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«Sicherheit steht für die SBB an erster Stelle»

Die Personenverkehrschefin Jeannine Pilloud sagt, sie sei an der Beerdigung des in der Waadt verunfallten Lokführers dabei gewesen: «Dieses Gefühl wollen wir nie mehr haben.»

Unverkrampft, leutselig, entwaffnend offen: Jeannine Pilloud leitet den SBB-Personenverkehr mit 14'000 Mitarbeitern. Sie pendelt täglich von Zollikon nach Bern.
Unverkrampft, leutselig, entwaffnend offen: Jeannine Pilloud leitet den SBB-Personenverkehr mit 14'000 Mitarbeitern. Sie pendelt täglich von Zollikon nach Bern.
Stephan Bösch/Ex-Press

Frau Pilloud, in letzter Zeit häufen sich bei den SBB Unfälle und Verspätungen. Was läuft schief?Jeannine Pilloud: Wir stellen täglich über neuntausend Verbindungen her, da gibt es unweigerlich ungeplante Abweichungen. Meistens können wir ein Problem schnell lösen. In den letzten Wochen und Monaten kamen jedoch erschwerend die vielen Baustellen im Grossraum Zürich hinzu. Wenn in einem so dicht befahrenen Gebiet nur ein Zug nicht fahren kann, dann sind sofort viele Züge im gesamten Netz verspätet. Wir versuchen, das Unmögliche möglich zu machen: Trotz zahlreicher Baustellen läuft der ganze Betrieb. Wir haben keine Verbindung gestrichen. Und, bei aller berechtigter Kritik: Die SBB sind nach wie vor eines der zuverlässigsten Bahnunternehmen der Welt.

Haben Sie die Auswirkungen der Bauarbeiten unterschätzt? Man kann eine solche Situation nicht vorher simulieren. Wenn Sie im Bahnhof Oerlikon zwei neue Gleise bauen und alles umorganisieren müssen, dann klappt dies gemäss Ihren Plänen. Aber wenn ein zusätzliches Problem auftaucht wie etwa ein Bagger, der umkippt, dann hat dies starke Auswirkungen auf den Betrieb. Die Bauarbeiten für die Durchmesserlinie in Oerlikon sollten aber bald beendet sein. Wir hoffen, dass wir Anfang 2014 rund um den Hauptbahnhof Zürich wieder zur Ruhe kommen.

Die SBB wollen künftig besser über Verspätungen informieren. Wie? Wir haben beim Grossbrand in Schlieren Mitte September festgestellt, dass die Kunden sehr viel Verständnis haben für Verzögerungen, wenn sie wissen, worum es geht. Wenn in der Zugdurchsage nur von einer Betriebsstörung die Rede ist, dann reicht das nicht. Unser Ziel ist es, dass unsere Kunden innert drei Minuten erfahren, dass etwas passiert ist – auch wenn die Zuständigen noch nicht genau wissen, was. Und dass die Passagiere hören, wie es nun weitergeht. Deutlich besser informieren müssen wir auch die Kunden auf den Perrons.

Über Lautsprecherdurchsagen? Vor allem junge Leute haben häufig Kopfhörer auf und hören Musik. Deshalb funktionieren Durchsagen nur bedingt. Wir planen, in Zürich neben den Anzeigetafeln zusätzlich auch Ereignistafeln aufzustellen. Wenn etwas passiert, können die Kunden dort nachlesen, was genau geschehen ist und wie sie ihre Reise fortsetzen können.

Wird es auch in Bern solche Ereignistafeln geben? Wir planen, die Tafeln etappenweise aufzustellen. Der Fokus liegt zunächst auf Zürich und Luzern. In Bern kommt zuerst mal das Grossprojekt mit dem Bahnhofumbau auf uns zu. Dort wird ja wie am Zürcher Hauptbahnhof ein Bahnhof unter dem Bahnhof gebaut.

Die Arbeiten werden wahrscheinlich wie in Zürich zu verspäteten Zügen führen. Das Netz im Grossraum Bern ist nicht so dicht befahren wie der Grossraum Zürich. Ausserdem können wir von den Erfahrungen in Zürich profitieren. Wir wissen jetzt, wo die Belastungsgrenze liegt und werden je nachdem Bauarbeiten in der Peripherie erst später durchführen.

Wir haben bisher nur über Zugverspätungen geredet. Es gab dieses Jahr auch mehrere grosse Unfälle. Ist Bahnfahren gefährlicher geworden? Nein. Der Zug ist nach wie vor mit grossem Abstand das sicherste Verkehrsmittel. Wir wissen alle, dass wir uns keine hundertprozentige Sicherheit kaufen können. In den seltenen Fällen, wo es Unfälle gibt, werden wir uns dessen bewusst. Trotzdem, Sicherheit steht bei uns an erster Stelle.

Dennoch hat man das Gefühl, die Unfälle häuften sich. Das liegt sicher auch daran, dass wir heute sogar kleine Ereignisse wie etwa Rangierunfälle publik machen. Zum tödlichen Unfall in Granges-près-Marnand im Waadtland möchte ich sagen: Wenn wir die Sicherheit auch nur ein kleines bisschen erhöhen können, dann machen wir das. Deshalb diskutieren wir darüber, ob wir bereits geplante Massnahmen noch schneller umsetzen. Ich war an der Beerdigung des in Granges umgekommenen Lokführers dabei, und ich kann sagen: Dieses Gefühl wollen wir nie mehr haben. Der Unfall treibt uns noch stärker an, alles für die Sicherheit zu tun.

Wann kommt denn endlich das neuste Zugsicherungssystem ETCS Level 2, das mehr Sicherheit garantieren würde? Auf den Strecken, wo die Züge über 160 Kilometer pro Stunde fahren, haben wir bereits heute ETCS Level 2. Fakt ist: Wenn Sie so viele Loks und Züge haben wie wir, dann braucht es eine gewisse Zeit, um alle auszurüsten. Der Ersatz mit ETCS-Komponenten soll bis Ende 2017 erfolgen, der netzweite Einsatz des Hochleistungssystems ab 2025.

Angesichts der schweren Unfälle wäre es doch sinnvoll, schneller umzurüsten. Um die Sicherheit zu erhöhen, braucht es nicht ETCS Level 2. Bis 2018 bauen wir 1700 zusätzliche Signale mit einer Geschwindigkeitsüberwachung aus, das ist entscheidend. Wir prüfen derzeit eingehend, ob dieses Programm noch weiter beschleunigt werden kann. Aber wir können natürlich nicht unsere Flotte während zweier Monate stilllegen.

Abgesehen von Pannen und Verzögerungen: Was ärgert Sie im Alltag beim Zugfahren? Sie pendeln ja täglich von Zollikon nach Bern. Ich gehe relativ früh auf den Zug. Da finde ich es schön, wenn ich meine Ruhe habe. Ich versuche aber, immer wieder auf einen anderen Platz zu sitzen. So lerne ich viele spannende Leute und verschiedene Pendlersubkulturen kennen. In Regionalverkehrszügen fällt mir auf, dass zu bestimmten Zeiten alles voll ist und eine halbe Stunde später der gleiche Zug leer. Da würde ich mir wünschen, dass unsere Kunden mehr darauf achten und vielleicht mal zehn Minuten später auf den Zug gehen.

Viele Pendler würden gerne die Hauptverkehrszeiten umgehen. Das wäre aber viel einfacher, wenn es Gratis-WLAN im Zug gäbe, dann könnten sie während der Fahrt arbeiten. Sie können sich schon heute Ihre Arbeitsatmosphäre schaffen. Sie müssen einfach bei Ihrem Anbieter ein Flatrate-Abo lösen. Rund 70 Prozent der Fernverkehrszüge sind bereits mit den neusten Repeatern ausgerüstet, die eine schnelle Internetverbindung garantieren. Und ich finde, es ist für die Kunden ein entscheidender Fortschritt, dass wir schon bald an hundert Bahnhöfen eine Stunde lang Gratis-Wifi anbieten.

Die Bahnfahrer haben sich auch über die Bussenpolitik der SBB geärgert. Nun haben Sie das Perronbillett eingeführt. Bringt dies etwas? Das Perronbillett kommt sehr gut an. Anfangs haben wir befürchtet, dass sich nun vor der Zugabfahrt eine Menschentraube um den Zugbegleiter versammelt. Das ist zum Glück nicht eingetroffen. Wir verkaufen weniger Perronbillette, als wir vorher Billette im Zug verkauft haben. Die ganze Situation hat sich aber sehr beruhigt, seit wir den Spielraum für Kulanz ausgeweitet haben.

Viele Leute haben Mühe, das richtige Billett zu lösen, weil das Tarifsystem so komplex ist. Wir wollten für die Kundinnen und Kunden in bester Absicht viele Möglichkeiten schaffen. Wir mussten uns jedoch eingestehen, dass die Umstellung von Strecken- auf Zonentarife in Zürich zu kompliziert war und sogar uns selber überfordert hat. Das haben wir bereits geändert und die Auswahl der Strecken deutlich vereinfacht. Wir möchten, dass die Leute mit wenigen Klicks zum richtigen Ticket kommen.

Am einfachsten wäre es für die Bahnfahrer, wenn sie endlich ein elektronisches Ticket hätten, das ihre Fahrten automatisch verrechnet. Die Technologie dafür existiert, ist aber in dieser Form noch nirgends im Einsatz. Es ist relativ einfach, einen Sensor in einen Zug einzubauen, der registriert, wenn Sie ihn betreten. Aber dass am Ende die richtige Rechnung beim richtigen Kunden landet und alle Rabatte korrekt abgezogen werden, das ist die Herausforderung. Wir sind dabei, das nötige Basissystem dafür einzurichten. Die neue ÖV-Karte ist ein erster Schritt hin zu einem gemeinsamen elektronischen Ticketingsystem der Schweizer Transportunternehmen.

Was wäre denn mit den GA-Kunden? Würden ihre Fahrten bei einem elektronischen Ticket ebenfalls erfasst? Kurz- und mittelfristig werden keine Reisen erfasst. Zum Kern Ihrer Frage: GA-Kunden möchten natürlich sicher sein, dass sie bei einer elektronischen Abrechnung am Ende nicht mehr bezahlen müssen als vorher für das GA.

Man könnte das GA abschaffen. Das ist keine Option. Das GA ist eine der grossen Errungenschaften in unserem öffentlichen Verkehr.

Sie haben in Ihrer Kolumne im «Blick am Abend» angekündigt, im Industriewerk Olten werde etwas Spezielles für die SBB-Kunden gebaut. Was? Wir bauen zwei Starbucks-Kaffeewagen. In einer Pilotphase, die im Spätherbst startet, werden sie zwischen St.Gallen und Genf unterwegs sein.

Was fasziniert Sie eigentlich am Bahnverkehr? Sie sind ja keine Bähnlerin, sondern waren Gymi-Lehrerin, Architektin und IT-Managerin. Wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde mal bei einem Bahnunternehmen arbeiten, hätte ich das kaum geglaubt. Architektin war ursprünglich mein Traumberuf. Aber es war schwierig, hier in Zürich eine Stelle zu finden. So landete ich bei der Informationstechnologie, wo ich länger als geplant bliebt, weil es so spannend war. Am Ende führte ich eine grosse Produktion mit 5500 Leuten in Westeuropa. Da gibt es viele Parallelen zum Führen in einem Bahnunternehmen: Es braucht viel Zeit und Fingerspitzengefühl, um in solch einem komplexen System kleine Anpassungen vorzunehmen. Das vernetzte Denken, das dafür notwendig ist, fasziniert mich.

Sie sind zweifache Schweizer Schwimmmeisterin. Was haben Sie vom Schwimmen gelernt? Das Training hat mir gezeigt, wie viel Aufwand man betreiben muss, um einen kleinen Fortschritt zu erzielen. Ich habe im Sport auch gelernt, mit Niederlagen umzugehen. Als Kind denkt man ja, man könne nur gewinnen. Das stimmt vielleicht, wenn man gegen seine Eltern «Mensch ärgere dich nicht» spielt. Aber wenn es zwanzig Mitbewerber hat, nur einer gewinnen kann und man Vierter oder Fünfter wird, dann ist das hart.

Sie sind eine der Frauen, die beim Thema Frauen in Führungspositionen stets erwähnt werden. Nervt das manchmal? Ich würde mir natürlich wünschen, dass Frauen in wichtigen Positionen der Normalität entsprechen. Diversity wird in der Schweiz in den nächsten Jahren sicher ein Thema bleiben. Bei den SBB arbeiten zum Beispiel achtzig verschiedene Nationalitäten, doch das reflektiert sich nicht im Topmanagement. Der Frauenanteil bei uns ist immerhin gestiegen, und wir erhalten auch zunehmend mehr Bewerbungen von Frauen. Vielleicht habe ich hier tatsächlich Vorbildcharakter.

Was raten Sie jungen Frauen? Lasst euch Zeit. Ihr müsst nicht vor 30 alles erreicht haben. Mit 40 hatte ich gerade mal zwei Kinder und hatte das erledigt, was ich privat erreichen wollte. Da hatte ich noch 25 Jahre Arbeitsleben vor mir. In dieser Zeit kann man eine schöne Karriere machen. Deshalb begrenzen die SBB im Gegensatz zu anderen Firmen ihre Talentausbildung auch nicht auf Leute unter 40. Bei uns gibt es 50-Jährige, die noch für Führungsaufgaben ausgebildet werden.

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