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Mediale Mühen mit dem Terror

Die Bundes­anwaltschaft klagt den ­Islamischen Zentralrat wegen eines Propagandavideos für al-Qaida an. Der Fall zeigt exemplarisch die Mühen der ­Medien mit dem Terror: Auch der «Blick» hat das fragliche Video verbreitet. Bis am Donnerstag.

Der Islamische Zentralrat, im Bild Vorstandsmitglied Qaasim Illi, setzt die Medien gezielt ein.
Der Islamische Zentralrat, im Bild Vorstandsmitglied Qaasim Illi, setzt die Medien gezielt ein.
Keystone

Die Spitze des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) muss sich demnächst vor Bundesstraf­gericht verantworten. Gestern hat die Bundesanwaltschaft (BA) bekannt ­gegeben, dass sie An­klage gegen drei Vorstandsmitglieder des Vereins erhebt.

Der Fall dreht sich um zwei Videos, mit denen der IZRS aus Sicht des Bundesanwalts verbotene Pro­paganda für die Terrororganisation al-Qaida betrieben hat. Welches Strafmass die BA verlangt, wird sie erst vor Gericht bekannt geben. Das Gesetz sieht Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren oder Geldstrafen vor.

Nach Anfrage löscht der «Blick» das Video sofort

Der Fall hat eine interessante Nebenspur, die zum «Blick» führt. Sie offenbart die anhaltenden Probleme der Medien auf der Suche nach dem richtigen Umgang mit dem islamistischen Terror. Die Frage, wie weit der journalistische Aufklärungsauftrag geht und ab welchem Punkt Medien sich zu unfreiwilligen Terrorhelfern machen, ist nicht einfach zu beantworten.

Immerhin, im Fall der IZRS-Videos fällt die Antwort relativ leicht. Der «Blick» hat sie gestern gleich selber gegeben und auf Anfrage hin das fragliche Video auf Blick.ch sofort gelöscht.

Der Reihe nach. Im Dezember 2015 teilte die BA mit, dass sie ­wegen der Videos ein Strafverfahren eröffnet. Daraufhin nahm der IZRS an einer Medienkonferenz Stellung. Darüber hat damals auch der «Blick» berichtet. Ergänzend dazu hat er jedoch auf Blick.ch auch gleich einen Teil des beanstandeten Film­mate­rials des Zentralrats veröffentlicht. Das 38-minütige Video zeigt ein Interview, das im Zentrum des Strafverfahrens steht, da es sich beim Gesprächspartner laut der BA um einen führenden Al-Qaida-Vertreter in Syrien handelt, der ausführlich seine Ideologie und seine Organisation rühmt.

«War uns nicht bewusst»

Der «Blick» hat das Video auch später nicht gelöscht, obwohl es sich laut der BA um Terrorpro­paganda handelt. Der Film war auch gestern noch ganz einfach auf Blick.ch zu finden, ein Link unter der neusten Meldung zum Fall führte direkt zum Video.

Doch dann ging es schnell. Auf das Video angesprochen, schrieb Christian Dorer, Chefredaktor der «Blick»-Gruppe, er danke für den Hinweis. Dorer, der erst seit Februar 2017 «Blick»-Chef ist, hielt fest, es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass dieses Video noch online sei. «Wir haben es gelöscht.» Kurz darauf war es auf Blick.ch nicht mehr zu finden.

Bundesanwaltschaft: «Das ist heikel»

Womöglich hat sich der «Blick» damit auch selber einen Gefallen getan, um nicht plötzlich seinerseits ins ­Visier der Justiz zu ge­raten. Immerhin hat er das Filmmaterial ebenfalls weiterver­breitet. BA-Sprecher André ­Marty wollte gestern auf An­frage nicht auf den konkreten Fall eingehen. Grundsätzlich ­sagte er: «Wenn Medien Videos oder anderes Material weiterverbreiten, mit dem terroristische Organi­sationen propagandistisch unterstützt werden, ist das heikel.»

Marty will sich nicht festlegen, ob die Verbreitung in diesem Fall tatsächlich strafbar wäre. Die BA habe bisher nie ein Strafverfahren gegen ein Medium wegen eines solchen Falls eröffnet. Aber: «Wer über Terrorismus und verwandte ­Themen berichtet, sollte sich der Propagandaproblematik bewusst sein und seine Verantwortung als Medienschaffender wahrnehmen.»

Wenn das nur immer so einfach ­wäre wie im Fall «Blick». Dass man keine Propagandavideos ­zeigen soll, leuchtet ein. Inzwischen sind aber Medien in ganz Europa, so etwa auch SRF, noch viel vorsichtiger geworden: Sie veröffentlichen nach Attentaten ­weder Bilder noch Namen der ­Täter, um Märtyrertum und Nachahmungstäter möglichst zu vermeiden. Sie folgen damit den Ratschlägen von Experten, die nach den Anschlägen von 2016 die Medien aufriefen, sich generell mehr zurückzuhalten und ­etwa auf Liveticker oder ­aus­führliche Täterporträts zu verzichten.

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