«Kinder vegan zu ernähren, ist unmoralisch»

Interview

Es gebe Momente, in denen die Eltern nicht für ihre Kinder entscheiden dürften, sagt Ethiker Rouven Porz. Weil sie eben manchmal falsch entscheiden würden – wie im Fall der veganen Ernährung.

«Ethisch bedenklich»: Rouven Porz, Leiter der Ethikstelle am Inselspital Bern.

«Ethisch bedenklich»: Rouven Porz, Leiter der Ethikstelle am Inselspital Bern.

(Bild: PD)

Simone Rau@simonerau

Eltern ernähren ihre Kinder vegan und verweigern ihnen zusätzliches Vitamin B 12 – aus ideologischen Gründen (TA von gestern). Haben Sie dafür Verständnis? Jede Art von Ideologie hat immer etwas Fundamentalistisches. Und alles, was fundamentalistisch ist, ist ethisch bedenklich. Fundamentalistisch bedeutet, dass die Leute sich nicht mehr in andere Perspektiven hineindenken können. Das ist gefährlich. Es geht hier um Kinder, denen wir auch in moralischer Hinsicht verpflichtet sind. Vegane Ernährung ist nicht gut für sie, weder aus medizinisch-wissenschaftlicher noch aus soziologischer Sicht.

Warum aus soziologischer Sicht? Weil vegane Ernährung nicht fair ist gegenüber den Kindern. Eigentlich müssten die Eltern ihre Kinder gemäss den Werten erziehen, die in der Gesellschaft vorherrschen. Nur dann wissen sie, was sie erwartet, wenn sie das Haus der Familie dereinst verlassen. Das gilt auch für die Ernährung, die zur Erziehung dazugehört: Wenn ein Kind so ernährt wird, dass es nicht zum gesellschaftlichen Umfeld passt, dann führt das zu einer Verunsicherung – beispielsweise auf einem Schulausflug, wenn das Kind mit der ganzen Klasse in einem Restaurant isst. Das Kind ist in diesem Fall nicht auf die Welt sozialisiert, in der es sich zurechtfinden muss.

Die Eltern dürfen also nicht in jedem Fall selber entscheiden, was sie für ihre Kinder für richtig halten? Das ist eine heikle Frage, beinahe schon ein Tabuthema. Man will den Eltern ja nicht dazwischenreden in der Erziehung ihrer Kinder. Trotzdem würde ich sagen: Es gibt Momente, in denen die Eltern nicht für ihre Kinder entscheiden dürfen. Weil sie eben manchmal falsch entscheiden. Die vegane Ernährung ist ein solcher Moment. Sie ist, auch wenn die Eltern das anders sehen, nicht gut für die Kinder.

Aber Kinder unterstehen doch der Obhut ihrer Eltern, bis sie 18 sind. Heisst das nicht, dass sie diesen gehören? Rechtlich gehören die Kinder bestimmt ihren Eltern. Das heisst aber noch nicht, dass sie ihnen auch moralisch-ethisch gehören. Angenommen, die Eltern vernachlässigen ihre Kinder, dann greift die Gesellschaft ein und nimmt sich der Kinder an, dasselbe geschieht bei sexueller oder körperlicher Gewalt. Die Frage ist also: Welche Handlungen sind so unmoralisch, dass man die Kinder vor ihren Eltern schützen muss? Für mich geht die vegane Ernährung in eine solche falsche Richtung. Sie ist unmoralisch. Die Kinder gehören in dieser Hinsicht also nicht den Eltern, sondern uns allen.

Dürfen Eltern den Kindern ihre Überzeugung nicht weitergeben? Selbstverständlich dürfen die Eltern nach dem 18. Geburtstag ihrer Kinder gerne versuchen, sie von ihrer Ideologie zu überzeugen. Vielleicht entscheiden sich die Kinder dann ebenfalls für vegane Ernährung, vielleicht auch nicht. Sie treffen die Entscheidung selbst, das ist ein grosser Unterschied.

Wie steht es aus ethischer Sicht um Eltern, die mögliche lebensrettende Krebstherapien für ihre Kinder ablehnen? Das finde ich ethisch ebenso bedenklich. Allerdings kommt hier eine zusätzliche, äusserst tragische Komponente hinzu: Die Eltern befinden sich durch die Krebserkrankung ihres Kindes in einer Grenzsituation. Man muss als Arzt also noch vorsichtiger mit ihnen umgehen, wenn man sie auf ihre Ideologie anspricht, in jedem Fall Psychologen und Seelsorger beiziehen.

Macht es ethisch einen Unterschied, ob die Eltern die Therapie aus ideologischen Gründen ablehnen oder aber aus Hoffnungslosigkeit oder nach schlechten Erfahrungen mit der Schulmedizin? Es könnte sein, dass es in einem speziellen Familienkontext gute ethische Gründe gegen eine Therapie gibt. Angenommen, die Familie hat bereits zwei Kinder wegen Krebs verloren, dann ist das eher nachvollziehbar, als eine Familie, die sich aus ideologischen Gründen gegen eine Therapie sträubt.

Tages-Anzeiger

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