Nicht nur die Berge, auch die alten Sicherheiten bröckeln

Hintergrundredaktor Stefan von Bergen über die veränderte Gefahrenlage nach dem Bergsturz oberhalb von Bondo GR.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Bis zum letzten Mittwoch war Bondo im Südbündner Bergell ein schönes und stilles Dorf. Nun ­haben Schlammlawinen die Umgebung bis hart an den Dorfkern verwüstet. Der Gebirgsort, dessen knapp 200 Bewohner während einiger Wintermonate ­ohne Sonnenlicht im Schatten der steilen Berge leben, steht auf einmal im Scheinwerferlicht der Medien. Die grösste Journalistenansammlung in der Dorfgeschichte verbreitet Bondos Namen als Symbol für das sich zuspitzende Risiko in der Ära des Klimawandels.

Bis zur Stunde hat sich in Bondo das alte Wissen über die Gefahren der Berge bewährt. Den Dorfkern haben die Vorfahren, durch Umweltschäden klug geworden, weiter weg vom zornigen Bondasca-Bach gebaut. Die Murgänge der letzten Tage haben das auf der Gefahrenkarte grün gefärbte Dorfzentrum denn auch verschont. Zerstört oder begraben wurden bis jetzt Gebäude in der gelben und der roten Gefahrenzone, die man erst in den 1950er- und 1960er-Jahren – nach einer Periode ohne Umweltschäden sorglos geworden – ans Wasser gebaut hatte. Viel zu nahe, wie man nun weiss.

Vorausschauend hatte man in Bondo 2015 ein mächtiges Auffangbecken gegraben. Einigen Dorfbewohnern kam es erst übertrieben gross vor. Nun sind alle froh darüber. Gleichzeitig löst es neue Befürchtungen aus. Denn das Becken ist randvoll mit Geröll und Schlamm. Auf den Fotos wirken die paar Bagger, die die immense Schutthalde abtragen, verloren. Bevor im Becken Platz geschaufelt ist, kann ein neuer Bergsturz oder ein Gewitter jederzeit die nächste Lawine bringen. Wohin sie ausweichen würde, das ist die bange Frage in Bondo.

Am Piz Cengalo und an anderen Gipfeln ist ein besonderer Risikococktail wirksam. Die Beobachtung des Sorgenbergs durch Experten zeigt: Durch die Erwärmung schmilzt der Permafrost, der den Berg bisher stabilisiert hat. Gleichzeitig gibt es Wassereinschlüsse, die im Winter Bergstürze auslösen, wenn sie gefrieren. Und das Bergsturzmaterial, das in scheinbar sicherer Distanz von Siedlungen liegt, kann auch erst ein halbes Jahr später von Regen oder Gletscherschmelzwasser verfrachtet werden. Die Gefahrenzone übersteigt mittlerweile die Vorstellungskraft der vorsichtigen Vorfahren.

So wie der Fels des Piz Cengalo sind auch die alten Sicherheiten ins Rutschen geraten. Ob man mit noch grösseren und teureren Hochwasserschutzmassnahmen in Bondo und an anderen exponierten Orten Sicherheit schaffen kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Sicher ist schon heute: Die Berge, die wir mit immer höheren Bahnen erschliessen, sind kein gefahrloser Freizeitpark. Die tragischen Todesfälle im Bondasca-Tal zeigen, dass wir unsere Vorsicht justieren müssen.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

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