Nach dem Beifall ist vor der Ausweisung

Der Ukrainer Kirill Zwegintsow lebt seit zehn Jahren in der Schweiz und fühlt sich beinahe als Berner. Nun droht dem Pianisten und Dutzenden weiteren Musikern die Ausweisung – und bei einer Rückkehr in die Ukraine der Einzug in die Armee.

Eine Zugabe ist für ihn nicht vorgesehen: Jahrelang ist die Aufenthaltsbewilligung des ukrainischen Pianisten Kirill Zwegintsow illegal verlängert worden. Ende August soll er ausgewiesen werden.

Eine Zugabe ist für ihn nicht vorgesehen: Jahrelang ist die Aufenthaltsbewilligung des ukrainischen Pianisten Kirill Zwegintsow illegal verlängert worden. Ende August soll er ausgewiesen werden.

(Bild: Urs Baumann)

Oliver Meier@mei_oliver

So viel Applaus gibt es selten. Im Juni trat Kirill Zwegintsow an der Seite des Berner Symphonieorchesters im Kultur-Casino auf. «Beethoven@Bern» zum Saisonschluss bot alle Solowerke Beethovens mit aufstrebenden Pianisten. Zwegintsow spielte das B-Dur-Konzert – leicht, fast schon lässig, das Orchester stets im Blick. Am Ende waren manche im Saal nicht mehr zu halten. Eine Zugabe gab es trotzdem nicht. Sie passte nicht ins Konzept.

Kirill Zwegintsow lächelt. «Es war eine tolle Erfahrung», sagt er im Rückblick. Der Pianist sitzt im Garten des Hotels Innere Enge, beim Bier. Er trägt T-Shirt und Bart, die Haare sind kurz geschnitten. Sein Berndeutsch ist fast akzentfrei. Seit zehn Jahren ist der Ukrainer mit Bern verbunden, pendelt zwischen der Bundesstadt und Basel.

Der Beifall im Kultur-Casino, man könnte ihn als Würdigung durch seine Wahlheimat ansehen. Oder als verkappten Abschiedsapplaus. Zwegintsow gehört zu einer Reihe von hoch qualifizierten Musikern aus sogenannten Drittstaaten, die vor der Ausweisung stehen (siehe Kasten). Jahrelang ist seine Aufenthaltsbewilligung illegal verlängert worden, in Basel, wo er angemeldet ist. Nun muss er gehen, wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht. Eine Zugabe ist für ihn nicht vorgesehen. Sie passt nicht ins Konzept, politisch und rechtlich.

Rekurs abgewiesen

Frustriert? «Ja, schon. Ich fühle mich hier sehr wohl», sagt Zwegintsow. Und lacht. Nein, Jammern ist seine Sache nicht. Wie sollte es auch. Aber er stellt sich Fragen. Zum Beispiel, was das heissen soll, wenn ihm die Behörden mitteilen, er solle sich «umorientieren». Zwegintsow hat 2008 sein Studium an der Hochschule der Künste Bern mit Auszeichnung abgeschlossen. Er gibt Konzerte, arbeitet als Korrepetitor, engagiert sich in zwei Berner Chören und einem weiteren im Baselbiet. Er hat viel zu tun. Aber er hat keine 75-Prozent-Stelle bei einem einzigen Arbeitgeber.

Genau das aber verlangt das Ausländergesetz von Leuten wie ihm, damit sie in der Schweiz bleiben können. Ein Arbeitgeber wiederum muss beweisen, dass er niemanden aus der Schweiz oder aus der EU findet, bevor er einen Musiker aus Drittstaaten anstellen kann. Zwegintsow hat sich immer wieder beworben. «Keine Chance», sagt er.

Ein Anwalt unterstützt Zwegintsow bei seinen Bemühungen, in der Schweiz zu bleiben. Doch der Rekurs ist eben abgewiesen worden. Jetzt bleibt ihm noch eine Hoffnung: dass er als Härtefall eingestuft wird und eine Aufenthaltsbewilligung aus «humanitären» Gründen erhält.

Und falls nicht? Zwegintsow atmet durch. «Ich könnte in ein anderes Land, noch einmal studieren und von vorne beginnen», sagt er. «Aber ich bin immerhin 31 und eigentlich an einem anderen Punkt.» Die einzige Alternative bietet noch weniger Perspektiven: eine Rückkehr in seine Heimat, die Ukraine.

Fronten des Ukraine-Kriegs

Zwegintsow stammt aus Askania-Nowa, einem Steppengebiet ganz im Süden der Ukraine. Der Ort wurde im 19. Jahrhundert vom deutschen Herzog Ferdinand von Anhalt-Köthen als Kolonie gegründet. Heute grenzt das Gebiet an die Krim, die 2014 von Russland annektiert worden ist. Die Fronten des Bürgerkriegs, der trotz Friedensabkommen weiter schwelt, sind weit weg.

Die Front der Meinungen aber geht mitten durch die Familie. «Wir sprechen so wenig wie möglich darüber. Es ist wirklich schwierig», sagt Zwegintsow. «Natürlich habe ich eher einen westlichen Blick. Aber der Konflikt ist undurchschaubar. Wir werden wohl erst mit der Distanz von Jahren erfahren, was wirklich stimmt – wenn überhaupt.»

Sorgen bereiten Zwegintsow Nachrichten über die Rekrutierungspraxis der ukrainischen Armee. «Neuerdings müssen offenbar alle Männer zwischen 20 und 60 damit rechnen, eingezogen zu werden», erzählt der Pianist.

Unterstützung in Bern

Zwegintsow hat Bern viel zu verdanken. Es war der Hochschuldozent Tomasz Herbut, der den Hochtalentierten 2005 von der Tschaikowsky-Musikakademie Kiew in die Schweiz holte – ohne ihn einmal spielen gehört zu haben. «Das war mutig», sagt Zwegintsow, «und für mich war es ein grosses Abenteuer.»

Unterstützung erhält er auch jetzt, in einem Mass, das ihn erstaunt. Eine Gruppe um die Kulturmanagerin Annagret Stähli setzt sich in Bern für ihn ein. Mit einer Unterschriftensammlung. Und mit einem Brief an die Klavier spielende Justizministerin und Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga.

Berner Zeitung

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