«knuddel u küss di ganz ganz fest»

Im Bus tippen sie ins Handy, zu Hause widmen sie sich Facebook: Teenager unterhalten sich im Gegensatz zu ihren Eltern rund um die Uhr schriftlich. Ist das asozial?

 Sprache für jede Lebenslage: Diese SMS sind echt. Sie wurden im Rahmen des Forschungsprojektes «sms4science» untersucht. Das Ergebnis: Jugendliche schreiben unter sich auf Mundart, mit Respektspersonen jedoch oft auf Hochdeutsch.

Sprache für jede Lebenslage: Diese SMS sind echt. Sie wurden im Rahmen des Forschungsprojektes «sms4science» untersucht. Das Ergebnis: Jugendliche schreiben unter sich auf Mundart, mit Respektspersonen jedoch oft auf Hochdeutsch. Bild: Graphik BZ

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Jugendliche pflegen soziale Kontakte intensiver als früher. Die erste Nachricht klingelt meist schon vor dem Frühstück. Im Bus zur Berufsschule tippen Teenager ins Handy und plaudern gleichzeitig mit Kollegen. Im Verlauf des Nachmittags schauen sie garantiert auf Facebook vorbei. Am Abend holen sie sich die Freunde ins Wohnzimmer – indem sie via SMS, WhatsApp oder Facebook chatten. Das Znacht ist oft die einzige – von den Eltern mühsam erkämpfte – freundefreie Zone.

Für viele Eltern ist die Smartphone-Abhängigkeit ihrer Kinder befremdlich. Kann das wirklich gut sein? «Früher hätte man sich am Abend womöglich vor dem Fernseher gelangweilt, heute pflegt man von zu Hause aus soziale Kontakte», hält Christa Dürscheid dagegen. Die Linguistikprofessorin an der Uni Zürich forscht seit Jahren auf dem Gebiet der Jugendkommunikation. Für sie ist klar, dass sich die Jugendlichen heute dank neuen Kanälen wie SMS, WhatsApp oder Facebook mehr austauschen als früher, weil abwesende Freunde rund um die Uhr sehr einfach erreichbar sind. Die Kehrseite der Medaille: Eltern bleiben aussen vor.

Dank den neuen Medien hat die schriftliche Kommunikation im privaten Bereich deutlich zugenommen. Verfassten ältere Semester in den Ferien gerade mal eine Postkarte, tippt man heute täglich ganze Dialoge ins Handy. Ist die mündliche Kommunikation auf dem Rückzug? «Nicht unbedingt, aber sie hat auf jeden Fall Konkurrenz bekommen», sagt Dürscheid. Wenn sich Jugendliche treffen, sei die virtuelle Parallelwelt immer dabei. Doch im Gegensatz zu ihren Eltern seien die Digital Natives mit der Gabe des Multitaskings ausgestattet. Sie unterhalten sich mit Anwesenden und Abwesenden problemlos gleichzeitig – mit den einen sprechen sie, mit den anderen schreiben sie. «Es ist heute normal, dass Jugendliche fernsehen, parallel dazu ein Onlinespiel spielen und nebenbei noch chatten», so Dürscheid. Was davon hängen bleibt, ist eine andere Frage.

Das Handy dient primär zum Schreiben, nicht zum Sprechen. Das hat seine Vorteile. Schreiben ist unaufdringlicher als telefonieren. Die angeschriebene Person kann reagieren, wann sie möchte. Und sie darf sich nebenher anderen Dingen widmen. «Die Schrift ist still», fasst Dürscheid zusammen. Dennoch kann auch der schriftliche Austausch für Stress sorgen. Im Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit steigt die Erwartung auf eine sofortige Antwort. Reagiert die angeschriebene Person «zu spät», gerät sie schnell unter Rechtfertigungsdruck.

Vor allem bei Teenagern sind SMS oder WhatsApp ein wichtiger Teil der Beziehungspflege – in guten wie in schlechten Zeiten. «Wenn man jemandem etwas nicht direkt ins Gesicht sagen möchte, ist die SMS eine häufig gewählte Alternative», sagt Dürscheid. Das kann so weit gehen, dass sich Teenager per SMS trennen. Oder sie verkrachen sich mündlich und versöhnen sich auf Facebook schriftlich. Zudem fällt es vielen leichter, persönliche Probleme via Handy untereinander zu besprechen als mit den Eltern. Die SMS ermöglicht aber auch den Austausch von romantischen Nettigkeiten, die mündlich peinlich sein könnten: «I lieb di vo ganzem Herze u no vill vill mehknuddel u küss di ganz ganz fest, Kuss Kuss.»

Dank SMS und Facebook boomen Zuneigungsbekundungen: SMS-Inhalte wie «IHDMG» (I ha di mega gärn) oder «gn8» (Gute Nacht) kosten wenig Zeit, ihr Effekt ist jedoch unbezahlbar. Die junge Adressatin ist glücklich. Jemand hat an sie gedacht. Oder anders gesagt: Ihr Freund hat gute Beziehungsarbeit geleistet. Die gleiche Funktion erfüllen Gutereisewünsche oder Gratulationen zur bestandenen Prüfung. «Solche spontanen Zuneigungsbezeugungen haben dank SMS und Facebook zugenommen, nicht nur unter Jugendlichen», sagt Dürscheid.

Bei Jugendlichen kommt hinzu, dass eine Nachricht «unvollständig erscheint, wenn nicht mindestens ein Smiley oder ein Herzchen gesetzt wird». Besonders unter Mädchen erlebe das Herzchen derzeit einen Boom. Die Forschung spricht inzwischen gar von einer «Gefühlsstenografie». Verabschiedet man sich lediglich mit einem «lg» (liebe Grüsse) oder «hdg» (hab dich gern), kann dies laut Dürscheid schon zu wenig emotional erscheinen.

Mit Facebook und WhatsApp organisieren Jugendliche ihren Alltag. Sicher, Facebook bietet eine Bühne für Selbstdarsteller – und Teenager legen sich gern eine attraktive Onlineidentität zu. Das Posten von lustigen Bildern gehört ebenso dazu wie das Freundesammeln. Dies sei per se nicht negativ, kommentiert Dürscheid. «Identitätsbildung ist in der Pubertät zentral. Es liegt auf der Hand, dass Jugendliche dazu auch Facebook nutzen.» Doch eine mindestens so grosse Rolle spiele die ganz praktische Organisation des sozialen Alltags.

Über WhatsApp handeln Mädchen die T-Shirt-Farbe ihrer Volleyballmannschaft aus. Auf Facebook besprechen Gruppen den geplanten Kletterausflug, und Schulklassen informieren sich – zum Leidwesen der Lehrer – gegenseitig über die Antworten von Prüfungsfragen. Oft übernehme Facebook auch die «Funktion von Kleinanzeigen», sagt Dürscheid. Mal sucht ein Schreiber dringend ein Konzertticket, mal erhofft sich eine Schreiberin Tipps zum Thema Haarverlängerung.

Dialekt ist die neue Standardsprache bei SMS und Facebook. Schreibt ein Teenager seine SMS auf Hochdeutsch, will er sich bei der Lehrerin vom Unterricht abmelden. Dies ist – salopp formuliert – das Ergebnis des aktuellen Forschungsprojektes «sms4science». Bei diesem international angelegten Projekt wurden in der Schweiz 26000 SMS untersucht. «Rund 96 Prozent der von Deutschschweizer Jugendlichen eingesandten SMS waren in Dialekt verfasst,» bestätigt Simone Ueberwasser, Linguistin an der Uni Zürich. Für Teenager sei es ganz natürlich, untereinander in jener Sprache zu schreiben, die sie auch mündlich verwenden. Das schafft Nähe – und wo Rechtschreiberegeln fehlen, entsteht ein Eldorado der Fantasie: «I bi xi», «kashmer dnummere ge», «kuuuuhl» oder «ej shadzij» sind nur einige Paradebeispiele.

Doch Jugendliche können auch anders. «Sie passen ihre Sprache der Situation an», sagt Ueberwasser. Je formaler die Situation, desto hochdeutscher der Text. SMS an Respektspersonen wie Lehrer sind nicht selten auf Hochdeutsch geschrieben, manche antworten sogar den Eltern oder dem Grosi in Standardsprache, damit diese, im Dialektlesen ungeübt, die Information besser entziffern können.

Weder SMS noch Facebook verderben die Sprachkompetenz. Eltern können aufatmen: Das ständige Mundartschreiben im Freizeitstil hat keinen negativen Einfluss auf die Deutschfähigkeiten ihrer Kinder. «Schüler können sehr wohl unterscheiden, ob sie eine SMS oder einen Deutschaufsatz schreiben», sagt Christa Dürscheid. Das belegt ein Forschungsprojekt, das sie bis 2010 geleitet hat. «Teenager passen ihren Stil dem Kontext an.» Für Dürscheid ist klar: «Wer Probleme mit der Rechtschreibung oder dem sprachlichen Ausdruck hat, hat diese unabhängig vom Gebrauch der neuen Medien.» Jugendliche verschandeln die Sprache nicht. Vielmehr geben sie ihr neue Impulse, dank denen sie sich weiterentwickelt.

lucie.machac@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.07.2013, 12:20 Uhr

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