See you 2019!

«Zeitpunkt»-Redaktor Jürg Steiner wirft einen Blick auf den laufenden Wahlkampf.

Jürg Steiner@Guegi

Von mir aus können die Kritikerinnen und Kritiker dieses inhaltsleeren Wahlkampfs, die jetzt zum Endspurt alle aus ihren Löchern kriechen, wettern, wie sie wollen: Mich befriedigte die provinzielle Nabelschau restlos. Meine Wahlzettel hatte ich in fünf Minuten ausgefüllt – handgeschrieben, kumuliert, panaschiert, das ganze Programm. Voll easy!

Wir rufen ja ständig nach Politikerinnen und Politikern mit Charisma – nach Figuren, «die wider alle Vernunft Probleme zu lösen vermögen, an denen der Verstand verzweifelt», wie mir der Historiker Volker Reinhardt einst erklärte. Genau deshalb war es so toll, dass die wahlkämpfende Classe politique den schweren Themen so virtuos auswich. Sie versteckte sich nicht hinter bedeutungstriefenden Zukunftsfragen wie dem Verhältnis zu Europa oder der Sanierung der Sozialwerke. Nein! Sie präsentierte ihren Kern. Innere Überzeugungen und Co., reduced to the max!

Einen knochentieferen Charismatest kann ich mir nicht vorstellen. Christophe Darbellay, CVP: «Ich habe drei Gämsen geschossen.» Christa Markwalder, FDP: «Ich habe ein Bio-Tattoo auf der rechten Schulter.» Martin Bäumle, Grünliberale: «Ich habe 15 Kilogramm abgenommen.» Das sind Donnerworte dieses Wahlkampfs, die mir geblieben sind – formuliert von Leaderfiguren der politischen Mitte, die in unserem Land die Mehrheitsverhältnisse bestimmen. Prägnanter kann politische Kommunikation nicht sein.

Oder doch? Das Einzige, was ich in diesem Wahlkampf wirklich vermisste, war der Einsatz von Emojis. Ich bin ja ein grosser Fan dieser Bildersprache, mit denen man SMS-, Whatsapp- oder Facebook-Nachrichten pfeffert – mit lachenden Gesichtern, zum Victoryzeichen geformten Fingern oder hüpfenden Delfinen. Ein internationales Gremium bestimmt jedes Jahr nach hartem Wahlkampf, welche neuen Sujets es auf die Emoji-Tastatur schaffen. Für 2016 sind der Selfie-Arm und die John-Travolta-Tanzpose hoch im Kurs.

John Travolta? Hallo? Da müssten es doch auch ein paar Charismatiker der Schweizer Politik schaffen! Was für ein grossartiges Gefühl wäre es, eine Schäumende-Wut-SMS mit einem Emoji-Gesicht von Roger Köppel («Fuck Europa!») zu versehen, eine Versöhnungsnachricht mit stilisierten Doris-Leuthard-Lippen («War nicht so gemeint!»), eine Erinnerungsmessage mit einer Matthias-Aebischer-Augenbraue («Here I am!») oder ein Jubel-Whatsapp mit der blauen Aline-Trede-Daunenjacke («Forever young!»)? Great, folks!

Ich kann ihn kaum erwarten, den nächsten Wahlkampf. See you 2019!

Berner Zeitung

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