Rettet die Kinder in Syrien!

Sechs Schweizer Mädchen und Knaben sind interniert. Der Bund darf sie nicht im Stich lassen.

Die Töchter von Sahila F. (links) sind in Gefahr – im Internierungslager al-Hol im Nordosten Syriens. Foto: PD

Die Töchter von Sahila F. (links) sind in Gefahr – im Internierungslager al-Hol im Nordosten Syriens. Foto: PD

Thomas Knellwolf@KneWolf

Fünf Mädchen und ein Knabe mit mindestens einem Schweizer Elternteil sind im Norden Syriens eingesperrt. Die meisten von ihnen sind Kleinkinder, die Älteste ist zwölf Jahre alt. Unter katastrophalen Bedingungen vegetieren sie in Internierungslagern kurdischer Kämpfer dahin.

Gleichaltrige und auch Erwachsene sind dort an Krankheiten gestorben, die sich in einem Spital einfach behandeln liessen. Die sechs Schweizer Kinder leben noch. Aber ihr Herkunftsland überlässt sie bisher sich selber – beziehungsweise ihren drei Müttern, was die Sache nicht besser macht.

Alle drei Frauen sind freiwillig in den Jihad gezogen, aus Belgien, Lausanne und Genf. Ihre älteren Kinder haben sie ins Gebiet der Terrororganisation Islamischer Staat mitgenommen oder genauer: entführt. Noch heute, in Internierungslagern, zeigen die Mütter zum Teil Verständnis für IS-Anschläge in Europa mit vielen Toten. Geheiratet haben sie Männer aus der Schweiz, die mehrheitlich hochgefährlich sind oder es zumindest waren.

Beihilfe zu Verbrechen

Der Bundesrat hat kürzlich entschieden, den Kurden die gefangenen erwachsenen IS-Angehörigen aus der Schweiz nicht abzunehmen. Bei den Kindern hat sich die Schweizer Regierung eine Hintertür offen gelassen: Sie will eine Rückführung mindestens prüfen, sofern das «Kindeswohl» dies erfordere. Alles andere würde an Beihilfe zu Verbrechen grenzen.

So sind zwei Mädchen aus Genf von ihrer Mutter nach Syrien verschleppt worden – gegen den Willen der Väter, zweier früherer Partner der Frau. Das Kidnapping dauert bis heute an.

Die Genfer Mutter, die in Syrien eine dritte Tochter gebar, erzog ihre Kinder mutmasslich im Sinne des Islamischen Staats. Damit dürfte sie auch gegen das Schweizer IS-Gesetz verstossen haben. Ein Genfer Kinderschutz-Gericht hat schon Ende 2017, Anfang 2018 den beiden Vätern in der Schweiz die Obhut über ihre Töchter zugesprochen. Trotzdem ist bislang niemand konsequent eingeschritten.

Wo bleibt die Initiative?

Das Schicksal eines weiteren Mädchens aus Lausanne beschäftigt die Behörden in Bern und in der Waadt seit vergangenem Sommer. Auch hier mangelt es nicht an Abklärungen, aber an Initiative – obschon den Kindern neben seelischen Schäden auch körperliche Krankheiten drohen. Oder sogar der Tod.

Die Schweizer Regierung bringt viele Argumente vor, weshalb – zumindest auf die Schnelle – nichts geht. Die einen sind besser, die anderen schlechter. Fangen wir mit dem schlechtesten an: Justizministerin Karin Keller-Sutter betonte in einem Interview mit dem Westschweizer Radio RTS, dass auch Kinder gefährlich sein könnten. Tatsächlich gibt es aus den Internierungslagern Berichte, wonach Minderjährige Steine auf rauchende Wachen warfen. Rauchen galt beim IS als Sünde.

Diese Kinder sind die grössten Schweizer IS-Opfer.

Es stellt sich trotzdem die Frage, ob die Sicherheit in der Schweiz durch sechs Kinder bedroht ist, von denen die ältesten zwölf, sieben und vier Jahre alt sind. Oder ob die Kleinen vielleicht doch mehr Opfer als potenzielle Täter sind.

Selbst wenn man vom Schlimmsten ausgeht, sollte es Fachleuten möglich sein, die Kinder zu deradikalisieren. Dafür wurden in der Schweiz aufwendige Programme aufgebaut, die bislang kaum genutzt werden.

Auf den ersten Blick besser ist das Argument, es gebe in Nordsyrien keine staatlichen Akteure, an die man sich wenden könne. Als es um die Befreiung von Geiseln in der Sahara ging, hat sich die Schweiz nicht davor gescheut, einen Schlächter wie Ghadhafi einzuspannen. Gegen den für seine Unberechenbarkeit bekannten libyschen Ex-Diktator wirken die kurdischen Machthaber wie die Verlässlichkeit in Person. Und anders als die gekidnappten Schweizer Touristen in Afrika haben sich die Kinder in Syrien nicht freiwillig einem Risiko ausgesetzt.

Eine Rückführung ist keine einfache Sache, aber Pflicht für ein Land mit humanitärer Tradition. Denn die Kinder, um die es geht, sind die grössten Schweizer IS-Opfer.

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