sitzt die zierliche, aber höchst energische Tessinerin. Kumpusch ist überzeugt von der Sanierungsvariante mit der zweiten Röhre. Die Herausforderungen sind aber gross. Kopfzerbrechen bereitet ihr etwa die Frage, wie die Installationsplätze im Norden und Süden gestaltet werden können. Der Talgrund ist beidseits der Portale eng, es wird nicht einfach sein, die Belastung durch Staub und Lärm so annehmbar wie möglich zu halten.

Pionierarbeit am Lötschberg

Für die Tunnelbauerin ist die zweite Röhre gleichwohl nicht annäherungsweise mit anderen Grosstunnelprojekten vergleichbar, mit den Basistunneln am Gotthard oder am Lötschberg etwa. Die Felsbeschaffenheit ist beim Strassentunnel bekannt, die zwei Störzonen etwa 4 Kilometer von den Tunnelportalen entfernt stellen keine ernsthaften Probleme dar. Zudem ist der Tunnel mit 17 Kilometern viel kürzer als die beiden Basistunnel, und es werden nur etwa 200 bis 300 Arbeiter involviert sein.

Kumpusch weiss, wovon sie spricht. Beim Lötschberg-Basistunnel war sie Projektleiterin für den Einbau der Bahntechnik. Eine Pioniertat: Nie zuvor hatte eine Ingenieurin in der Schweiz eine so grosse Baustelle geleitet. Vom Lötschberg ging sie nach Österreich, hat mitgearbeitet bei der Bahntechnik auf der nördlichen Zulaufstrecke zum Brenner-Basistunnel, um danach ein Jahr für die Durchmesserlinie in Zürich tätig zu sein. Dass sie nach so vielen Bahnprojekten einen Strassentunnel verwirklicht, empfindet sie nicht als Widerspruch: «Es sind komplementäre Verkehrsträger.»

Kumpusch spricht Italienisch, ihre Muttersprache, wechselt aber bei Fachausdrücken fliegend ins Deutsche. Vor ihrer Heirat mit einem Österreicher trug sie den Nachnamen Orsenigo. Die Mutter eines achtjährigen Sohns wollte eigentlich Archäologin werden – inspiriert von Krimiautorin Agatha Christie, deren Ehemann diesen Beruf ausübte. Doch bei einer Informationsveranstaltung an der ETH Zürich kam sie auf den Geschmack der Technik. Sie wollte «etwas Praktischeres» arbeiten und wurde Bauingenieurin. Dabei gefällt es Kumpusch insbesondere, Fachleute zusammenzubringen und aus deren Analysen das Wesentliche herauszufiltern. Diese Fähigkeit ist für ihren jetzigen Job entscheidend, denn als Grossprojektleiterin beim Astra ist sie sozusagen die Topmanagerin für den Bau der zweiten Gotthardröhre. Als Frau ist die 42-Jährige eine Ausnahmeerscheinung in der Männerwelt des Bahn- und Tunnelbaus. Für sie selber ist das kein Problem: Schon während des Studiums in Zürich gehörte sie zu einer kleinen Minderheit. Von den Kollegen fühlt sie sich anerkannt und geachtet: «Nur einer von 100 Männern hat vielleicht ein Problem damit, eine Frau als Chefin zu haben.»

Am Gotthard ist Kumpusch nicht nur für den Bau der zweiten Röhre verantwortlich, sondern auch für die Sanierung des Südteils der Passstrasse. Bis 2022 wird die Gesamtverbindung für 300 Millionen Franken saniert. Der südliche Abschnitt zwischen Airolo und dem Hospiz, ein 120-Millionen-Franken-Vorhaben, unterliegt der Verantwortung Kumpuschs. Die Fahrbahn, alle Kunstbauten wie Brücken und Tunnel, aber auch sämtliche Steinschlag- und ­Lawinenverbauungen werden überprüft und nach Bedarf saniert. Im oberen Teil muss neben einem bestehenden Tunnel ein 500 Meter langer Sicherheitsstollen gebaut werden.

Aufgrund ihrer vielfältigen Aufgaben am Gotthard bezeichnete eine Tessiner Zeitung Valentina Kumpusch als «Miss Gottardo». Sie selbst muss über diesen Ausdruck lachen, denn in Airolo ist Miss Gottardo als Titel für die schönste Kuh im Gotthardgebiet bekannt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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