Zum Hauptinhalt springen

Lehrer fürchten Ranglisten

Mit dem gemeinsamen Lehrplan für die Deutschschweiz soll auch das Bildungsniveau der Schüler vergleichbarer werden. Tests sollen zeigen, wo eine Klasse steht. Davor haben Praktiker Angst. Sie befürchten Schulranglisten. Experten sind sich aber einig: So weit dürfe es nicht kommen.

Prüfungen gehören zum Schulalltag. Dies wird sich auch mit dem neuen Lehrplan 21 nicht ändern. Intensiver wird aber wohl der interkantonale Vergleich der Leistungsniveaus.
Prüfungen gehören zum Schulalltag. Dies wird sich auch mit dem neuen Lehrplan 21 nicht ändern. Intensiver wird aber wohl der interkantonale Vergleich der Leistungsniveaus.
Keystone
Die Testaufgaben für Drittklässler aus dem Vergleichstest  «Check P3» sind in verschiedene Kompetenzstufen eingeteilt und sollen aufzeigen, auf welchem Niveau sich der einzelne Schüler  befindet.
Die Testaufgaben für Drittklässler aus dem Vergleichstest «Check P3» sind in verschiedene Kompetenzstufen eingeteilt und sollen aufzeigen, auf welchem Niveau sich der einzelne Schüler befindet.
zvg
Rechenaufgabe.
Rechenaufgabe.
zvg
1 / 4

Diesen Herbst absolvierten die Drittklässlerinnen und Drittklässler der Kantone Aargau, Solothurn, Baselland und Basel-Stadt erstmals einen gleich lautenden Vergleichstest. Die vier Kantone führten ein, was der Lehrplan 21 dereinst allen Deutschschweizer Kantonen bringen könnte. Im nächsten Jahr werden erstmals die Sechstklässler, später schliesslich auch die Acht- und Neuntklässler nach neuem, gemeinsamem Raster getestet. Beim Schulaustritt soll dereinst ein «Abschlusszertifikat» das erreichte Bildungsniveau «offiziell und vergleichend» ausweisen.

Solche Tests wecken Ängste: Allen voran hat der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer bereits vor Schulranglisten gewarnt. Die Präsidentin der Lehrerlobby Zürich, Clarita Kunz, befürchtet angesichts enger Vorgaben im Lehrplan 21 eine «ständige Beurteilung der Kinder».

Massstab «fix halten»

Urs Moser, der als Professor des Instituts für Bildungsevaluation die Tests in der Nordwestschweiz wissenschaftlich begleitet, teilt diese Ängste nicht: «Pisa und andere Orientierungsarbeiten existieren seit Jahren, und bisher führte dies noch nie zu Rankings», sagt er. Dass künftig vermehrt kantonsübergreifend verglichen wird, findet er in Ordnung: Damit werde der Massstab «fix gehalten» und die Beurteilung sei weniger von der Gruppe abhängig.

In Mathematik gelte dies dank dem vergleichbaren Aufbau der Lehrmittel heute schon weitgehend, in naturkundlichen Fächern dagegen herrsche zu weiten Teilen eine eigentliche «Willkür». Hier sorgten der Lehrplan 21 und Vergleichstests für mehr Verbindlichkeit. Der Lehrplan 21 wird nach der halbjährigen Konsultationsphase nun überarbeitet und soll 2015 freigegeben werden.

Testen auf zwei Ebenen

Der Kanton Bern will den gemeinsamen Lehrplan auf das Schuljahr 2017/2018 in Kraft setzen. Man plant aber keine flächendeckenden Tests wie im Bildungsraum Nordwestschweiz. Insgesamt werde sich bei der Beurteilung wenig ändern, verspricht Erziehungsdirektor Bernhard Pulver, der sich auch dafür einsetzt, dass dieses Thema in der Hoheit der Kantone verbleibt.

Weil sich eine kantonale Arbeitsgruppe erst seit kurzem mit dem Thema Beurteilung beschäftigt, kann er noch keine Details nennen. Aber die Absicht ist klar: «Wir wollen einen interkantonalen Stichprobentest, um zu sehen, ob die Kompetenzen insgesamt erreicht worden sind.» Zudem sollen laut Pulver den Lehrpersonen weitere Testinstrumente zur Verfügung gestellt werden. Sie sollen dem Lehrer zeigen, wo seine Klasse im Vergleich steht und wo allenfalls Lücken zu schliessen sind. «Für mich ist zentral, dass die Lehrer aus verschiedenen Angeboten auswählen können», sagt Pulver. All dies verhindere flächendeckende Daten und damit auch Rankings.

«Hochnegative» Rankings

Diese hätten laut Clarita Kunz von der Lehrerlobby Zürich «hochnegative Folgen». «Wenn solche Rankings kommen», warnt Martin Schäfer, Rektor der Pädagogischen Hochschule Bern, «werden Schulen sich darauf konzentrieren, gut dazustehen.» Die individuelle Entwicklung des Kindes verliere dann unweigerlich an Bedeutung. «Das würde den Anliegen des Lehrplans 21 vollständig entgegenstehen.»

Das Problem Datenschutz

Die extern evaluierten Resultate des Tests im Bildungsraum Nordwestschweiz werden selektiv zugänglich gemacht: Der Schüler erfährt seinen Punktestand, dem Lehrer wird das Abschneiden seiner Schüler und der Schule jenes der Klassen mitgeteilt. Aber die Datengrundlage, die nun aufgebaut wird, würde eine Auswertung mit Ranglisten ermöglichen.

Das ist zwar verboten, doch räumt Moser ein: «Die Angst davor ist verständlich, hat aber in erster Linie mit Datenschutz zu tun.» Erziehungsdirektor Pulver, der auch in der Steuerungsgruppe des Lehrplans 21 sitzt, will daher dafür sorgen, dass gar nie eine auswertungsfähige, flächendeckende Datengrundlage zur Verfügung steht.

Bernhard Pulver ist überzeugt: «Existieren erst solche Grundlagen, ist es eine Frage der Zeit, bis sie wegen des Öffentlichkeitsprinzips auch öffentlich gemacht werden müssen.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch