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Missionar ohne Verfallsdatum

Der Ex-Nationalrat Jean Ziegler kämpft gegen die Mächtigen. Und für den Einsitz in einem UNO-Gremium.

Hannes Nussbaumer
Bekannt für seine scharfe Zunge: Jean Ziegler im Parlament in Bern im März 1997.
Bekannt für seine scharfe Zunge: Jean Ziegler im Parlament in Bern im März 1997.
Wurde am 19. April 1934 in Thun als Sohn einer konservativen, protestantischen Familie geboren: Der 33-jährige Jean Ziegler.
Wurde am 19. April 1934 in Thun als Sohn einer konservativen, protestantischen Familie geboren: Der 33-jährige Jean Ziegler.
ARCHIVE --- ZUM 80. GEBURTSTAG, AM 19. APRIL, VON JEAN ZIEGLER, SOZIOLOGE, AUTOR UND EHEMALIGER SP-NATIONALRAT, STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Swiss Jean Ziegler, UN special rapporteur for the right for food, speaks during a press conference at the building of the United Nations in Geneva, Switzerland, Thursday, April 04, 2003.  Ziegler spoke about his report on the right to food in accordance with Commission on Human Rights resolutions. ()
ARCHIVE --- ZUM 80. GEBURTSTAG, AM 19. APRIL, VON JEAN ZIEGLER, SOZIOLOGE, AUTOR UND EHEMALIGER SP-NATIONALRAT, STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Swiss Jean Ziegler, UN special rapporteur for the right for food, speaks during a press conference at the building of the United Nations in Geneva, Switzerland, Thursday, April 04, 2003. Ziegler spoke about his report on the right to food in accordance with Commission on Human Rights resolutions. ()
Swiss Jean Ziegler, UN special rapporteur on the right on food, speaks during a press conference a the building United Nations in Geneva, Switzerland, Monday, April 2, 2001. Ziegler speaks about  his report to the commission on human rights.  () === ELECTRONIC IMAGE ===
Swiss Jean Ziegler, UN special rapporteur on the right on food, speaks during a press conference a the building United Nations in Geneva, Switzerland, Monday, April 2, 2001. Ziegler speaks about his report to the commission on human rights. () === ELECTRONIC IMAGE ===
ARCHIVE --- ZUM 80. GEBURTSTAG, AM 19. APRIL, VON JEAN ZIEGLER, SOZIOLOGE, AUTOR UND EHEMALIGER SP-NATIONALRAT, STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Der Schweizer Soziologe, Politiker (Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz) und Schriftsteller Jean Ziegler haelt als Genfer Nationalrat eine Rede, aufgenommen im Jahr 1974. Seine zahlreichen Publikationen ('Die Schweiz waescht weisser', 'Die Schweiz, das Gold und die Toten', 'Die Barbaren kommen' u.v.a) haben weite Kreise ziehende Skandale ausgeloest und die Oeffentlichkeit in Bezug auf seine Person polarisiert. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)
ARCHIVE --- ZUM 80. GEBURTSTAG, AM 19. APRIL, VON JEAN ZIEGLER, SOZIOLOGE, AUTOR UND EHEMALIGER SP-NATIONALRAT, STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Der Schweizer Soziologe, Politiker (Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz) und Schriftsteller Jean Ziegler haelt als Genfer Nationalrat eine Rede, aufgenommen im Jahr 1974. Seine zahlreichen Publikationen ('Die Schweiz waescht weisser', 'Die Schweiz, das Gold und die Toten', 'Die Barbaren kommen' u.v.a) haben weite Kreise ziehende Skandale ausgeloest und die Oeffentlichkeit in Bezug auf seine Person polarisiert. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)
Ist Widerstand gegen seine Person gewohnt: Jean Ziegler.
Ist Widerstand gegen seine Person gewohnt: Jean Ziegler.
Ganz in seinem Element: Ziegler informiert in Genf als Menschenrechtsexperte über ein iranisches Flüchtlingslager. (August 2009)
Ganz in seinem Element: Ziegler informiert in Genf als Menschenrechtsexperte über ein iranisches Flüchtlingslager. (August 2009)
Eingefleischter Sozialdemokrat: Ziegler mit Christoph Blocher vor einer Debatte über den UNO-Beitritt. (Februar 2002)
Eingefleischter Sozialdemokrat: Ziegler mit Christoph Blocher vor einer Debatte über den UNO-Beitritt. (Februar 2002)
Afrika-Connaisseur: Ziegler mit dem senegalesischen Popstar Youssou N'Dour und Jazz-Organisator Claude Nobs am Montreux Jazz Festival. (Juli 2007)
Afrika-Connaisseur: Ziegler mit dem senegalesischen Popstar Youssou N'Dour und Jazz-Organisator Claude Nobs am Montreux Jazz Festival. (Juli 2007)
Ein Bild aus früheren Tagen: In einer Telefonkabine im Berner Bundeshaus. (Juni 1973)
Ein Bild aus früheren Tagen: In einer Telefonkabine im Berner Bundeshaus. (Juni 1973)
Moment der Erheiterung: Ziegler mit Helmut Hubacher im Nationalratssaal. (Mai 1977)
Moment der Erheiterung: Ziegler mit Helmut Hubacher im Nationalratssaal. (Mai 1977)
Prominente Bekanntschaft: Ziegler mit Nelson Mandela. (10. Juni 1990)
Prominente Bekanntschaft: Ziegler mit Nelson Mandela. (10. Juni 1990)
Schwieriger Gesprächspartner: Jean Ziegler und der irakische Diktator Saddam Hussein begrüssen sich (November 1990). Ziegler befand sich auf diplomatischer Mission, um Schweizer Geiseln auszulösen, die von Hussein als menschliche Schutzschilde instrumentalisiert worden waren.
Schwieriger Gesprächspartner: Jean Ziegler und der irakische Diktator Saddam Hussein begrüssen sich (November 1990). Ziegler befand sich auf diplomatischer Mission, um Schweizer Geiseln auszulösen, die von Hussein als menschliche Schutzschilde instrumentalisiert worden waren.
Abschiedsvorlesung: 2002 emeritierte Ziegler als Soziologieprofessor der Uni Genf.
Abschiedsvorlesung: 2002 emeritierte Ziegler als Soziologieprofessor der Uni Genf.
(Januar 2009)Swiss Jean Ziegler, expert next to Human Rights Council Advisory Committee, listens to a speech during the second session of the Human Rights Council Advisory Committee at the European headquarters of the United Nations in Geneva, Switzerland, Monday, January 26, 2009. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)
(Januar 2009)Swiss Jean Ziegler, expert next to Human Rights Council Advisory Committee, listens to a speech during the second session of the Human Rights Council Advisory Committee at the European headquarters of the United Nations in Geneva, Switzerland, Monday, January 26, 2009. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)
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Er gehört zu den renommiertesten Schweizer Intellektuellen – wobei er selbst rasch relativiert: «Im Ausland schon. Im Inland nicht. Ich störe den Gottesdienst. Das mag man in der Schweiz nicht.» Jean Ziegler (79) war Soziologieprofessor und Genfer SP-Nationalrat, ist Autor von Büchern, die so erfolgreich wie umstritten sind, war bis 2008 Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, danach bis 2012 Mitglied im Beratenden Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrats. In diesen will er nun erneut – voraussichtlich heute wird gewählt.

Warum tut er sich das an? Warum setzt er sich nicht zur Ruhe in seinem Haus in Russin bei Genf, geniesst das Leben und spielt Golf? «Golf?» Er starrt einen an mit ehrlichem Entsetzen: «Das wäre das Schlimmste. Das Symbol der Assimilation an die kannibalische Weltordnung.» Das Phänomen Ziegler besteht darin, dass er seit Jahrzehnten gegen die Mächtigen dieser Welt antritt, ohne Unterbruch gegen Banken und Grosskonzerne wettert, dabei mit dem stets gleichen Vokabular hantiert, immer wieder die «Raubtier»- und «Höhlenbewohner»-Vergleiche bemüht – und es trotzdem keine Ermüdungserscheinungen zu geben scheint, weder beim Publikum noch bei Ziegler selbst.

Und doch verhungere alle fünf Sekunden ein Kind

Ein Missionar ohne Verfallsdatum also – wie kann das gehen? Vielleicht macht es die Mischung von Charme und Leidenschaft aus. Ungefähr ab der dritten Frage des Journalisten beginnt er diesen zu duzen, erkundigt sich in seinem Berner Dialekt, dem auch die Jahrzehnte in Genf nichts anhaben konnten, wie es bei der Arbeit laufe, ob man Kinder habe und wie alt diese seien. Dazwischen immer wieder: «Verschteysch was ig meine?» Jean Ziegler will verstanden werden, und zwar ohne Umschweife, denn «seit ich 30 bin, habe ich das panische Gefühl, die Zeit laufe mir davon». Mit dem Charme öffnet er sein Gegenüber. Mit der Leidenschaft transportiert er seine Anliegen – es ist die Leidenschaft des wahrhaft Empörten. «Die globale Landwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren.» Und doch verhungere alle fünf Sekunden ein Kind. «Das heisst: Jedes Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet. Punkt.» Ein Opfer von Verteilungsproblemen, Spekulation, Profitgier.

Ziegler kämpft für die Opfer. «Man sagt mir immer: ‹Moralisch hast du recht.› Ich habe nicht moralisch recht, gopferteckel. Es geht doch nicht um Moral. Es geht um Fakten.» Ziegler kennt viele Fakten, er zitiert, verweist und referiert. Dass ihm seine Gegner vorwerfen, er nehme es dabei nicht immer so genau, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Irrtümer? «Davon gibt es bei mir einen Haufen. Aber darüber rede ich nicht.» Stattdessen zitiert er einen Satz, den Karl Kraus auf einen Monarchie-Kritiker gemünzt hatte, den Ziegler aber auch für sich gelten lässt: «Er schiesst häufig über das Ziel hinaus, aber selten daneben.»

Tatsächlich ist es so, dass nicht wenige von Zieglers Aussagen, wegen denen er vor einigen Jahrzehnten vor Gericht gezerrt und zu hohen Zahlungen verurteilt worden ist, heute hellsichtig klingen. Etwa die Aussagen zu den Praktiken auf den Schweizer Finanzplätzen. Oder der Satz, Chiles Pinochet-Regime sei faschistisch. Dafür wurde er seinerzeit vom Polizeigericht Genf wegen Verleumdung gebüsst.

Dass Ziegler andererseits mit einigen Elogen auf linke Befreiungskämpfer, die später zu Drittweltpotentaten mutierten, gründlich danebenlag, gehört zu den Irrtümern, über die er weniger gern redet.

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