«Man muss kein Schweizer sein, um zur Schweiz zu forschen»

Für den frei werdenden Publizistik-Lehrstuhl präsentierte die Uni Zürich nur deutsche Kandidaten. Nach heftiger Kritik wird das Berufungsverfahren sistiert. Rektor Andreas Fischer nimmt Stellung.

«Das Thema beschäftigt auch uns»: Der Rektor der Universität Zürich, Andreas Fischer. (Archivfoto)

«Das Thema beschäftigt auch uns»: Der Rektor der Universität Zürich, Andreas Fischer. (Archivfoto)

(Bild: Keystone)

Weshalb hat sich die Universitätsleitung dazu entschlossen, das Berufungsverfahren um die Nachfolge von Publizistikprofessor Heinz Bonfadelli zu sistieren? Nachdem am Mittwoch der Tagesanzeiger über das Verfahren berichtet hatte, kam es zu heftigen Reaktionen. Via E-Mail wurden Mitglieder der Kommission massiv persönlich angeschuldigt; auch Kandidierende wurden kontaktiert. Aufgrund der Situation ist ein normaler Fortgang des Verfahrens nicht mehr möglich. Der Präsident der Kommission stellte Antrag auf Sistierung des Verfahrens, wir haben diesem Wunsch Folge geleistet.

Wer hat die E-Mails geschrieben? Das weiss ich nicht.

Die Probevorträge der Kandidaten finden nicht statt? Nein, sie sind abgesagt.

Wie geschieht nun? Als nächster Schritt wird eine Anhörung der Kommission stattfinden: Die Universitätsleitung lädt die Kommission oder eine Delegation der Kommission in eine reguläre Universitätsleitungssitzung ein. Das Datum der Anhörung steht noch nicht fest. Was danach geschieht ist offen: Die Universitätsleitung könnte die Weiterführung des Verfahrens bewilligen oder sie könnte der bestehenden Kommission Auflagen machen. Im Extremfall könnte sie die Kommission auflösen und das Verfahren neu starten. Ich möchte aber betonen, dass das im Moment absolut offen ist.

Gibt es innerhalb der Kommission Querelen? Diese Frage wird Gegenstand der Anhörung sein.

Unsere Leser haben heftig darauf reagiert, dass nur Deutsche im Rennen sind, die Frage taucht auf, ob sich denn gar keine geeigneten Schweizer beworben haben. Ich kann diese Frage zurzeit nicht beantworten. Die Kommission macht in der Regel ihre Arbeit und liefert dann das Resultat ab. Deshalb weiss ich zurzeit nicht, wie viele Schweizer sich beworben haben. Das Verfahren läuft immer gleich ab: Die erste Phase, das Sichten der Bewerbungen ist vertraulich. Dann kommt die Phase in der die öffentlichen Probevorlesungen stattfinden. Diese Phase hätten wir jetzt gehabt. Das heisst die Namen derjenigen, die zu einer Probevorlesung eingeladen waren, sind bekannt. Der letzte Teil des Verfahrens ist wieder vertraulich, wenn es darum geht, eine Liste zusammenzustellen.

Kritisiert wurde auch, dass die ausgewählten Kandidaten v. a. auf dem Gebiet der Unterhaltung spezialisiert sind. Auch das müssen wir abklären. Ich kenne die Details noch nicht. Wir müssen prüfen, wie die Ausschreibung genau lautet und wie die Qualifikation der Leute aussieht, die in die Zwischenrunde kamen. Aber es ist klar, dass wir das überprüfen werden.

Was ist generell Ihre Haltung zum Vorwurf, dass zu viele Deutsche an Schweizer Universitäten arbeiten? Ich stelle fest, dass das Thema in der Öffentlichkeit grosse Aufmerksamkeit geniesst. Ich erwarte aber, dass Bewerber ungeachtet ihrer Nationalität die gleichen Chancen haben. Wobei zu sagen ist, dass es demografische Faktoren gibt: Aus einem Land wie Deutschland, das zehnmal grösser ist als die Schweiz, gibt es in gewissen Fächern einfach numerisch mehr Bewerber.

Im Fach Publizistik wäre es doch sinnvoll, wenn jemand unterrichtet, der mit Schweizer Medien aufgewachsen ist. Ich verstehe das Argument. Doch Wissenschaft ist grundsätzlich nicht von der Nationalität abhängig. Sie müssen beispielsweise nicht Schweizer sein, um zur Schweizer Geschichte zu forschen oder diese zu unterrichten. Was nicht heisst, dass ein Schweizer das nicht auch leisten könnte. Doch die Annahme, dass französische Literatur nur von einem Franzosen oder einem Romand unterrichten werden könnte, amerikanische Geschichte nur von einem Amerikaner, das ist ein zu einfacher Schluss.

Müsste man nicht das Gefühl vieler Schweizer berücksichtigen, dass nur noch Deutsche in Schlüsselpositionen arbeiten? Es scheint die Menschen sehr zu beschäftigen. Wir nehmen das mit Interesse und Aufmerksamkeit zur Kenntnis. Das Thema beschäftigt auch uns.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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