Mit dem Rücken zur Wand

Aller Augen sind an der Konferenz des Verlegerverbandes zur Zukunft des medialen Service public auf Gilles Marchand gerichtet: Wie tritt der neue SRG-Chef in der Höhle des Löwen auf?

Glanzlos, aber souverän: Der neue SRG-Chef Gilles Marchand.

Glanzlos, aber souverän: Der neue SRG-Chef Gilles Marchand. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Zeitpunkt ist ideal. Die Schweiz spaltet sich gerade in zwei Lager – in Befürworter und Gegner der «No Billag»-Initiative, mit der die Gebührenfinanzierung von TV und Radio abgeschafft werden soll. Dazwischen scheint es schon vier Monate vor dem Urnengang nichts mehr zu geben.

Das zeigt sich vorab in den sozialen Me­dien, wo sich die Kontrahenten formiert haben. Sie geben sich indes so blindwütig auf die Mütze, dass sich Überdruss breitmacht, bevor der Abstimmungskampf richtig begonnen hat.Das lärmige Vorgeplänkel weckt die Sehnsucht nach Sachlichkeit, Argumenten, differenzierten Positionen. Deswegen kommt die Service-public-Konferenz des Verbands Schweizer Medien (VSM) gestern in Bern gerade richtig. Und tatsächlich: In der medienpolitischen Diskussion zur künftigen Rolle der SRG vermeiden Freund und Feind die offene Konfrontation und bemühen sich um einen nüchternen Ton.

Besonders gespannt ist das zahlreiche Publikum aus Politik und Medien, Wissenschaft und Verwaltung auf Gilles Marchand. Der neue SRG-Chef ist erst seit Oktober im Amt und absolviert seinen ersten öffentlichen Auftritt – ausgerechnet in der Höhle des Löwen, ausgerechnet bei den Verlegern, die die SRG nicht aus dem Schwitzkasten lassen. Im Vorfeld der Konferenz hatte der VSM den Erwartungsdruck auf den Nachfolger des ungeliebten Roger de Weck noch geschürt – die Botschaft: Marchand muss jetzt liefern. Ein Zeichen der Einsicht setzen, dass es so nicht weitergehen kann.

Doch als der SRG-Chef ans Rednerpult tritt, setzt er erst einmal ein ganz anderes Zeichen: «Ich werde Sie enttäuschen und Französisch sprechen», sagt der Ro­mand, dem Kritiker seine marginalen Deutschkenntnisse vorwerfen und der deswegen seit Monaten büffelt. Will Marchand damit markieren, dass er sich nicht verbiegen lässt – oder ist das Festhalten an der Muttersprache primär dem Bemühen geschuldet, nichts Falsches zu sagen, nur ja nicht missverstanden zu werden?

Diese Gefahr kommt allerdings nie auf. Denn dazu hätte der ­55-Jährige erst einmal etwas Substanzielles sagen müssen. Doch Marchand bewegt sich weitgehend im gleichen argumentativen Rahmen wie schon sein Vorgänger. Auch er appelliert an die Solidarität der Branche, beschwört die Kooperation, um die Krise zu bewältigen. Es bringe nichts, wenn jeder für sich kämpfe, sagt Marchand etwa: «Statt uns um die Krümel eines Kuchens zu streiten, der immer kleiner wird, sollten wir etwas Neues probieren.» Er spricht vom «offenen und ehrlichen Dialog», zu dem er bereit sei, von pragmatischen Lösungen, die es nun brauche für die Koexistenz von SRG und Verlagen. Konkreter wird Marchand aber nie.

Sein Auftritt ist glanzlos, aber souverän. Er spricht nüchtern und ruhig, konzentriert und fo­kussiert. Er will weder rhetorisch brillieren noch philosophisch ab­heben – und wirkt so boden­ständig, glaubwürdig, sympathisch. Er verwedelt nicht, dass die SRG mit dem Rücken zur Wand steht. Von de Wecks staatspolitischer Überhöhung will Marchand nichts wissen: «Wir haben kein Monopol auf die Ko­häsion.» Bei aller formalen Distanz, die er zum Vorgänger markiert: Inhaltlich sind beide auf derselben Wellenlänge.

Das weiss auch der VSM, dem Marchands Bekenntnis zum Dialog zu wenig ist. Das zeigt sich, als VSM-Vizepräsident Peter Wanner das Wort ergreift. Der Verleger der AZ Medien moniert, die SRG sei zu gross, zu dominant. «No Billag» sei als Massnahme zwar zu radikal, doch «ein Ja wäre auch keine Katastrophe», so Wanner. Eine Parole hat der VSM noch nicht gefasst.

Dann nennt Wanner die Forderungen der Verleger an die SRG: Redimensionierung, Gebührenplafonierung bei einer Milliarde Franken, keine internetspezifischen SRG-Angebote, keine SRG-Zeitung online, ein TV-Werbeverbot ab 20 Uhr und gar keine Werbung im Internet. Neu ist daran nichts – und Wanner bekräftigt damit, was sich schon bei Marchand gezeigt hat: Von einer inhaltlichen Annäherung zwischen SRG und Verlegern ist keine Spur – von Lösungen schon gar nicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 22:25 Uhr

Artikel zum Thema

No Billag «staatspolitisch zu gefährlich»

Die Plattform Wemakeit hat das Crowdfunding für die No-Billag-Initiative gestoppt. Die Betreiber argumentieren mit der Gefährlichkeit der «extremen Stossrichtung». Mehr...

Den Jungen ist die SRG egal

Sie kommen aus diversen Parteien und Gruppierungen. Aber eines haben die «No Billag»-Initianten fast alle gemein: Sie sind jung. Wenn man den Medien­konsum junger Erwachsener zum Massstab nimmt, hat die SRG ein Problem. Mehr...

1 Franken pro Tag – Billag wird günstiger

Die Radio- und Fernsehgebühr beträgt zukünftig 365 Franken. Bundespräsidentin Doris Leuthard hat erklärt, wie die Billag ab 2019 funktioniert. Mehr...

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Guguuus: Die Trickfigur Olaf aus dem Disneyfilm Frozen schaut um die Ecke eines Hochhauses in Manhattan. (23. November 2017)
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...