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«Man muss dem Stress anders beikommen»

Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer sagt im Interview, warum er die Ferien-Initiative bekämpft, wie die Arbeitgeber die Arbeitsbelastung mildern können und wie er sich selber gegen Dauerstress schützt.

«Ich hätte sechs Wochen Ferien zugut, nehme aber fünf und fühle mich gut»: Gerold Bührer, Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, hier an einer Pressekonferenz Mitte Januar 2012 in Bern.
«Ich hätte sechs Wochen Ferien zugut, nehme aber fünf und fühle mich gut»: Gerold Bührer, Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, hier an einer Pressekonferenz Mitte Januar 2012 in Bern.
Keystone

Herr Bührer, die Kampagne gegen die Ferien-Initiative läuft unter dem Slogan «mehr Ferien – weniger Jobs». Wie viele Jobs gingen mit der Initiative verloren?

Es wäre unseriös, hier eine ganz genaue Zahl anzugeben. Wir wollen einfach klarmachen, dass sich die Schweiz gerade mit dem überbewerteten Franken in einer herausfordernden Wettbewerbssituation befindet und dass es Arbeitsplätze kosten würde, wenn die Arbeitskosten der Beschäftigten deutlich steigen würden.

Die Realisierungszeit beträgt sechs Jahre. Ist die Frankenstärke bis dahin nicht überwunden?

Ich erwähne die Frankenstärke nicht als ausschliesslichen Tatbestand. Nein, die Schweiz ist schon heute ein Hochkostenland, ein Land mit hoher Produktivität. Ich denke nicht nur innerhalb eines konjunkturellen Zeithorizonts, sondern strategisch langfristig. Wir müssen der Wettbewerbsfähigkeit langfristig Sorge tragen, und da spielen die Arbeitskosten nebst anderen Faktoren eine wichtige Rolle.

Die Befürworter sagen, erholte, zufriedene Arbeitnehmer würden den Wirtschaftsstandort Schweiz stärken, nicht schwächen.

Da haben wir so viel Datenmaterial, dass wir diese These gut widerlegen können. Sie würde ja bedeuten: je mehr Ferien, desto höher die Produktivität und desto geringer die Krankheitsabsenz. Das stimmt aber nicht. Länder mit höheren gesetzlichen Ferienansprüchen haben mehr Absenztage als die Schweiz, so unter anderem Deutschland und Finnland. Wir haben in der Schweiz durchschnittlich vier Absenztage pro Jahr, in Finnland und Deutschland sind es rund neun Tage. Stresssymptome haben oft andere Gründe, oft auch persönliche oder familiäre, oder sie hängen mit dem Betriebsklima zusammen.

Die sechste Ferienwoche sei quasi die Entschädigung für den fortschrittsbedingten Stress, sagen die Initianten. Haben Sie eine bessere Idee?

Ich bin der Meinung, dass man dem Stress anders beikommen muss. Man müsste den Leuten beibringen, am besten schon in der Schule, mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten so umzugehen, dass man sich nicht in Dauerstress begibt. Als das Fernsehen aufgekommen ist, war es eine Herausforderung, darauf zu achten, dass der TV-Konsum für die Kinder nicht zur Sucht wird. Heute muss man lernen, wie man mit dem Handy umgeht. Viele Leute lassen sich durch E-Mails und Handy übermässig tyrannisieren. Dort muss man ansetzen. Wie werde ich Kollegen und Kunden gerecht, ohne mich in eine suchtähnliche Abhängigkeit von den Kommunikationsmitteln zu begeben.

Schalten Sie das Handy auch mal ab?

Immer wieder, wenn ich mich beispielsweise einige Stunden dem Aktenstudium widme. Manchmal gelingt es mir nicht. Am Freitag fahre ich für eine Woche in die Skiferien. Dort werde ich das Handy tagsüber ausschalten, und abends höre ich die Combox ab, ob es etwas sehr Dringliches darunter hat.

Bis in die Achtzigerjahre galten in der Schweiz zwei Ferienwochen als gesetzliches Minimum – aus heutiger Perspektive ist das viel zu wenig. Sperren Sie sich nicht gegen eine natürliche Entwicklung, die in 30 Jahren als selbstverständlich erachtet wird?

Ich habe nach dem Studium mit drei Wochen Ferien gestartet, jetzt mit über 60 hätte ich sechs Wochen zugut. Ich nehme aber in der Regel fünf und fühle mich gut, bin auch nie krank. Aber zu Ihrer Frage: Ich bin nicht Futurologe, es ist nicht auszuschliessen, dass mehr Ferien irgendwann kommen. Doch das hängt zentral von der Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft ab. Nur dank dieser können wir vielen Menschen Arbeit bieten. Ich bin stolz auf unsere tiefe Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent. Im Euroraum beträgt sie über 10 Prozent.

Sie plädieren für Flexibilität und Sozialpartnerschaft. Doch diese nützt dem Arbeiter in der Land- und Forstwirtschaft nicht viel, der hart arbeitet und vier Wochen Ferien hat.

Ich bin sehr überzeugt von der Sozialpartnerschaftskultur. Durch diese geben einige Branchen mehr Ferien, weil die Leute stark belastet sind. Zum Beispiel die Baubranche, die Holzverarbeitungsindustrie, auch die Maschinen- und Metallindustrie. Die Arbeitgeber tragen den Abnützungserscheinungen Rechnung. Es mag immer wieder Branchen geben, in denen die Angestellten mehr Ferien verdienen würden. Aber es ist die Angelegenheit dieser Branche und der Sozialpartner, das zu regeln.

Auch das Betriebsklima sei schuld am Stress, sagen Sie. Was könnte man da verbessern?

Ich achte immer sehr auf ein gutes Betriebsklima. Bei den jährlichen Mitarbeitergesprächen stelle ich fest, dass die Arbeit in den wenigsten Fällen als Belastung genannt wird. Meistens sind es Unstimmigkeiten, das Gefühl, unfair behandelt zu werden, das psychisch belastet. Ich glaube, das ist in anderen Lebensbereichen genauso. Die Menschen wollen fair behandelt werden, sie wollen Transparenz und nachvollziehbare Qualifikationen.

Ist das ein Aufruf an die Arbeitgeber, das Betriebsklima besser zu pflegen?

Ich würde mich hüten, die Arbeitgeber generell zu kritisieren. Es hat vielleicht schwarze Schafe, aber wenn man gesamtschweizerische Umfragen über die Arbeitszufriedenheit anschaut, steht die Schweiz im internationalen Vergleich sehr gut da. Insgesamt ist die Kultur der Partnerschaft und Fairness in der Schweiz weit entwickelt. Wahrscheinlich, weil wir kleinräumig sind, weil man sich kennt.

Sie sagen, die Initiative koste 6 Milliarden Franken. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Sie ist eine Schätzung, basierend auf 4,6 Millionen Beschäftigten in der Schweiz. Man hat den Durchschnittslohn von 65'000 Franken pro Jahr genommen. Die zusätzlichen Ferien entsprechen 2 Prozent Mehrkosten, das macht pro Jahr und Mitarbeiter 1300 Franken Mehrkosten. Wir sind uns bewusst, dass dies eine Richtzahl ist.

Travailsuisse setzt dem 10 Milliarden Franken arbeitsstressbedingter Gesundheitskosten gegenüber…

Die sechs Milliarden Franken Mehrkosten lassen sich rechnerisch herleiten. Bei der anderen Zahl ist für mich sehr viel Luft drin. Es ist wissenschaftlich nicht möglich, eine solche Zahl zu verifizieren. Wie sollen sie bei jemandem, der schwerwiegende familiäre oder erblich bedingte Probleme hat, eruieren, ob die gesundheitlichen Beschwerden arbeitsbedingt sind oder nicht? Das ist meines Erachtens unmöglich.

Offiziell stösst die Initiative auf grosse Ablehnung. Inoffiziell könnten viele Stimmberechtigte ein Ja einlegen, Umfragen deuten dies an.

Ich nehme diese Initiative nicht auf die leichte Schulter. Wir haben aber Erfahrungswerte, wonach Volksinitiativen zu Beginn auf grosse Zustimmung stossen, und je mehr Aufklärung geleistet wird, desto mehr sinkt die Zustimmung.

Viele Leute fühlen sich geprellt, wenn sie von Privilegien für Kadermitarbeiter hören. Glauben Sie nicht, dass die verbreitete Frustration die Chancen der Initiative erhöht?

Dass die Frustration auf die Stimmung drückt, kann ich nachvollziehen. Wir hatten aber diesen Faktor bereits im Herbst 2010 mit der SP-Steuerinitiative. Sie hatte zu Beginn hohe Zustimmung, ist dann aber mit 58 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt worden. Aufgrund der allgemeinen Stimmung hätte man annehmen können, dass die Initiative angenommen wird, da sie nur Leute betrifft, die mehr als 250'000 Franken pro Jahr verdienen. Ich war damals an einer TV-Sendung und habe in Zürich ein Taxi genommen. Da hat mir der Taxifahrer, der aus dem Zürcher Oberland stammte, gesagt, er lehne die Steuerinitiative ab. Denn in seinem Dorf habe es viele gute Steuerzahler, wenn diese wegzögen, wäre ihm auch nicht gedient. Das ist typisch schweizerisch pragmatisch gedacht.

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