Nirgends in Europa brechen mehr Häftlinge aus als in der Schweiz

Die Schweiz setzt auf den offenen Vollzug, entsprechend flüchten mehr Häftlinge. Manche geschlossene Gefängnisse sind jedoch nicht so sicher, wie sie sein sollten.

In geschlossenen Anstalten gelingt nur wenigen Häftlingen die Flucht.

In geschlossenen Anstalten gelingt nur wenigen Häftlingen die Flucht.

(Bild: Keystone)

Janine Hosp

Jedem vierzigsten Häftling ist es 2017 gelungen, aus dem Gefängnis auszubrechen. In keinem anderen land Kontinentaleuropas ist diese «Erfolgsquote» so hoch wie in der Schweiz. In Frankreich etwa konnte nur einer von 113 fliehen, in Deutschland gar nur einer von 162. Dies geht aus dem neusten Space-Report hervor, den Marcelo F. Aebi, Kriminologieprofessor an der Universität Lausanne, für den Europarat erstellt hat.

Allerdings: In der Schweiz können nicht so viele Häftlinge flüchten, weil die Gefängnisse schlechter gesichert wären, sondern weil sie auf den offenen Vollzug setzt. In Einrichtungen, die den offenen Vollzug anbieten, werden Häftlinge auf das Leben in Freiheit vorbereitet. Dabei handelt es sich nicht um Personen, die als gefährlich gelten. So sind diese Einrichtungen auch nicht im gleichen Masse gesichert wie Hochsicherheitsgefängnisse. In Ländern wie Finnland oder Schweden, die ebenfalls auf den offenen Vollzug setzen, sind die Zahlen ähnlich hoch wie in der Schweiz.

Die Rückfallgefahr ist kleiner

«Man darf den offenen Vollzug als Progressionsstufe nach dem geschlossenen Vollzug deshalb nicht generell infrage stellen», sagt Patrick Cotti, Direktor des Schweizerischen Kompetenzzentrums für den Justizvollzug. Würden Häftlinge nicht Schritt für Schritt auf das Leben in Freiheit vorbereitet, sei die Rückfallgefahr in den ersten Monaten nach der Entlassung entscheidend höher. Das sei wissenschaftlich erwiesen.

Wenn ein Gefangener oder eine Gefangene etwa während eines Urlaubs erst nicht mehr zurückkehre, sei dies nicht dramatisch, sagt Cotti. Schliesslich handle es sich nicht um Straftäter, die für die Bevölkerung eine besondere Gefahr darstellten. Unter ihnen seien etliche, die psychische Schwierigkeiten oder Suchtprobleme hätten. Wenn sie wieder zurückkehrten – aus freien Stücken oder weil sie von der Polizei aufgegriffen worden seien –, dann nehme man in der Folge die Fluchtgründe in der Therapie und der Arbeit auf.

«Die Gesellschaft will primär bestrafen. Aber der Justizvollzug hat die Aufgabe, Gefangene nach ihrer Strafe bestmöglich in die Gesellschaft zu integrieren – schliesslich kommen 99 Prozent der Gefangenen wieder einmal frei», sagt Cotti. Deshalb richte man das Augenmerk besser darauf, wie viele Leute nach einem offenen Vollzug nicht wieder rückfällig würden, als wie viele ausgebrochen seien. Letztlich verzeichnen jene Länder, bei denen ein offener Vollzug eine wichtige Rolle spielt, auch eine tiefere Häftlingsrate, wie Studienautor Marcelo F. Aebi sagt. Nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung sitze dort in einem Gefängnis – und dies nicht etwa, weil viele Häftlinge aus dem offenen Vollzug geflohen wären, fügt Aebi an.

Betrachtet man nur die Ausbrüche aus geschlossenen Anstalten, so steht die Schweiz deutlich besser da: Lediglich 6 von 10'000 Häftlingen sind ausgebrochen. Es gibt zwar auch Länder wie die Niederlande, die gar keine Ausbrüche verzeichnen. Aber diese, so sagt der Studienautor, erfassten Ausbrüche nicht, wenn der Geflohene später wieder zurückkehre. Seiner Einschätzung nach verfügen Schweizer Gefängnisse, insbesondere jene der Deutschschweiz, über einen hohen Sicherheitsstandard.

Gesägt und abgeseilt

Allerdings vermeldet die Polizei immer wieder Ausbrüche aus Gefängnissen, die man nicht mehr für möglich gehalten hätte. Vor einem Jahr etwa konnten drei Männer aus der Genfer Haftanstalt Favre flüchten – sie hatten klassisch das Gitter vor dem Fenster angesägt und sich danach mit Leintüchern abgeseilt. Und 2007 konnte ein Häftling aus dem Thurgauer Kantonalgefängnis entkommen, nachdem er mit einem Metallstab aus seinem Bettgestell ein Loch in die Mauer geschlagen hatte. Danach kletterte er über die sieben Meter hohe Innenhofwand, überwand die Dachkantensicherung und sprang auf der anderen Seite in die Freiheit.

«Nach jedem Ausbruch wird genau analysiert, wie ein Gefangener entwichen ist, und die betrieblichen und baulichen Schwachstellen werden möglichst behoben», sagt Patrick Cotti. Auch das hat dazu geführt, dass die Zahl der Ausbrüche aus geschlossenen Anstalten von 25 im Jahr 2011 auf 6 im Jahr 2017 gesunken ist. Im Thurgau etwa wurden nach dem Ausbruch die Wände des alten Gefängnistraktes teilweise mit Stahlplatten verstärkt. Im Gegensatz zu den Hochsicherheitsgefängnissen seien so manche Kantonalgefängnisse nicht so sicher, wie man es gerne hätte, sagt Cotti. Das sei den Kantonen in der Regel auch bewusst. Es seien allerdings massive Investitionen erforderlich, um die bauliche wie betriebliche Sicherheit zu erhöhen. Eine Erhebung des Kantons Bern etwa hat vor einem Jahr ergeben, dass vier seiner neun Gefängnisse die Minimalanforderungen nicht mehr erfüllen.Würden alle wie heute weiter betrieben, müssten in den kommenden Jahren 300 Millionen Franken allein in den Unterhalt investiert werden.

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