Plötzlich fehlen drei Monatsrenten

Mit der ­geplanten Reform wird das Rentenalter der Frauen rasch auf 65 Jahre erhöht. Das kann Frauen, die sich vorzeitig pensionieren liessen, in die Bredouille bringen, wie ein Einzelfall zeigt. Eine Frau steht plötzlich drei Monate ohne AHV da.

Diese jungen Demonstrantinnen und Demonstranten in Lausanne wehren sich gegen Rentenalter 65 für Frauen. Frauen kurz vor dem 64. Geburtstag ärgern sich vor allem über die schnelle Umsetzung.

Diese jungen Demonstrantinnen und Demonstranten in Lausanne wehren sich gegen Rentenalter 65 für Frauen. Frauen kurz vor dem 64. Geburtstag ärgern sich vor allem über die schnelle Umsetzung. Bild: Keystone

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Die Frau ist wütend. Sie meldet sich auf der Redaktion, weil sie findet, das Thema gehöre an die Öffentlichkeit. Sie schildert ihren Fall und legt als Beleg den Brief der Ausgleichskasse ihres Wohnkantons vor. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen.

Was die Frau so empört, ist die Rentenreform, über die wir am 24. September abstimmen. Konkret: die darin enthaltene Erhöhung des Frauenrentenalters von 64 auf 65 Jahre. Nicht, dass sie gegen diesen Entscheid wäre. Sie regt sich darüber auf, wie schnell er um­gesetzt wird. Das Parlament hat beschlossen, das Rentenalter innerhalb von vier Jahren anzuheben. Das ergibt Schritte von je drei Monaten pro Jahr.

Die Frau, um die es hier geht, feiert im Januar 2018 ihren 64. Geburtstag. Damit gehört sie zum ersten Jahrgang, der von der Reform betroffen ist. Falls diese angenommen wird, beträgt ihr gesetzliches Rentenalter nicht mehr 64 Jahre, sondern 64 Jahre plus 3 Monate. Sie erhält die AHV nicht ab Februar 2018, sondern erst ab Mai. Davon wusste die Frau bis vor kurzem nichts.

Den Job schon gekündigt

Alles halb so wild, mag man sich denken, die Frau kann ja einfach drei Monate länger arbeiten. Aber diese Möglichkeit hat sie eben nicht mehr. Sie hat ihre Pensionierung frühzeitig im Voraus geplant. Im Herbst 2016 – als das Parlament noch über der Rentenreform ­brütete – beschloss sie, vorzeitig, ein paar Monate vor dem 64. Geburtstag, aufzuhören.

«Natürlich hatte ich gehört, dass das Rentenalter der Frauen steigen soll», sagt sie. Aber niemals sei sie auf die Idee gekommen, dass das so schnell gehe. Das sei auch in den Medien nie im ­Detail so dargestellt worden.

Nachdem die Frau im Sommer 2017 ihren Arbeitsplatz verlassen und sich bei der Ausgleichskasse ange­meldet hatte, kam die böse Überraschung. Die Kasse teilte ihr mit, dass sie die AHV erst drei Monate später erhält als angenommen, falls die Reform an der Urne eine Mehrheit findet. Im Brief der Ausgleichskasse tönt das so: «Am 24. September 2017 wird über die Reform der Altersvorsorge abgestimmt. Ein Punkt, der Sie persönlich treffen kann, ist die Erhöhung des Referenz­alters für Frauen.»

«Ich bin kein Einzelfall»

Mit den drei Monatsrenten verliert die Frau insgesamt rund 7000 Franken. «Das muss mir doch vorher jemand ­sagen.» Sie ist zudem überzeugt, dass sie kein Einzelfall ist. Potenziell ähnlich betroffen sind gleichaltrige ­Frauen, die sich ebenfalls für eine vorzeitige Pensionierung entschieden haben. Das sind nach einer Studie des Bundes rund 40 Prozent der Frauen.

Es ist nicht das erste Mal, dass in der Schweiz das Rentenalter der Frauen erhöht wird. Der ­letzte Schritt – von 62 auf 64 Jahre – fand mit der 10. AHV-Revision statt. Die Umsetzung erfolgte ­damals aber gemächlicher. Die Volksabstimmung fand 1995 statt. Für den ersten Schritt auf 63 Jahre liess die Politik den Frauen damals sechs Jahre Zeit, danach weitere vier Jahre für den zweiten Schritt auf 64.

70 Franken sind kein Trost

So ähnlich hatte das der Bundesrat auch dieses Mal geplant. ­Sozialminister Alain Berset (SP) wollte das Rentenalter innerhalb von sechs Jahren auf 65 anheben. Damit läge das Rentenalter im Jahr 2018 immer noch bei 64. Doch SVP, FDP und CVP schlugen im Parlament ein schnelleres Tempo an. Sie halbierten die Übergangszeit auf drei Jahre. Die SVP wäre gern noch forscher vorgegangen: Sie schlug im Nationalrat vor, die Übung in zwei Halbjahresschritten durchzuziehen. Damit läge das Rentenalter 2018 bei 64 Jahren plus 6 Monate.

Dass es nicht ganz so wild ­herausgekommen ist, ist jedoch ein schwacher Trost für die vorzeitig pensionierte Frau. Auch die Rentenerhöhung um 70 Franken im Monat, die sie mit der Reform ab 2019 erhalten ­würde, be­sänftigt sie nicht. Für sie ist deshalb klar, dass sie die Renten­reform ablehnen will. «So kann man mit uns Frauen doch nicht umspringen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.09.2017, 09:43 Uhr

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