«Meine Philosophie ist, alle Facts auf den Tisch zu legen»

Leser, Redaktoren, Beobachter: Alle warten darauf, dass der NZZ-Präsident erklärt, was an der Falkenstrasse vorgeht. Doch Etienne Jornod ist abwesend – weshalb man in früheren Aussagen nach Erklärungen sucht.

«Die NZZ zu führen, war nie einfach»: Das sagte Etienne Jornod, Präsident des NZZ-Verwaltungsrats, gegenüber den Redaktoren der NZZ, als er die Trennung von Chefredaktor Markus Spillmann bekannt gab.

«Die NZZ zu führen, war nie einfach»: Das sagte Etienne Jornod, Präsident des NZZ-Verwaltungsrats, gegenüber den Redaktoren der NZZ, als er die Trennung von Chefredaktor Markus Spillmann bekannt gab.

Felix Schindler@f_schindler

Ohne Zweifel: Etienne Jornod gehört zu den interessantesten Persönlichkeiten der Schweizer Wirtschaft. Unter seiner Führung entwickelte sich der Pharmagrossist Galenica zum Milliardenunternehmen. Doch als ihn die NZZ-Aktionärsversammlung am 13. April des letzten Jahres zum Präsidenten des Verwaltungsrats wählte, runzelten viele die Stirn, insbesondere einige Mitglieder der Redaktion: Wie kommt ein Mann an die Spitze der traditionsreichsten Zeitung des Landes, der im Zeitungsgeschäft null Erfahrungen hat?

Jornods Kritiker fühlen sich jetzt bestätigt. Heute Montag verwandelte sich das Gerücht in eine Tatsache: Der Verwaltungsrat der NZZ hat versucht, den Chef der «Basler Zeitung», Markus Somm, an Bord zu holen. Kurz vor Mittag versandte die BaZ eine Medienmitteilung, in der Somm bestätigt, mit der NZZ Gespräche «betreffend die Neubesetzung der Chefredaktion der ‹Neuen Zürcher Zeitung›» geführt zu haben. Und jetzt verlangen die Redaktoren der NZZ eine Rechtfertigung vom Verwaltungsrat, wie er auf die Idee gekommen sei, die Nachfolge von Markus Spillmann könnte mit Blocher-Biograf Somm besetzt werden.

«Das schafft Vertrauen»

Von Jornod werden sie auf absehbare Zeit keine Stellungnahme erhalten. Nachdem er am letzten Dienstag vor der versammelten Redaktion erklärt hatte, dass sich die NZZ von ihrem Chefredaktor trenne («Die NZZ zu führen, war nie einfach»), meldete er sich für drei Wochen ab. Er weilt geschäftlich in Asien. So kommt man nicht umhin, in Jornods früheren Aussagen eine Erklärung für dessen überraschende Entscheidungen zu finden (siehe Box).

Und man staunt, wenn man seinen Auftritt in der Sendung «Aeschbacher» anschaut. «Meine Philosophie ist, alle Facts auf den Tisch zu legen. Das schafft Vertrauen.» Inzwischen hat er sein Vertrauen allerdings weitgehend eingebüsst. Ferner sagte Jornod zu seinem Gesprächspartner Kurt Aeschbacher, ein «starker Verwaltungsrat und Kontrolle» seien «extrem wichtig.» Das war 2008, fünf Jahre bevor er das Präsidium eines Medienunternehmens übernahm, dessen Mitarbeiter ein Höchstmass an Selbstbestimmung für sich beanspruchen und gegenüber Kontrolle und Führung wenig empfänglich sind.

Auf die Frage, ob man als Manager über Leichen gehe, um sein Ziel zu erreichen, überlegt Jornod lange. «Das ist wirklich eine interessante Frage. Ich denke nicht», sagt er schliesslich. Er habe viel Geduld, versuche immer, die Leute zu überzeugen und ihnen eine Chance zu geben. «Doch manchmal reicht die Geduld nicht, und man muss sich trennen.»

Jornods bescheidener Ruf auf der Redaktion

Nach seiner Wahl sagte der neue NZZ-Präsident gegenüber den hauseigenen Medienjournalisten: «Wir müssen lernen, in einer Welt zu leben, in der fast nichts mehr sicher ist.» Und: «Ich werde absolut keinen Einfluss auf die Redaktion ausüben.» Der Medienjournalist der «Weltwoche» schrieb ein gutes Jahr später, die NZZ habe es völlig verpasst, ihr grösstes Geschäft, die Kleinanzeigen, wieder in den Griff zu bekommen. Bei einem Mittagessen habe ihm Jornod gesagt, er würde nie eine Internetfirma wie Jobs.ch kaufen. Er halte nichts von diesen digitalen Plattformen der Kleinanzeigen. Der Journalist kommentierte: «Ich war platt. Es kam mir vor, wie wenn mir im Jahr 2000 der Präsident der NZZ erklärt, er würde nie im Leben ein Stelleninserat in seiner Zeitung drucken.»

Mitarbeiter der NZZ sind auf Jornod nicht gut zu sprechen. Er gilt als schwache Persönlichkeit ohne Netzwerk im Zeitungsgeschäft. Man erzählt sich, er sei bloss aus der Not im Verwaltungsrat installiert worden, weil niemand Geeigneteres das Mandat übernehmen wollte. Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand schliesslich darin, den österreichischen Manager Veit Dengler als CEO zu verpflichten – auch er ein Mann ohne Erfahrungen im Zeitungsgeschäft. Dengler setzt alles daran, die traditionsreiche NZZ nun in ein «digitales Powerhouse» zu verwandeln, wie eine Mitarbeiterin sagt. Jornod sehe im eloquenten Österreicher den Heilsbringer und mache dessen Ansichten kritiklos zu seinen eigenen.

Jornods Verbindung nach Herrliberg

Politisch ist Jornod nicht einzuordnen, mindestens hielt er sich mit politischen Äusserungen bisher zurück. Obwohl er sich am 10. Februar, einen Tag nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative, vergleichsweise weit aus dem Fenster lehnte, bleibt seine Kritik doch sehr verhalten: «Wenn man als Schweizer Unternehmen führend bleiben will, muss man wirklich die besten Leute holen. Egal, welche Nationalität sie haben («Finanz und Wirtschaft»).» Auch als die «Bilanz» im Jahr 2013 das Machtnetz Jornods auszubreiten versuchte, tauchte dort mit wenigen Ausnahmen kein Strippenzieher der Schweizer Politik auf. Trotzdem: Eine Verbindung nach Herrliberg existiert: Jornod sass gemeinsam mit Blochers Tochter Magdalena bis zum Jahr 2010 im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Chemische Industrie, die heute Scienceindustries heisst. Ausserdem hält Martin Ebner, ein enger Vertrauter von Christoph Blocher, 16 Prozent der Galenica.

Offen ist, ob es ihm nun gelingt, das Vertrauen der Redaktion wiederzuerlangen. Er wurde einst gefragt, wie gross das Risiko sei, wegen anderweitiger Tätigkeiten zurücktreten zu müssen. «Es gibt nie eine Garantie», sagte Jornod damals.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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