Das Netz der Salafisten in der Schweiz

In ihrem neuen Buch beschreibt Saïda Keller-Messahli die Schweiz als «islamistische Drehscheibe». Die Islamkennerin kritisiert Behörden, die einen Abu Ramadan immer noch für einen «Einzelfall» halten.

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Saïda Keller-Messahli, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Fall Abu Ramadan vernommen haben?
Saïda Keller-Messahli: Mich hat überhaupt nicht überrascht, was er sagt. In der Tendenz gibt es viele solche Prediger in der Schweiz. Die totalitäre Stimmung innerhalb der Moschee verursacht zudem, dass niemand aufgestanden ist und widersprochen hat. Sondern es haben sich alle wie Schafe verhalten.

War Ihnen der in Biel predigende Imam bekannt?
Ich wusste, dass die Ar’Rahman-Moschee zu den radikalsten Moscheen in der Schweiz gehört. Ich habe recherchiert zu Abu Ramadan und festgestellt: Er ist kein Einzelfall.

Abu Ramadan sagt, er sei falsch zitiert worden. Auch der Islamische Zentralrat (IZRS) kommt zum Schluss, die Übersetzung sei böswillig erfolgt.
Die Texte wurden unabhängig voneinander von drei verschiedenen Personen übersetzt, und alle kamen zum selben Resultat. Darunter ist auch ein Islamwissenschaftler.

Wie kommt denn der IZRS auf seine Position?
Der salafistische Zentralrat sucht solche Fälle und stürzt sich auf sie, er spielt sich jeweils als Anwalt der betroffenen Muslime auf. Das hat System, denn der IZRS fährt dann mit einem Journalistenteam aus Kuwait oder Katar ein. Diese Journalisten interviewen das «Opfer», der Fall wird in den Ländern am Golf, wo Blancho sich als Präsident aller Muslime in der Schweiz aufspielt, breit ausgestrahlt. Das ist Marketing für den IZRS.

Was Abu Ramadan gepredigt hat, ist gar nicht so speziell. Bittgebete im Sinne eines Verfluchens der «Ungläubigen» sind oft Teil von Predigten.
Es wird aber durchaus seine Gesinnung sichtbar, wenn er – wie alle Jihadisten – solche Stellen in der Freitagspredigt benutzt. Ich weiss: Salah Ben Selam, wie Abu Ramadan eigentlich heisst, dient einem jihadistischen Netzwerk. Wer im Namen der Religion Krieg führen will, wählt solche Stellen und meint sie auch so.

Es fällt aber auch nicht schwer, solche Stellen im Koran zu ­finden.
Ja. Wir haben ein Problem mit dem Text, er ist in seinem historischen Entstehungskontext stehen geblieben, und er lässt sich missbrauchen. Aber ein Imam mit echter Bildung wird niemals eine solche Textstelle auswählen.

Abgesehen von den Reisen nach Libyen ist bislang kein gesetzeswidriges Verhalten von Abu ­Ramadan nachgewiesen, obwohl offenbar schon lange gegen ihn ermittelt wird. Ist er nicht einfach ein Sündenbock?
Nein, ganz sicher nicht. Er weiss ganz genau, was er tut. Er ist vor allem ein Lügner. Er hat sehr vieles versteckt, und er dreht vieles zu seinen Gunsten um. Ich habe beispielsweise früher oft als Dolmetscherin in Asylverfahren gearbeitet. Abu Ramadan wurde ganz sicher – wie allen anderen Asylsuchenden auch – erklärt, dass er nicht zurück nach Libyen gehen darf.

Naïma Serroukh, die in Biel ein Präventionsprojekt gegen Radikalisierung aufgezogen hat, zeigte sich jedenfalls überrascht über die Enthüllungen. Sie hat Abu Ramadan vertraut und ihre Kinder zu ihm in den Arabischunterricht geschickt. Ist sie also nicht glaubwürdig?
Ich kenne sie nicht persönlich, aber ich bin sehr skeptisch. Die Region zwischen Biel, Neuenburg und La Chaux-de-Fonds ist eine Hochburg der Muslimbruderschaft. Gerade im Bereich der Prävention drängen sich gern Islamisten vor, damit sie als harmlos wahrgenommen werden. Das Phänomen ist auch in Deutschland und Österreich bekannt: Islamisten wollen Flüchtlinge betreuen, sie wollen Seelsorger sein in Gefängnissen, und sie wollen sich in der «Prävention» ein­bringen.

Die Verantwortlichen der Ar’Rahman-Moschee haben bislang bloss geschwiegen. Einer ihrer Imame hat 2012 in einem seltenen Interview gesagt, er könne sagen, was er wolle, die Moschee werde ohnehin in die extremistische Ecke gestellt.
Es gehört zum Diskurs der Islamisten, sich in die Opferrolle zu begeben. Die Schuld liegt immer bei den anderen. Der Opferdiskurs ist das Kapital der Islamisten, so können sie auf die Gläubigen einwirken.

Der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr hat die Geschichte um Abu Ramadan einen «Einzelfall» genannt. Warum muss man sich also derart aufregen?
(schüttelt den Kopf) Genau solche Politiker kritisiere ich. Sie verstehen nicht, worum es eigentlich geht. Abu Ramadan ist mitnichten ein Einzelfall. Sondern es bestehen Strukturen mit dem Ziel, uns etwas aufzuzwingen, egal, mit welchen Mitteln. Die Köpfe dahinter versuchen über unsere Institutionen Einfluss zu nehmen.

Der Fall Abu Ramadan gibt dem Thema einer hiesigen Imam­ausbildung wieder Aufschub. Kann dies das Problem lösen?
Sie kann das Problem ein bisschen entschärfen. Wir brauchen Imame, die hier in die Schule gegangen sind, die mit der hiesigen Gesellschaft verbunden sind, die unsere Kultur kennen und die Gläubigen in diesem Sinn und Geist ansprechen. Aber dies allein reicht nicht. Wir müssen viel mehr Massnahmen treffen.

Welche?
Wir sollten uns Österreich zum Vorbild nehmen. Dort gibt es seit über hundert Jahren ein Islamgesetz, das erneuert worden ist. Das ist ein gutes, rechtsstaatliches Instrument, das formuliert, wie wir unser Verhältnis zum organisierten Islam regeln: Die Auslandfinanzierung von Moscheen ist verboten. Die Koranverteilungsaktionen auf öffentlichem Grund sind verboten. Das Verhüllen des Gesichts im öffentlichen Raum ist verboten. Die Ausbildung der Imame ist geregelt. Klandestine islamische Kindergärten ohne Bewilligung und ausserhalb demokratischer Kontrolle – wie es sie in der Schweiz zuhauf gibt – sind verboten.

Letzte Woche ist nun bekannt geworden, dass zwei junge Frauen zum IS gegangen sind, nachdem sie in der Ar’Rahman-Moschee verkehrt haben.
Das ist ein sehr trauriges Kapitel, aber auch dies hat mich überhaupt nicht erstaunt. In Anbetracht der Diskurse, die in solchen Moscheen gepflegt werden, ist es vielmehr erstaunlich, dass nicht mehr junge Leute diesen Weg wählen.

Spielen Moscheen dabei tatsächlich eine wichtige Rolle?
Eine sehr wichtige. In der Moschee herrscht eine Stimmung, die bewirkt, dass das kritische Denken aussetzt. Dazu dient die ganze Ordnung: Die Gläubigen haben nichts zu sagen und werden mit den lautstark vorgetragenen Inhalten zugedröhnt. Das ist eine autoritäre, geradezu militärische, totalitäre Struktur. Und die Frauen sind ohnehin abwesend irgendwo in einem Raum versteckt. Wer sich dieser Machtstruktur fügt, nimmt als Wahrheit an, was er da hört.

Ferah Ulucay, die Frauenbeauftragte des IZRS, hat die beiden Frauen offenbar sehr gut gekannt, aber anscheinend von den Ausreiseplänen nichts mitbekommen.
Von dem, was die Salafisten des IZRS sagen, glaube ich kein Wort.

Ulucay begründet die Radikalisierung der Frauen unter anderem auch mit der «Islamophobie» in der Schweiz.
Das ist der Opferdiskurs. Es ist der Diskurs aller Islamisten. Sie muss sich selber hinterfragen und nicht nur die Schuld bei den anderen suchen.

Die Stellensuche für ein Kopftuch tragende Frauen ist aber nicht einfach.
Ich betreue einen solchen Fall privat. Wenn eine junge Frau bereit ist, die Lehrstelle nur wegen des Kopftuchs aufzugeben, muss sie sich fragen, was sie hier eigentlich will. In meinem Fall hat sich die Frau eines Tages entschieden, das Kopftuch zu tragen, und der Lehrmeister sagte: Nein. Daraufhin liess sie alles fallen. Dabei ist das Kopftuch kein islamisches Gebot! Das sage nicht nur ich, sondern das sagen auch muslimische Islamwissenschaftler. Doch gerade Moscheen treiben das Kopftuchtragen von Mädchen und Frauen voran. Das Ziel ist es, das Kopftuch sichtbar zu machen. Die Islamisten arbeiten gegen jede soziale Integration in einem europäischen Kontext. Das Kopftuch ist ein Mittel, den Willen, sich vom Rest der Gesellschaft zu demarkieren, sichtbar zu manifestieren.

Müsste nicht gerade eine liberale Gesellschaft es aushalten, wenn Frauen freiwillig ein Kopftuch tragen?
Was heisst schon freiwillig? Angesichts eines solch totalitären Projekts, das aus dem Islam ein politisches Programm macht, kann man doch nicht von Freiwilligkeit sprechen.

Muslime sind in den deutschsprachigen Gesellschaften aber recht gut integriert. Dies hat die Bertelsmann-Stiftung in ihrem neusten Religionsmonitor kürzlich festgestellt.
Das ist deutsche Wahlpropaganda. Diese Studie soll einfach Kanzlerin Merkel zudienen und bestätigen, dass alles in Ordnung ist und es keine Probleme gibt. Es gibt zuhauf Studien, die der Bertelsmann-Stiftung widersprechen. In Österreich haben 30 Prozent der Muslime nie Kontakt mit Österreichern, sie bleiben unter sich. Das ist hochbedenklich. Eine andere österreichische Studie zeigte, dass in über der Hälfte der muslimischen Kindergärten Werte vermittelt werden, die mit der Demokratie nicht vereinbar sind.

Die Ar’Rahman-Moschee in Biel war wiederholt negativ in den Schlagzeilen. Sollte man probieren, sie zu schliessen?
Was heisst da probieren? Die sollte man dringend schliessen und ihre Betreiber zur Verantwortung ziehen!

Dazu braucht es juristisch stichhaltige Gründe.
Die bestehenden Gesetze reichen dafür aus, zu sagen: Was Abu Ramadan da rausgelassen hat, das dulden wir nicht. Es wäre wichtig, ein solches Signal zu setzen.

Reden wir über Ihr Buch. Sie zeigen zwar an Beispielen auf, dass ein wahhabitisch-salafistisches Netzwerk existiert, dass es Geld und Personal in die Schweiz verschiebt und dass bestehende Strukturen vordergründig unpolitisch wirken, in Wahrheit aber in dieses Netzwerk eingebunden sind. Doch ist die Schweiz tatsächlich eine «Drehscheibe»?
Je genauer ich mich mit der Situation befasst habe, umso mehr erkenne ich, wie von der Schweiz aus auch Verbindungen in andere Länder bestehen. Wanderprediger aus dem Balkan oder Saudi­arabien werden beispielsweise in Schweizer Moscheen eingeladen und reisen dann von hier aus nach Österreich, Deutschland, Dänemark, Belgien, Holland. Oder es gibt im österreichischen Linz den Hassprediger Omer Berisha: Wenn er Geld für eine Moschee sammelt, kriegt er viele Spenden, auch aus der Schweiz. Oder für die Partei eines salafistischen Parlamentariers in Kosovo kandidieren auch Leute aus der Schweiz. Solche Beispiele zeigen: Die Schweiz ist eingebunden in ein internationales salafistisches Netzwerk.

Wie gefährlich ist dieser salafistische Einfluss wirklich? Man liest in Ihrem Buch keine Zahlen, wie viele hier lebende Muslime erreicht werden.
Gefahr kann schon nur von einer einzigen Person ausgehen. Das haben wir erst gerade beim jüngsten Anschlag in Spanien gesehen. Auch in der Schweiz gibt es bislang um die 90 Jihadisten.

Sie schreiben, «das den demokratischen Staaten heilige Prinzip der Religionsfreiheit» habe es zugelassen, dass viele Moscheen ausserhalb demokratischer Kontrolle eine Parallel­gesellschaft aufbauen konnten. Plädieren Sie also für eine Einschränkung dieser Religions­freiheit?
Das nicht. Aber: Man darf nicht alles mit der Religions- oder Glaubensfreiheit begründen, rechtfertigen und erlauben. Der politische Islam nützt diese Freiheiten in Europa schamlos aus.

Sie plädieren auch für ein Verbot von Koranverteilaktionen wie «Lies!». Dann müsste man es ja auch verbieten, Bibeln zu verschenken.
Es ist nicht so, dass die Bibel heute noch zum Jihad führt. Bei «Lies!» ist es so, das ist erwiesen. Zahl­reiche Personen, die an den «Lies!»-Ständen aktiv waren, sind danach nach Syrien gegangen. Jeder achte der etwa tausend Jihadisten in Deutschland war zuvor an einem «Lies!»-Stand aktiv. Hinzu kommt: Die Version des Korans, die so verteilt wird, wird in Saudiarabien gedruckt und ist Teil eines globalen Plans, den Koran unter die Leute zu bringen. Es gibt in der islamischen Weltliga eine ganze Abteilung, die allein dafür zuständig ist. Ihr Ziel ist es, schon nur in Deutschland 30 Millionen Exemplare unter die Leute zu bringen.

Sie kritisieren die Behörden, die Mitglieder des von Ihnen beschriebenen wahhabitisch-salafistischen Netzwerks als Ansprechpartner akzeptieren. Was wäre denn die Alternative?
Das Problem ist: Der organisierte Islam in der Schweiz besteht einzig aus Moscheevertretern, denn nur sie sind politisch organisiert. Sie repräsentieren aber nur 12 bis 15 Prozent der Muslime in der Schweiz. Die 85 Prozent, die nicht in die Moscheen gehen, sind schlicht nicht vertreten. In unserem Forum für einen fortschrittlichen Islam gibt es Leute, die fasten, die beten, die also ihren Glauben praktizieren – doch sie würden nie in eine herkömmliche Moschee gehen.

Sie nennen im Buch zahlreiche Organisationen – sollen denn diese auch verboten werden?
Wir brauchen überhaupt neue, glaubwürdige Politikkonzepte gegenüber jenen Staaten, die den Salafismus und nachweislich auch terroristische Organisationen unterstützen und die das Ziel haben, andere Länder zu islamisieren, die auch ihre Diaspora in anderen Ländern beeinflussen. Wir müssen unsere wirtschaftlichen Ziele überdenken und auch neue juristische Voraussetzungen schaffen, sodass zum Beispiel nicht einfach jeder Saudi oder jeder Kuwaiter eine Stiftung gründen kann, über die dann das Geld in die Schweiz verschoben wird.

Sie schreiben von einer «schleichenden Unterwanderung unserer Gesellschaft durch Islamisten». Fürchten Sie tatsächlich die Islamisierung Europas?
Sie findet zum Teil ja bereits statt. Es gibt Quartiere in europäischen Städten, sogar in Stockholm im sehr liberalen, grosszügigen Schweden, in welche die Polizei nicht mehr hineingeht. Solche No-go-Areas gibt es auch in Belgien, Holland, England, in Köln oder Berlin. Mit «Islamisierung» meine ich, dass der nicht islamischen Gesellschaft Dinge aufgezwungen und ganze Quartiere abgeschottet werden. Solche Strukturen sind mafiös. Moscheen oder sogenannte Kulturzentren sind dabei nur die Fassade gegen aussen, dahinter finden sich andere Konstruktionen, etwa Stiftungen.

Zum Schluss jene Frage, die Sie am wenigsten mögen: Wie leben Sie Ihren Glauben?
Das ist meine persönliche Angelegenheit. Und ich rede nicht über Persönliches. Diese Freiheit nehme ich mir. (Bieler Tagblatt)

Erstellt: 12.09.2017, 10:07 Uhr

Zur Person

Die 1957 in Tunesien geborene Saïda Keller-Messahli verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Grindelwald. Sie studierte Romanistik, englische Literatur und Filmwissenschaft in Zürich. Keller-Messahli ist Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam und politisch und publizistisch freischaffend tätig. 2016 ­erhielt sie den Menschenrechtspreis der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.

Saïda Keller-Messahli: «Islamistische Drehscheibe Schweiz. Ein Blick hinter die Kulissen der ­Moscheen», NZZ Libro, ca. 34 Fr.

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