Polizist lebte mit Mörder in einer Zelle

Die Leiche der 73-jährigen Nicole B. hätte die Genfer Staatsanwaltschaft ohne verdeckte Ermittlungen kaum finden können. Der Mann, der sie tötete, steht seit gestern vor Gericht.

Im Gerichtssaal: Antonio F. auf der Anklagebank. Illustration: Patrick Tondeux

Im Gerichtssaal: Antonio F. auf der Anklagebank. Illustration: Patrick Tondeux

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Die Genfer Staatsanwaltschaft stand im Sommer 2015 vor einem Rätsel. Die Ermittler waren sicher, mit Antonio F. jenen Mann gefasst zu haben, der am 6. Februar 2015 seine Nachbarin Nicole B. erwürgt hatte. Doch die Leiche der 73-Jährigen blieb unauffindbar. Also schleuste die Staatsanwaltschaft einen Polizisten als Mithäftling in Antonio F.s Gefängniszelle ein. Der Polizist mit dem Decknamen Paulo sprach mit Antonio F., einem gebürtigen Portugiesen, ausschliesslich in seiner Muttersprache. Er sollte sein Vertrauen gewinnen. Das gelang. Antonio F. gab in den anderthalb Monaten, in denen die beiden die Zelle teilten, Informationen über den Mord an Nicole B. preis und offenbarte Paulo, er hege Mordpläne gegen seinen Schwager in Portugal, weil dieser ihm 32'000 Euro schulde.

Seit gestern steht Antonio F. vor dem Genfer Strafgericht. «Ohne den Einsatz von Paulo hätten wir die Leiche von Nicole B. nie gefunden», rechtfertigte Staatsanwalt Endri Gega das Vorgehen. Das Massnahmegericht habe die Aktion autorisiert. Antonio F.s Anwälte seien informiert gewesen und hätten nie dagegen rekurriert, so Gega. Gleichwohl forderten F.s Verteidiger, dass das Strafgericht Paulos Arbeit nicht als Beweismaterial zulässt. Die Richter entschieden anders.

Gemäss Anklageschrift lockte der Beschuldigte Nicole B. am 5. Februar in seine Wohnung. Der 53-jährige Antonio F. soll gewusst haben, dass seine Nachbarin am Mittag 40'400 Euro bei ihrer Bank abgehoben hatte. Einmal in seiner Wohnung, soll der Angeklagte Nicole B. gefesselt und geknebelt haben. Dann ging er in ihre Wohnung, erwürgte sie und nahm ihre Handtasche mit. Am nächsten Tag schaffte er die Leiche in B.s Auto nach Frankreich und verscharrte sie in einem Wald. Eine Woche später verbrannte er sie.

Geld in Poulet versteckt

In der Befragung zum Tathergang gab Antonio F. gestern konfuse Erklärungen ab. Nicole B. habe ihm 3000 Euro geschuldet, die er zurückgefordert habe, wodurch es zu einem Konflikt gekommen sei. Er habe sie mit einem Pullover an einen Stuhl gefesselt, daraufhin den Stuhl umgestossen, worauf sie gestorben sei. «Es war ein Unfall», so der Beschuldigte. Die 40'400 Euro will er nie gesehen haben. Die Staatsanwalt stellte im Haus von Antonio F.s Schwester in Portugal jedoch eine entsprechende Summe sicher. Die Schwester sagte, ihr Bruder habe das Geld bei ihr versteckt, was Antonio F. bestreitet. Hingegen gestand er, Nicole B.s Handtasche geklaut und ihre Bankkarten für Einkäufe und Bargeldbezüge in der Höhe von mehreren Tausend Franken benutzt zu haben.

Psychiater halten in Expertisen fest, Antonio F. habe eine pathologische Beziehung zu Geld. Er soll der toten Nicole B. gar einen Goldzahn herausgebrochen und Uhren und Schmuck gestohlen haben. Bei einer Hausdurchsuchung fanden Polizisten in F.s Wohnung Geld im Tiefkühler, versteckt in einem Poulet. Antonio F. schloss gestern aus, dass er an einer Persönlichkeitsstörung leide. In den Ausführungen zu seiner Kindheit hob er heraus, er sei von seiner Mutter gedemütigt und geschlagen worden. Gleichwohl sorgte er sich bis zu ihrem Tod um sie. Die Mutter starb 2015, kurz vor seiner Verhaftung.

Der Prozess dauert mehrere Tage; das Urteil wird nächste Woche erwartet.

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