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«Kühe sollen Milch machen aus dem Gras, das in der Schweiz wächst»

Der Schweizer Tierschutz zieht in einer neuen Publikation eine gemischte Bilanz zur hiesigen Nutztierhaltung. Besonders kritisch sieht Geschäftsführer Hansuli Huber die Züchtung von Hochleistungskühen.

Zuweilen wird die Leistung über das Tierwohl gestellt: Viehschau in Grüningen.
Zuweilen wird die Leistung über das Tierwohl gestellt: Viehschau in Grüningen.
Nathalie Guinand

Mit Ihrer Broschüre ziehen Sie eine Bilanz zur Nutztierhaltung in der Schweiz. Wie fällt sie aus?

Das kommt auf den Blickwinkel an. Aus der Sicht des Tierwohls sind viele Forderungen noch nicht erfüllt. Nach wie vor haben einige Hunderttausend Kühe keinen freien Auslauf, werden Mastschweine und Rinder in engen Buchten gehalten und müssen auf hartem Betonboden schlafen. Die Viehzucht wird zudem mancherorts so auf die Spitze getrieben, dass es dem Tier schadet. Vergleicht man aber die heutige Situation in der Schweiz mit den Zuständen in den 80er-Jahren oder in den EU-Ländern, stellt man fest, dass sich sehr vieles zum Besseren gewendet hat. Auslaufhaltung und Freilaufställe werden zunehmend zum Standard. Die Bedingungen bei den Tiertransporten und in den Schlachthöfen haben sich ebenfalls verbessert. Brutale Eingriffe an Jungtieren wie das Schwanzabschneiden bei Ferkeln oder das Kastrieren von Jungtieren ohne Schmerzausschaltung sind weitgehend verboten.

Worauf sind diese Fortschritte zurückzuführen?

Seit den 80er-Jahren haben Tierschutz- und Konsumentenorganisationen auf die Probleme in der Nutztierhaltung aufmerksam gemacht. Dies hat zu einem Umdenken in der Gesellschaft geführt. Das zeigt sich beispielsweise in der schweizerischen Agrarpolitik, die seit den 90er-Jahren auch das Tierwohl mitberücksichtigt. Seit 1995 gibt es spezielle Förderprogramme für tierfreundliche Haltung, die mit entsprechenden Subventionen verknüpft sind. Wichtig ist auch das Engagement der Grossverteiler Coop und Migros, die Bio- und Labelprodukte anbieten und gut bewerben. Dazu kommt, dass wir in der Schweiz zahlungskräftige Konsumenten haben, die sich diese Produkte leisten können.

Welches sind die Probleme in der Viehzucht, die Sie angesprochen haben?

Das betrifft vor allem Kühe, die auf Hochleistung getrimmt werden. Ihre Euter sind so gross, dass sie fast platzen; sie liefern bis zu 12'000 Liter Milch pro Jahr. Nach zwei oder drei Kalbungen, also etwa mit vier, fünf Jahren, ist ein solches Tier bereits so erschöpft, dass es geschlachtet werden muss.

Wie kann das Problem angegangen werden?

Ich bin der Meinung, dass die Futterrationen beschränkt und artgerechter werden müssten. Das heisst, der Kraftfutteranteil muss sinken. Ein Grossteil davon wird ohnehin importiert und mit undurchsichtigen Produktionsmethoden hergestellt. Die Kühe sollen Milch machen aus dem Gras, das in der Schweiz wächst. Damit wäre das Problem der Hochleistungskühe gelöst und die Tiere könnten wieder länger und natürlicher leben.

Dazu braucht es strengere Vorschriften.

Ja, man muss über die Tierzuchtverordnung Gegensteuer geben. Diese befindet sich bereits in der Vernehmlassung. Wir haben uns beim Bundesrat dafür eingesetzt.

Braucht es generell strengere Gesetze, damit das Wohl der Nutztiere weiter verbessert werden kann?

Es geht nicht in erster Linie darum, die Vorschriften immer weiter zu verschärfen. Das Wichtigste ist, die Produktionsbedingungen der Bauern zu verbessern, damit sie sich eine tierfreundliche Haltung leisten können. Was ethisch sinnvoll ist – der Tierschutz in den Ställen – muss sich auch wirtschaftlich auszahlen.

Muss ich mich als Konsument ausschliesslich von Bioprodukten ernähren, um ein mehr oder weniger gutes Gewissen zu haben?

Wer Geld hat, soll Bio kaufen. Aber es gibt auch Leute, die sich Bioprodukte nicht leisten können. Darum gibt es Labels wie Naturafarm bei Coop und Terrasuisse bei der Migros, die zwar kein Biofutter vorschreiben, aber in Sachen Tierwohl eher strenger sind als die Biostandards. Diese Produkte sind für jeden erschwinglich. Wichtig ist meiner Meinung nach, kein Importfleisch und keine Importeier fragwürdiger Herkunft zu kaufen.

Halten Sie Fleischkonsum für ethisch vertretbar?

Das muss jeder für sich entscheiden. Der Schweizer Tierschutz ist keine Vegetarier- oder Veganer-Organisation. Grundsätzlich ist es sicher positiv, wenn weniger Fleisch gegessen wird, aber der Fleischkonsum ist in unserer Gesellschaft verankert und das ist auch legitim. Mir ist einer, der seinen Fleischkonsum drosselt, aber bewusst Fleisch konsumiert und auf dessen Herkunft achtet, mindestens so willkommen im Tierschutz-Club wie ein Vegetarier.

Sie sind demnach nicht Vegetarier?

Nein.

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