Rumble in the Jungle

Ich gehöre zur Generation, die an den legendärsten Boxkampf aller Zeiten, am 30.Oktober 1974 zwischen Muhammad Ali und George Foreman in Kinshasa, lebendige Erinnerungen in Form flimmernder schwarzweisser TV-Bilder hat.

Jürg Steiner@Guegi

«Rumble in the Jungle» hiess der epische Fight, «der grosse Kracher im Urwald», und Ali schickte Foreman auf die Bretter, nachdem er diesen mit seiner Taktik, provokativ in den Seilen zu hängen, halb wahnsinnig gemacht hatte.

Es war deshalb ein natürliches Verlangen, mir diese Woche die von der Gratiszeitung «20 Minuten» organisierte «Fight Night» – als verbaler Boxkampf inszenierte, live übertragene Wortgefechte prominenter Nationalratskandidaten – anzuschauen. Obschon der niederschwellige Event nicht in der selbst erklärten Polithauptstadt Bern, sondern im ausverkauften Kaufleutensaal Zürich stattfand.

Item.

«Are you ready to rumble?», brüllt Moderator Hannes Hug, und schon federt die Berner FDP-Ständeratskandidatin Claudine Esseiva, Kampfname «The Machine», in den Ring. Sie hat zuvor im Trailer das Publikum aufgeputscht, im Trägertop, die Fäuste in Kampfstellung, als habe sie im Trainingscamp eben 200 Sit-ups gemacht. Im verbalen Schlagabtausch lässt die rhetorisch austrainierte Esseiva, die ich in Bern auf der Gasse noch nie gesehen habe, ohne dass sie lautstark in ihr Mobile Phone gesprochen hätte, ihrem trägen Gegner Anian Liebrand (junge SVP) keine Chance.

Den Hauptfight des Abends liefern sich die beiden einzigen wirklichen Stars des Wahlkampfs 2015, «Weltwoche»-Chef Roger Köppel (SVP) und Ex-Diplomat Tim Guldimann (SP). Beide, zum Bersten gefüllt mit Selbstvertrauen, lassen es krachen: Während Köppel seine in deutschen Talkshows antrainierte Rolle des konservativen Bad Guy mit Inbrunst ausfüllt, huldigt der feinsinnige Guldimann dem Boxerambiente überraschend mit zotigen Zwischenrufen: «Bullshit!»

Rumble in the Jungle.

Ich ertappe mich dabei, mich blendend zu unterhalten. Kein Mensch käme auf die Idee, dass die beiden Alphatiere hier bloss um einen von 200 Sitzen im geschwätzigen Nationalrat kämpfen. Es geht um die Rettung der Schweiz, Europas, der Welt. Für einen Augenblick wähne ich mich im amerikanischen Wahlkampf, und ich rechne damit, dass mir an der nächsten Hausecke Leute in Tim-Guldimann-Dächlikappen, in Roger-Köppel-T-Shirts, in Claudine-Esseiva-Trainerhosen entgegenkommen. Oder in Matthias-Aebischer-Kapuzenpullis.

Leider nichts dergleichen. Neben der Strasse liegt das an ein Sperrholzgestell gebastelte Porträt eines lokalen Kandidaten. Umgeweht von der Bise.

Rumble in Switzerland.

Berner Zeitung

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