Wenn Gott junge Lehrer rekrutiert

15 Prozent der angehenden Lehrer in Bern verfügen über «absolute Glaubensgewissheit». Aber längst nicht alle tun sich schwer damit, Werte zu vermitteln, die ihren Einstellungen zuwiderlaufen. Das zeigt eine Nationalfondsstudie.

Längst nicht alle Lehrer tun sich schwer damit, «andere» Werte zu vermitteln.

Längst nicht alle Lehrer tun sich schwer damit, «andere» Werte zu vermitteln.

(Bild: Colourbox)

Immer mehr fromme Studierende drängten an die pädagogischen Hochschulen (PH). Sie hätten das Ziel, als Lehrer in den Schulstuben zu missionieren. Diese These kursierte vor zwei Jahren in den Medien. Tatsächlich kam es – etwa an der Pädagogischen Hochschule in Bern – zu Auseinandersetzungen zwischen den Studierenden. «Frommen» wurde vorgeworfen, sie seien immun gegen wissenschaftliche Reflexion und würden sich für den Lehrberuf nicht eignen.

Jetzt zeigt eine Studie, die im Rahmen eines nationalen Forschungsprogramms erarbeitet wurde, dass an der PH Bern tatsächlich «Studierende mit einem unbeirrbaren Glauben» anzutreffen sind. Diese Gruppe beträgt am privaten Institut NMS, das der PH Bern angegliedert ist, fast 34 Prozent. Am Institut der Sekundarstufe 1 gab mehr als jeder fünfte Student an, «absolute Glaubensgewissheit» zu haben. Insgesamt bezeichnen sich laut der Studie etwa 15 Prozent der an den verschiedenen Instituten der PH Bern Studierenden als gläubig. Das sind weit weniger, als vor zwei Jahren angenommen wurde. Die «Zürcher Studierendenzeitung» ging davon aus, dass bis zu 30 Prozent der Studierenden an der Pädagogischen Hochschule in Zürich «Fromme» seien.

Zwei Sorten Gläubige

Doch nicht alle Gläubigen tun sich schwer damit, sich auf wissenschaftliche Theorien einzulassen, deren Grundannahmen sie nicht teilen – wie etwa die Evolutionstheorie. Die Nationalfondsstudie unterteilt die gläubigen Lehrpersonen in zwei Gruppen. Typus 1 stammt aus Familien, die seit Generationen einer religiösen Gemeinschaft angehören. Die Studierenden finden unbeirrbaren Halt in Gott und fühlen sich in ihrer religiösen Gemeinschaft fest verankert. Aber sie respektieren die Neutralität der Schule und lassen sich kontinuierlich herausfordern. «Sie schaffen Distanz zu ihrem Glauben, loten dessen Spielräume aus und gehen Kompromisse ein», hält die Studie fest. Diese Christinnen und Christen würden denn auch nicht auffallen.

«Lifestyle-Gläubige»

Anders sieht es in der zweiten Gruppe der Gläubigen aus: Hier habe die religiöse Praxis «jugendkulturellen Lifestyle-Charakter». Man nehme an Gottesdiensten teil, die Rockkonzerten glichen, und stelle den Glauben mit christlichen Logos öffentlich zur Schau. Das offensive Auftreten dieser Gruppe habe den Eindruck erweckt, die PH Bern werde von einer hohen Zahl Evangelikaler «unterwandert», steht im Schlussbericht. Wie gross der Anteil dieser Gläubigen ist, wurde laut Caroline Bühler, Co-Leiterin des Forschungsprojekts, nicht untersucht. Das Interessante am Phänomen der gläubigen Studierenden sei auch nicht deren Anzahl, sondern ihr selbstbewusstes und «modernes» Auftreten gewesen, fügt sie an.

Zeugnis abzulegen, ist wichtig

Die Gläubigen, die an der PH Bern als solche auffallen, sehen sich gemäss der Studie «als von Gott dazu auserwählt, Sinn zu stiften in einer Welt, in der aus ihrer Sicht immer mehr Menschen ‹nicht genau wissen, was sie mit ihrem Leben sollen›». Als Beispiel wird ein Student zitiert, der im Interview berichtet, wie er mit Gottes Hilfe Zwänge überwunden habe. Deshalb strahle er heute etwas aus, das bei Jugendlichen Zuversicht wecke. Er möchte auf der Realstufe arbeiten, wo viele benachteiligte Jugendliche seien, für die er zum «Sinnstifter» werden könne. Bei diesem Typus stelle das Charisma den Kern des Lehrberufs dar, schreiben die Autorinnen der Studie und halten fest: «Auch die Studierenden des zweiten Typus wissen, dass sie als Lehrperson zur Neutralität verpflichtet sind. Der Anspruch, Zeugnis abzulegen und ihrem Glauben über die zukünftige Berufstätigkeit Ausdruck zu verleihen, hat aber einen hohen Stellenwert für sie.»

Johannes Kipfer, Vorsteher der Abteilung Volksschule in der Erziehungsdirektion, sind im Kanton Bern keine Lehrpersonen bekannt, «die religiös nicht mehr neutral unterrichten würden».

Gläubige Studenten schliessen sich zuweilen den Vereinigten Bibelgruppen an, die in Schulen und Universitäten aktiv sind. Doch gemäss Mitglied Daniel Kummer existiert inzwischen am Institut der Sekundarstufe 1 keine Bibelgruppe mehr. Als die Projektgruppe ihre Befragung durchgeführt habe, sei dort eine «starke Gruppe» aktiv gewesen. Kummer sagt: «Die Studie hat einen speziellen Moment aufgegriffen.»

Berner Zeitung

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