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Kleinkinder lernen lernen

25 Kindertagesstätten beteiligen sich an einem Forschungsprojekt über Bildung bei den Kleinsten. Die Kinder werden beim Lernen eng begleitet. Nebenbei soll die Studie die Stätten als Bildungseinrichtungen positionieren.

Machen lassen, statt antreiben: Kleinkinder müssen kaum zum Lernen und «Arbeiten» motiviert werden.
Machen lassen, statt antreiben: Kleinkinder müssen kaum zum Lernen und «Arbeiten» motiviert werden.
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Die Diskussion über die Bildung von Kindern zwischen rund 5 Monaten und 4 Jahren wird in der Schweiz emotional geführt. Die eine Seite befürwortet die Frühförderung, weil sie die Chancengleichheit unter den Kindern fördere. Andere finden, Kinder sollten doch Kinder sein dürfen und nicht schon quasi ab Geburt den Ansprüchen der Bildung ausgeliefert werden.

Frühbereich vernachlässigt

Das Forschungsteam des Marie Meierhofer Instituts für das Kind (MMI) in Zürich ist sich der delikaten Situation bewusst. Die Wissenschafter wollen aber gerade auch darum wissen, was gezielte frühe Bildung überhaupt bringt und bei Kindern, Eltern und Tagesstätten bewirkt. Das MMI hat im letzten August gemeinsam mit 25 Kindertagesstätten das Forschungsprojekt «Bildungs- und Resilienzförderung im Frühbereich» lanciert. Mitbeteiligt sind mit der Tagesstätte Muri bei Bern, dem Himugüegeli Bern und der Tagesstätte der Uni Bern drei Einrichtungen aus der Region. Gestern traten die Initianten und Teilnehmer erstmals an die Öffentlichkeit.

In der Bildungsforschung ist der Frühbereich gemäss MMI praktisch vernachlässigt. Zwar habe man Kenntnis von Studien aus dem Ausland. Doch liessen sich diese nicht einfach auf Schweizer Verhältnisse übertragen, hielt Projektleiterin Corina Wustmann gestern an einem Mediengespräch in Zürich fest. «In der Schweiz nehmen wir die Arbeit vor Ort jetzt erstmals ins Visier», sagte sie.

Eigene Lerngeschichte

Die Kleinkinder müssen während des eineinhalbjährigen Projektes keine Prüfungen ablegen oder irgendwelche Parcours absolvieren. Sie werden in erster Linie von den Mitarbeitenden der Tagesstätten nach klaren Kriterien regelmässig während fünf bis zehn Minuten beobachtet und eingeschätzt:

  • Sind sie interessiert?
  • Sind sie engagiert?
  • Halten sie Herausforderungen und Schwierigkeiten stand?
  • Drücken sie sich aus, teilen sie sich mit?
  • Wirken sie an der Lerngemeinschaft mit, und übernehmen sie Verantwortung?

Die Beobachtungen werden notiert oder fotografiert, mit dem Kind besprochen und von den beteiligten Mitarbeitenden nach zwei, drei Wochen diskutiert. Nach diesem Austausch wird für jedes Kind eine Lerngeschichte formuliert. So soll mit der Zeit eine Bildungsbiografie entstehen, in der alle Fortschritte ersichtlich sind. So soll das Kind nach Abschluss seiner Laufbahn in der Tagesstätte rückblickend erkennen, was er alles erreicht hat: Es lernte erst krabbeln, dann stehen, gehen, schliesslich rennen; es lernte Geräusche von sich zu geben, mit dem Finger zu deuten, zu sprechen, sich einzubringen; es lernte die Form von Bausteinen kennen, die Beschaffenheit, deren Funktion, stapelte Steine aufeinander und baute schliesslich einen grossen Turm.

«Es geht bei der frühkindlichen Bildung nicht um ehrgeiziges Trainieren oder um Wissensvermittlung», betonte Heidi Simoni, Leiterin des MMI, gestern. «Kinder wollen von Natur aus lernen. Wir können sie dabei aber besser begleiten.»

Die Kinder sollen im Lernen selbstbewusster, sich dem eigenen Lernprozess bewusst werden. Kinder lernten gemäss MMI auch das selbstverantwortliche Lernen, wovon sie sogar bei einer allfälligen akademischen Karriere profitieren könnten. Das Forschungsprojekt bezieht alle Kinder mit ein: «sogenannt normale, besonders Begabte, Kinder mit besonderen Bedürfnissen wie auch psychosozial belastete Kinder aus bildungsfernen Familien», führt Heidi Simoni aus.

Aufwertung angepeilt

Aus den beteiligten Kindertagesstätten kommen nach einem halben Jahr positive Signale. «Früher haben wir die Lernsituation der Kinder mit den Eltern besprochen. Heute suchen wir das Gespräch direkt mit den Kindern», sagt René Baumgartner, Leiter der Kindertagesstätte Muri bei Bern (siehe auch Interview). Die Kinder reagierten gut.

Gleichzeitig – so war an dem Mediengespräch zu spüren – hoffen die beteiligten Tagesstätten durch das Projekt auf eine Aufwertung ihrer Arbeit. Der Weg soll endgültig weg vom Image der Hüteeinrichtung hin zur Bildungsinstitution gehen.

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