Korruption? Politiker haben den Eiertanz satt

Parlamentarier und Filmschaffende treffen sich am Filmfestival Locarno zum Austausch. Doch die Angst vor möglicher Korruption geht um. Der Berner Nationalrat Matthias Aebischer fordert jetzt eine Lösung.

«Wegen einer Übernachtung in einem Zwei- oder Dreisternhotel würde ich kein Theater machen.» Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer.

«Wegen einer Übernachtung in einem Zwei- oder Dreisternhotel würde ich kein Theater machen.» Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer.

(Bild: Andreas Blatter)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

«Ich zahle meine Reise und meine Hotelübernachtung selbst. Zum Essen und zum anschliessenden Film auf der Piazza Grande bin ich eingeladen.» Das sagt der Zürcher BDP-Nationalrat Rudolf Winkler, der zum ersten Mal am Diner politique am Filmfestival Locarno teilnimmt.

Gastgeberin des Diner politique ist Ruth Waldburger, eine der wichtigsten Filmproduzentinnen der Schweiz. Sie entdeckte einst Brad Pitt für den Locarno-Siegerfilm «Johnny Suede» (1991) und produzierte erfolgreiche Schweizer Komödien wie «Ernstfall in Havanna» (2002). Ihr jüngstes Werk «Amnesia» mit Marthe Keller feierte im Mai Premiere in Cannes und ist nächsten Mittwoch auf der Piazza Grande in Locarno zu sehen.

Die Angst vor Käuflichkeit

Waldburger stellt fest, dass in diesem Jahr weniger Parlamentarier als sonst ans Filmfestival Locarno gekommen sind. Warum? «Zum einen, weil eine Legislaturperiode zu Ende geht, zum andern, weil die Angst umgeht.» Es ist die Angst vor angeblicher Korruption, wenn man als Politiker Einladungen annimmt, wie dies SP-Nationalrat Daniel Jositsch in dieser Zeitung formulierte.

«Lächerlich!», poltert die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran.«Warum fragt niemand danach, ob Politiker Beiratsmandate für 80'000 Franken im Jahr annehmen dürfen?» Badran hat die Übernachtung in Locarno aus eigener Tasche bezahlt.

Trotzdem: Die Verunsicherung unter Parlamentariern ist spürbar. Die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala sagt: «Einige Politiker überlegen sich heute dreimal, ob sie sich einladen lassen. Ich selbst habe kürzlich eine Einladung von ‹Swisslos› abgelehnt, weil ich Angst hatte, als Politikerin wieder mal medial unter die Räder zu kommen. Dass man heute so einen Eiertanz machen muss, finde ich fragwürdig.»

Da ist Fiala nicht alleine. Matthias Aebischer, Berner SP-Nationalrat und Präsident des Branchenverbands Cinésuisse, sagt: «Wegen einer Übernachtung in einem Zwei- oder Dreisternhotel würde ich kein Theater machen. Aber jeder Politiker muss da für sich selbst entscheiden.» Als Aebischer noch fürs Fernsehen arbeitete, sei die Regelung klar gewesen: «Eine Flasche Rotwein im Wert von 80 Franken darf man akzeptieren. Mehr nicht.»

«Eine Klage müsste her»

Diese Klarheit fordert Aebischer jetzt auch für sich und seine Parlamentarierkollegen: «Wenn wir es nicht selbst schaffen, klare Regeln aufzustellen, müsste eine Klage entscheiden, was man darf und was nicht. Dies wäre jedoch eher ein Armutszeugnis.»

Berner Zeitung

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