«Das Projekt von Samih Sawiris steht für meine Politik»

Heidi Z’graggen will erste Urner Bundesrätin werden. Sie hat einen Mann zum Vorbild und wehrt sich gegen jeden Schubladisierungs-Versuch.

«Mein Vorbild ist ein Mann»: Heidi Z’graggen im Urner Rathaus. Foto: Samuel Schalch

«Mein Vorbild ist ein Mann»: Heidi Z’graggen im Urner Rathaus. Foto: Samuel Schalch

Markus Häfliger@M_Haefliger
Beni Gafner@Tamedia

Kurz vor neun Uhr hat die Sonne den Nebel besiegt und gibt den Blick frei auf die Berge über Altdorf. Am Telldenkmal vorbei geht es zum stolzesten Haus am Rathausplatz. Die Justizdirektorin persönlich empfängt die Journalisten vor dem Regierungsgebäude. Über eine alte, steinerne Treppe gehts hinauf in den zweiten Stock. Im sogenannten Bannersaal bittet Heidi Z’graggen zum Interview – jenem Raum, in dem die uralten Schlachtenbanner hängen, die die Urner aus vielen siegreichen Schlachten unversehrt nach Hause brachten: im Jahr 1315 aus Morgarten, 1386 aus Sempach, 1476 aus Murten. Und jetzt also, im Jahr 2018, strebt eine Urnerin den nächsten grossen Sieg an: Heidi Z’graggen will als erste Urnerin in die Landesregierung gewählt werden.

Frau Z’graggen, wann hatten Sie die Idee, sie könnten eigentlich Bundesrätin werden?
Der Rücktritt von Doris Leuthard war für unsere Partei eine Zäsur. Mich selber stimmte er traurig, weil wir Weggefährtinnen sind. Dann begann bei mir ein längerer Reflexionsprozess. Ein wichtiger Grund für meine Kandi­datur war schliesslich, dass die Zentralschweiz heute keinen Ver­treter im Bundesrat hat.

Sie sind Regierungsrätin im zweitkleinsten Kanton, waren nie im Bundesparlament und wollen nun gleich Bundesrätin werden? Das ist forsch.
Ich arbeite seit 14 Jahren in einer Regierung, habe in einem Konkordanzsystem anspruchsvolle Lösungen mitgeprägt und habe viel Erfahrung mit Gesetzgebungsprozessen. Zudem sind auch die Kantone bundespolitisch tätig, jedes Bundesgesetz kommt zuerst bei uns vorbei. Darum glaube ich, die Erfahrungen zu haben, die im Bundesrat wichtig sind.

Sie wollten 2010 Ständerätin werden, verloren damals aber gegen einen Parteilosen. Das war wohl bitter.
Ich sprang damals ein, weil die Partei kurzfristig eine Kandidatin brauchte. Ich lernte dadurch auch mit Niederlagen umgehen. Ich bin im Nachhinein sogar froh, dass es so gekommen ist. Denn so konnte ich das «Swiss Alps»-Projekt von Samih Sawiris in Andermatt nun über fast zehn Jahren begleiten.

Ist «Swiss Alps» Ihr grösster politischer Erfolg?
Es gab auch viele andere wichtige Projekte, die aber halt weniger spektakulär sind. «Swiss Alps» steht aber sinnbildlich für die Art, wie ich Politik mache. Ich versuche immer, alle wichtigen Akteure zu integrieren, ich strebe Konsenslösungen an.

Wie machten Sie das konkret?
Wir entschieden uns damals, nicht sofort mit dem Planen zu beginnen – sonst wäre das Projekt wohl rasch abgestürzt. Stattdessen schufen wir zuerst auf strategischer Ebene die Voraussetzungen – mit einer Richtplanänderung. Dafür mussten wir Bund, die Umweltverbände, Gemeinden und Korporationen an einen Tisch bringen. Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Sind Sie also Fachfrau für Interessenausgleich?
Jawohl. Konkordanz ist der Königsweg der Schweiz. Ein Land mit unterschiedlichen Sprachen und Kantonen, mit Stadt und Land muss immer wieder den Ausgleich finden.

Im Bundeshaus geht es oft nicht besonders harmonisch zu. Sind Sie gewappnet für dieses Haifischbecken?
Dass Parteien um Lösungen ringen, ist richtig. Es ist aber die Aufgabe der Regierung, den Ausgleich zu finden für gute Lösungen. Und ich kann Sie beruhigen: Wir haben auch im Kanton Uri harte Auseinandersetzungen.

Als Politologin kennen Sie Michael Hermanns Links-Rechts-Rating: Wo stehen Sie zwischen -10 und +10?
Ich bin Exekutivpolitikerin und setze mich für die Konkordanz ein …

«CVP-Lösungen sind gut für die Schweiz. Je nach Thema ist es halt die eine oder die andere.»

Das klingt gut, war aber nicht unsere Frage. Uns interessiert Ihre politische Haltung.
Ich bin CVP-Politikerin – unsere Lösungen sind gute Lösungen für die Schweiz. Je nach Thema ist es – wenn Sie Schubladen wollen – halt die eine oder die andere.

Etwas konkreter?
Als Vertreterin eines Kantons, der jedem Arbeitsplatz nachlaufen muss, bin ich sehr wirtschaftsfreundlich. Als Urnerin kenne ich aber auch die Naturgewalten. Darum ist mir die Natur und ihr Schutz sehr wichtig. Auch Bildung gewichte ich aufgrund meines Werdegangs hoch: Ich war zuerst Lehrerin und dissertierte dann als Politologin. In welche Schublade also wollen Sie mich versorgen?

Versuchen wir es anders: Was stört Sie an der SVP?
Mich stört an keiner Partei etwas, weil jede Partei Strömungen und Stimmungen innerhalb der Bevölkerung vertritt und auffängt. Das ist extrem wichtig. Mühe habe ich manchmal aber mit der Härte der Tonalität aus den Polparteien.


Video: Und plötzlich hören ihr alle zu

Niemand hatte sie auf der Rechnung: Heidi Z’graggen, Urner Justizdirektorin, hat gute Chancen auf einen Sitz im Bundesrat. (Video: SDA)


Warum sind Sie in der CVP – und zum Beispiel nicht in der SVP?
Weil die CVP meine Heimat ist. Für mich ist die Umweltpolitik zentral für eine hohe Lebensqualität für alle auch in Zukunft.

Und was trennt Sie von der SP?
Mein klares Bekenntnis zu Föderalismus und Wirtschaftsfreundlichkeit sowie das Bekenntnis zum Steuerwettbewerb.

Obwohl Uri von den Tiefsteuerkantonen der Zentralschweiz stark unter Druck gesetzt wird?
Gerade darum. Der Steuerwettbewerb spornt finanziell schwache Kantone wie Uri an, kreativ zu sein und aus dem Tal der Tränen herauszufinden. Dabei hilft uns natürlich die Solidarität, die wir über den Finanzausgleich erfahren.

Warum sind Sie dann nicht in der FDP?
Als Politikerin der christlichen Volkspartei steht für mich das Gemeinwohl sehr stark im Zentrum. Ich bin für einen starken Sozialstaat. Ich dulde aber keinen Missbrauch.

Sind Sie gläubig?
Ich bin im Katholizismus aufgewachsen und sozialisiert worden. Und ja: Ich bin ein gläubiger Mensch. Die Politik darf sich aber nicht in die Kirche einmischen. Und umgekehrt auch nicht.

Welcher Papst steht Ihnen näher: Benedikt XVI. oder Franziskus?
Das Kirchenoberhaupt ist gewählt und als Katholikin zu akzeptieren. Der, der im Amt ist, der ist der richtige.

Haben Sie ein Vorbild?
Das wird Sie überraschen: Es ist ein Mann. Als ich zur CVP kam, durfte ich Franz Muheim kennen lernen, den strategisch denkenden Mann der Wirtschaft und damaligen Ständerat. Wie er dachte, von welcher geistigen und strategischen Flughöhe aus er politisch agierte – das beeindruckt mich über seinen Tod im Jahr 2009 hinaus.

Sie publizierten über Emilie Lieberherr, die frühere Zürcher SP-Stadt- und Ständerätin. Was fasziniert Sie an ihr?
Wenn ich morgens aufstehe und aus dem Fenster schaue, sehe ich, wo Emilie Lieberherr 1924 geboren wurde: in Erstfeld. Im Rahmen meines Geschichtsstudiums in Bern schrieb ich eine Arbeit über das Frauenstimmrecht. Dafür durfte ich sie porträtieren. Sie lehrte mich: «Politik bedeutet siegen und verlieren. Das müssen Sie ertragen können.» Sie hatte unglaubliche Power zu einer Zeit, als dies den Frauen so noch nicht zugestanden wurde.

Und heute: Befürworten Sie Frauenquoten in Firmen?
Den eingeschlagenen Weg im Rahmen der Aktienrechtsrevision befürworte ich, also eine weiche Frauenquote ohne Sanktionen.

Muss der Staat gegen die Lohnungleichheit zwischen Frau und Mann vorgehen?
Ja. Vor allem, indem er selbst Vorbild ist. Und wenn in derPrivatwirtschaft Fälle solcher Ungleichheit auftreten, sind sie sofort zu korrigieren.

Wie stehen Sie zum UNO-Migrationspakt?
Der Bundesrat hat richtig gehandelt, indem er ihn zurückgestellt hat. Er muss zuerst überdacht und ausdiskutiert werden. Ich bin grundsätzlich skeptisch gegenüber Soft-Law-Regelungen, weil wir in der Schweiz alles immer sehr genau umsetzen.

Soll die Schweiz das Rahmenabkommen mit der EU möglichst rasch abschliessen?
Das Rahmenabkommen ist ein möglicher Weg. Entscheidend ist, dass die Souveränität der Schweizgewährleistet bleibt. Eine Schieds­gerichtslösung bei Streitfällen ist dann in Ordnung, wenn nicht der Europäische Gerichtshof abschliessend entscheidet. Skeptisch bin ich bei den Staatsbeihilfen, die Unionsbürgerrichtlinie lehne ich ab.

Und die flankierenden Massnahmen?
Klar ist, ohne Gewerkschaften geht nichts. Die Arbeitnehmerschaft muss gegen Lohndumping geschützt werden.

Sind Sie für die Ehe für alle?
Es ist eine Errungenschaft unserer Gesellschaft, dass die meisten – gottlob! – weitgehend ohne Diskriminierungen leben können. Diese Errungenschaft ist für mich wichtig, und darum finde ich auch die rechtliche Gleichstellung richtig.

Der letzte Bundesratskandidat aus Uri, Franz Steinegger, scheiterte. Gibt er Ihnen Tipps, wie man es besser macht?
Wir kennen uns gut. Mehr Kontakt habe ich aber mit seiner Frau Ruth, die hier das Jugendgericht und die Natur- und Heimatschutzkommission präsidiert. Von ihr kommt tatsächlich der eine oder andere sehr gute Tipp.

Dann ist Heidi Z’graggens Zeit um. Draussen auf dem Flur wartet der Informationsbeauftragte der Urner Regierung, Adrian Zurfluh, um die Journalisten hinauszubegleiten. Auf dem Weg die Treppe hinunter die Frage, wie gross die Unterstützung für Z’graggens Bundesratskandidatur in Uri denn sei. Zurfluhs Augen beginnen zu leuchten: «Die Stimmung ist im Moment wie bei Sapporo 1972.» Sapporo? «Ja, als der ganze Kanton mit den Urnern Bernhard Russi und Walter Tresch mitfieberte – bis sie an den Olympischen Winterspielen Gold und Silber holten.»

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