Kaderfrau in einer Männerdomäne

Gaby Gerber hat sich im Biermarkt – einer eigentlichen Männerdomäne – hochgearbeitet. Jetzt sitzt sie in der Feldschlösschen-Geschäftsleitung. Sie habe sich immer verwirklichen können, sagt die Mutter von zwei Kindern.

Gabriela Gerber ist die erste Bier-Sommelière der Schweiz und Mitglied der Geschäftsleitung von Feldschlösschen. Sie ist damit eine Ausnahme in der Schweiz, denn nur acht Prozent der Positionen in Geschäftsleitungen der 100 grössten Arbeitgeber in der Schweiz waren letztes Jahr in der Hand von Frauen.

«Wenn man Lösungen bereit hat, hat man die Männer schnell auf seiner Seite», sagt Gaby Gerber. Als Frau sei sie eine Exotin gewesen, als sie vor zwanzig Jahren in die Produktion von Feldschlösschen eingestiegen sei. Das habe sie nicht gestört.

Mutter und Tante führten eine Obstbrennerei. Das Verständnis für die Getränketechnologie sei ihr in die Wiege gelegt worden. Auf den Geschmack von Bier ­gekommen sei sie erst richtig, nachdem sie zu Feldschlösschen gestossen sei. 2011 wurde sie zur ersten Biersommelière der Schweiz. 2014 war sie erstes weibliches Vorstandsmitglied des Schweizer Brauereiverbandes.

80 Prozent und zwei Kinder

In die Feldschlösschen-Geschäftsleitung kam Gerber 2012 als Leiterin Unternehmenskommunikation. Was wie eine nahtlose Aufstiegskarriere aussieht, hat wenig mit Karriereplanung zu tun, wie die 44-Jährige sagt.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung jobbte sie, machte die Lastwagenprüfung und holte die Matura nach. Als der Leiter Technik von Feldschlösschen ihr eine Stelle in der Produktion anbot, sagte sie spontan zu. Nebenbei absolvierte sie ein Nachdiplom in Corporate Communication Management.

«Natürlich gab es Momente, in denen ich nicht so schnell vorangekommen bin, wie ich es wollte», stellt Gerber fest. So musste sie sich etwa gedulden, bis sie nach dem Nachdiplom das Angebot für die Leitung der Kommunikationsabteilung erhielt.

«Aber ich hatte immer männ­liche Chefs, die mich förderten und an mich glaubten», so Gerber. Der heutige Feldschlösschen-Chef habe sie in die Geschäftsleitung geholt, obwohl sie damals schwanger gewesen sei. Sie arbeitete nach der Geburt weiter 100 Prozent.

Nach dem zweiten Kind reduzierte sie ihr Pensum auf 80 Prozent. Ihr Mann trage wesentlich dazu bei, dass der Familienalltag gut organisiert sei. Ihr Team helfe, ihren freien Tag frei zu halten. Sie sei aber flexibel, wenn sich Termine nicht verschieben liessen.

Chronischer Zeitmangel

Gerber beschönigt nicht: Sie leide unter chronischer Zeitknappheit und würde sich gerne mehr mit allen Mitarbeitern austauschen. Einen Grund für die wenigen Frauen in Führungspositionen sieht sie darin, dass die Karrieren von Frauen oft gerade dann durchstarteten, wenn sie Kinder kriegten. Ihre späte Mutterschaft sei für sie ein Vorteil gewesen.

Gerber erachtet Frauenquoten als zu starken Eingriff in die Wirtschaft. «Auch die klassische Frauenförderung tönt für mich zu stark nach Nachhilfe.» Sinnvoller sei es, in die Sensibilisierung von Politik und Wirtschaft zu investieren und in Unternehmen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Frauen Beruf und Familie vereinbaren könnten.

Frauen müssten sich auch verpflichten und verbindlich sein. Sie habe schon mehrmals erlebt, dass Angestellte nach dem Mutterschaftsurlaub nicht zurückgekehrt seien, obwohl ihre Pensen reduziert worden seien. Das sorge für eine negative Stimmung.

Nach der Geburt des zweiten Kindes habe sie sich in den ersten Monaten manchmal zu einer Geschäftsleitungssitzung verspätet und erklären müssen, als stillende Mutter zuerst ihr Kind versorgt zu haben. Irgendeine Frau müsse halt die erste sein, die das thematisiere.

Berner Zeitung

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