Es drohen Schäden von bis zu 10 Milliarden Franken

Weil die Niederschläge zunehmen, geht von der Rhone heute eine akute Gefahr aus – sie muss verbreitert und vertieft werden.

Die Gefahr von Überschwemmungen steigt: Die Rhone muss zwischen dem Oberwallis und dem Genfersee auf einer Länge von 162 Kilometern für 3,6 Milliarden Franken verbreitert und vertieft werden. (Keystone / Laurent Gillieron)

Die Gefahr von Überschwemmungen steigt: Die Rhone muss zwischen dem Oberwallis und dem Genfersee auf einer Länge von 162 Kilometern für 3,6 Milliarden Franken verbreitert und vertieft werden. (Keystone / Laurent Gillieron)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Es ist das grösste Hochwasserschutzprojekt der Schweiz: Seit 2009 wird im Wallis an der dritten Korrektion der Rhone gearbeitet, dreissig Jahre sollen die Arbeiten insgesamt dauern. Gebaut wird auf einer Länge von 162 Kilometern entlang des Flusslaufs. Von der Quelle im Oberwallis bis zur Mündung in den Genfersee wird das Flussbett an ausgewählten Stellen ausgehoben oder verbreitert.

Auch Dämme werden verstärkt. «Wenn wir fertig sind, kann die Rhone eineinhalb Mal mehr Wasser führen als heute», sagt Tony Arborino, Leiter des Walliser Amts für Rhonewasserbau. An einer bestimmten Stelle im Mittelwallis zum Beispiel sollen nach der Korrektion 1200 Kubikmeter pro Sekunde durchfliessen können statt 800 Kubikmeter wie heute.

Träte die Rhone über die Ufer, könnten die Schäden bis zu 10 Milliarden Franken betragen.

Die Kosten für das Gesamtprojekt werden auf 3,6 Milliarden Franken veranschlagt; einen wesentlichen Anteil steuert der Bund bei. Der Nationalrat genehmigte gestern auf Antrag von Umweltministerin Simonetta Sommaruga (SP) einen Kredit von 1,02 Milliarden Franken für die zweite Etappe des Projekts. Widerstand dagegen gab es nicht. Auch im Ständerat, der nun entscheiden muss, ist nicht mit Opposition zu rechnen.

In der Tat ist der Handlungsbedarf unbestritten. Die Erhöhung der Rhone-Kapazitäten wird wegen des Klimawandels notwendig. Zwar geht Tony Arborino nicht von dauerhaft grösseren Wassermengen aus. Er rechnet aber mit extremeren Spitzen. Wenn häufiger Regen statt Schnee falle, verstärke sich der Abfluss und der Pegelstand der Rhone könne bei starken Niederschlägen noch rascher anwachsen. Überdies schmelzen die Gletscher – was laut Arborino aber, verglichen mit den Niederschlägen, weniger Einfluss auf den Pegelstand hat.

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Die letzte Sanierung des Flusslaufs realisierte der Kanton von 1930 bis 1960. «Vierzig Jahre lang passierte nichts. Wir dachten, die Rhone sei sicher», sagt Arborino. Doch dann trat die Rhone in relativ kurzen Abständen (1987, 1993, 2000) über die Ufer. Heftige Überschwemmungen waren die Folge. Menschen starben.

Nun war klar: Häuser und Industriebetriebe waren in Zonen gebaut worden, die nach Abschluss der zweiten Rhonekorrektur als ungefährlich galten, jedoch heute einer akuten Bedrohung ausgesetzt sind. Die Schäden betrugen einige Hundert Millionen Franken. Träte die Rhone heute über die Ufer, könnten die Schäden gemäss Expertenberichten bis zu 10 Milliarden Franken betragen.

Nach dem Abschluss der dritten Rhonekorrektur werden 12'400 Hektaren Land und rund 100'000 Menschen vor Überschwemmungen geschützt sein. Mehr Sicherheit soll das Projekt auch für die Tiere und Pflanzen bringen.

Abschreckendes Beispiel

Politisch ist das Milliardenprojekt breit abgestützt. Das zeigte sich gestern im Nationalrat; doch auch im Wallis selber gibt es nur eine kleinere Gegnerschaft. Vor der kantonalen Volksabstimmung hatten sich einzig die SVP und die Bauernverbände gegen die Vorlage ausgesprochen. Sie monierten, die Kosten seien zu hoch. Zudem gehe durch die Verbreiterung des Flussbetts zu viel Kulturland verloren.

Im Nationalrat kam ebenfalls in erster Linie von SVP-Vertretern verhaltene Kritik. Pierre-André Page (SVP, FR) erinnerte an den Landverlust und mahnte, Bundesgelder dürften nicht dafür verwendet werden, die durch Industrieabfälle kontaminierten Böden zu sanieren. Page forderte, die Böden regelmässig auf Ablagerungen giftiger Substanzen zu prüfen. Falls man solche finde, müssten die Verantwortlichen die Sanierung übernehmen. Ernsthafte Opposition leistete indes auch Page nicht.

Die politische Ruhe könnte freilich enden, falls es mit der Rhonekorrektur einen ähnlichen Verlauf nehmen sollte wie mit anderen Walliser Grossprojekten. Als abschreckendes Beispiel gilt vor allem der Bau der A9 im Oberwallis. Er ist seit Jahrzehnten in Gang und noch immer nicht abgeschlossen. Skandale verhinderten ein normales Vorankommen.

Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass der Kanton Vorauszahlungen in Millionenhöhe für noch nicht ausgeführte Bauleistungen bezahlt hatte. Die Staatsanwaltschaft verklagte neun Personen, darunter sechs Mitarbeitende der Sektion Nationalstrassen Oberwallis. Das Kantonsgericht verurteilte die Staatsangestellten 2012 wegen Urkundenfälschung.

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