Schweizer Forscher gelten als Risiko

Die Uni Bern zieht ein Millionenprojekt aus dem EU-Fördertopf Horizon 2020 an Land. Schmerzhafte Konzessionen und viel Bürokratie sind der Preis dafür. Schweizer Forscher müssen für den Erfolg viel auf sich nehmen.

Das World Trade Institute?der Universität Bern hat ein Prestigeprojekt an Land gezogen.

Das World Trade Institute?der Universität Bern hat ein Prestigeprojekt an Land gezogen. Bild: WTI/zvg

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Das World Trade Institute der Universität Bern (WTI) schafft, was immer weniger Schweizer Wissenschaftlern gelingt: Es hat soeben eine der prestigeträchtigen Ausschreibungen des Europäischen Forschungsrates gewonnen, mit denen die Europäische Union (EU) Grundlagenforschung auf Spitzenniveau fördert – die wissenschaftliche Champions League.

Das WTI ergattert damit einen Platz am hart umkämpften Geldtopf des EU-Programms Horizon 2020, aus dem zwischen 2014 und 2020 insgesamt über 80 Milliarden Euro verteilt werden.

Die Schweiz hat dazu nur noch beschränkt und befristet Zugang, seit Brüssel die volle Teilnahme bis zur Ratifizierung des umstrittenen Kroatien-Protokolls verweigert (siehe Box). Die Folgen dieser Rückstufung spüren hiesige Forscher längst: Der Schweizer Anteil an den EU-Projekten hat sich auf 2,2 Prozent halbiert, und statt weit über viertausend Be­teiligungen wie zuvor sind es gemäss einem Bericht des Bundes aktuell noch knapp über dreihundert.

Umso höher ist der Erfolg des Berner Instituts einzustufen, das sich mit seiner Forschung zu Welthandel und Investment, Mobilität und Migration inter­national etablieren konnte.

Bestnoten für Berner

Überzeugt hat das WTI die EU-Experten mit einem innovativen Projekt, das sich mit den sicherheitsrelevanten Folgen des Klimawandels für Europa befasst. Es zeigt etwa konkret auf, wie sich lokale Behörden an der EU-Aussengrenze auf eine klima­bedingte Massenflucht aus Entwicklungsländern vorbereiten können.

Das Ziel: Das Projekt soll es der EU ermöglichen, rascher und effizienter auf solche Katas­trophen zu reagieren. Kein Wunder also, hat die EU-Kommission nach den Erfahrungen mit der ­aktuellen Flüchtlingskrise den Bernern den Zuschlag erteilt.

«Wir haben dafür Bestnoten bekommen», freut sich Rosa Maria Losada. Die Berner Juristin hat das mit knapp 2 Millionen Euro dotierte Projekt zusammen mit ihrer WTI-Forschungskollegin Elisa Fornalé entwickelt. Es startet im Juli, mit an Bord sind Partneruniversitäten in Italien, England und Schweden.

Italiener profitieren

Ein Wermutstropfen trübt allerdings die Freude am WTI. Obwohl Losada und Fornalé das Verbundprojekt praktisch im Alleingang aufgegleist haben, leiten es nun die Italiener.

Sie sind die direkten Nutzniesser des Schweizer Abstiegs in der europäischen Forschungskooperation. Das WTI hat ihnen die Projektko­ordination abgetreten – notgedrungen: «Aus taktischen Gründen», sagt Losada, «weil wir als Schweizer sonst keinerlei Erfolgschancen gehabt hätten.»

Beim eigenen Projekt das Steuer aus der Hand geben und unter fremder Flagge segeln, um überhaupt dabei sein zu können – das ist ein hoher Preis. «Spitzenforschung, die wie in unserem Fall nicht ganz klar als Schweizer und Berner Leistung wahrgenommen wird, nützt niemandem», ärgert sich die 44-Jährige.

Schweizer als Risiko

Hinzu kommen bürokratische Hürden. Weil das WTI nicht direkt von der EU, sondern vom Bund bezahlt wird, muss alles doppelt rapportiert und abge­segnet werden. «Ein Verwaltungsaufwand, der zulasten der Forschungsarbeit geht», stellt Losada lapidar fest.

Eine Ausnahme ist das WTI mit diesen Problemen indes nicht – sie sind heute vielmehr die Regel, wie Peter Erni weiss. So verbiete zwar keine EU-Vorschrift hiesigen Forschern die Projektleitung, sagt der Direktor von Euresearch, einer Institution des Bundes zur Forschungsförderung.

«Aufgrund der aktuellen Lage werden Schweizer Partner im Ausland aber als Risiko an­gesehen – und darum oft von Konsortien ausgeschlossen oder rausgedrängt.»

Die Zahlen belegen das: Ko­ordinierten Schweizer früher 3,9 Prozent aller Projekte im EU-Forschungsprogramm, sind es heute gerade noch 0,3 Prozent. «Ein dramatischer Einbruch», so Erni. Auch finanziell wirkt sich der Übergangsstatus der Schweiz bei Horizon 2020 stark aus.

Knapp 2,5 Milliarden Franken holte die hiesige Forschung zwischen 2007 und 2013 aus den EU-Fördertöpfen. Seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 sind es unter 200 Millionen, hat das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und In­novation errechnet.

Internationale Vernetzung

Die Schweiz verliere den inter­nationalen Anschluss ganz, sollte es keine rechtzeitige Lösung der Kroatien-Frage geben, fürchtet Erni. Zumal die von der Politik mitunter geschürten Hoffnungen verfehlt seien: «Andere Möglichkeiten etwa im US-amerikanischen oder im asiatischen Raum bieten keine valablen Alternativen für Horizon 2020.»

Das sieht auch WTI-Leiter Joseph Francois so. Das Geld sei ­dabei nur ein Faktor. «Spitzenforschung funktioniert heute nur über internationale Netzwerke und Kooperation», so der Berner Ökonomieprofessor. Wer das nicht bieten könne, habe beim Werben um die besten Forscher und Talente keine Chance.

Horizon 2020 sei einer der wichtigsten Schlüssel dazu, so Francois: «Ihre internationale Ausrichtung und Vernetzung hat die Schweizer Hochschulen doch erst dorthin gebracht, wo sie heute sind: an der Weltspitze.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.06.2016, 11:11 Uhr

Langer Streit um Kroatien

Seit mehr als zwei Jahren spaltet die Kroatien-Frage das Land. Den Streit ausgelöst hat der Bundesrat. Er entschied 2014 nach dem Volks-Ja zur Masseneinwanderungsinitiative (MEI) zunächst, das Protokoll zur Erweiterung der Personenfreizügigkeit (PFZ) auf Kroatien nicht zu unterzeichnen.

Die EU reagierte prompt und warf die Schweiz aus ihrem Forschungsprogramm Horizon 2020, das Teil der EU-Wachstumsagenda ist. Später konnte zumindest ein auf zwei Jahre befristetes Übergangsabkommen zur beschränkten Schweizer Horizon-Teilnahme ausgehandelt werden. Seither sind die Dossiers MEI und Forschungsabkommen formell verknüpft.

Es folgte die Kehrtwende des Bundesrates, der das Kroatien-Protokoll plötzlich doch für verfassungskonform erklärte und im letzten März in Brüssel unterzeichnete.

Das sorgte im Parlament für Aufruhr. National- und Ständerat stritten heftig darüber, ob die Ratifizierung des Protokolls an Auflagen zu knüpfen sei. Eine Lösung brachte letzte Woche erst die Einigungskonferenz:Die PFZ darf nur dann auf Kroatien ausgedehnt werden, wenn die MEI-Umsetzung vorliegt. Wird das Protokoll bis Februar 2017 ratifiziert, ist die Schweiz voll assoziiertes Horizon-Mitglied. Sonst wird sie weiter zurückgestuft in den Status eines Drittstaates. (pem)

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