Jammern ab 55 plus

Jenseits von 55 Jahren hat man plötzlich weniger Geld im Sack. Weil der Beitrag in die Pensionskasse noch einmal einen Sprung nach oben macht.

Der steile Anstieg der Beiträge im Alter gibt in der Rentendebatte gerade wieder zu reden. Denn es könnte sein, dass er uns Ältere auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Cartoon: Max Spring

Der steile Anstieg der Beiträge im Alter gibt in der Rentendebatte gerade wieder zu reden. Denn es könnte sein, dass er uns Ältere auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Cartoon: Max Spring

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Es fühlte sich an, wie wenn die Bettdecke zu kurz ist, sodass immer irgendwo ein Körperglied rausschaut und friert. Unser enges Familienbudget, das sonst jeweils mit einer schwarzen Null abschloss, wies plötzlich am Ende des Monats eine Deckungslücke auf. Meine Kontrolle ergab: Bei gleich bleibendem Bruttolohn wurden mir im Jahr über 2000 Franken we­niger Lohn ausbezahlt. Ach so, begriff ich, das ist der finanzielle Kollateralschaden der Altersstufe 55 plus.

Wer nicht glaubt, dass er mit 55 zu den Älteren gehört, bekommt es im Portemonnaie zu spüren. Denn ab 55 macht der Prozentsatz des Lohns, den man in die Pensionskasse (PK) abliefern muss, einen Sprung. Auf 18 Prozent. Je nach Ausstattung einer Kasse liegt dieser Satz noch höher. Wenigstens teilen ich als Arbeitnehmer und mein Arbeitgeber sich diesen Beitrag hälftig. Das Bundesgesetz für die berufliche Altersvorsorge von 1982 definiert vier Altersstufen mit minimalen Beitragssätzen. Von 25 bis 34 Jahren zahlt man bloss 7 Prozent des Lohns für die noch ferne Altersvorsorge ein. Ab 35 Jahren sind es 10 Prozent. Für die letzten 20 Berufsjahre aber sieht das Gesetz eine steile Progression vor: auf 15 Prozent ab 45 und auf 18 Prozent ab 55.

In meinem Bekanntenkreis gibt es gut ausgebildete Leute über 55, die nach einem Jobverlust nicht mehr im Arbeitsleben Fuss fassen konnten. Das nährt den Verdacht, dass die hohe Abgabe uns Ü-55er auf dem Arbeitsmarkt teuer und schwer vermittelbar macht. Aber das sind offenbar nur Einzelfälle. Die Arbeitslosenquote der Altersgruppe von 50 bis 59 Jahren habe im Januar tiefe 3,3 Prozent, bei den über 60-Jährigen bloss 2,7 Prozent betragen, gibt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf Anfrage Entwarnung. Der nationale Schnitt betrage 3,7 Prozent. Was das Seco mir durch die Blume mitteilt: Wer sich ab 55 beklagt, jammert auf hohem Niveau.

Liebes Seco, es gibt aber noch eine andere Kennziffer: die der Langzeitarbeitslosen. 25'000 gibt es in der Schweiz, und fast die Hälfte waren im Januar über 50 Jahre alt. «Langzeitarbeitslosigkeit hat nichts mit höheren PK-Beiträgen zu tun, dafür gibt es keine Belege auf dem Arbeitsmarkt», widerspricht Othmar Simeon, Leiter Vorsorge bei Swiss­canto, dem Anlageunternehmen der Kantonalbanken. Sind Sie da so sicher Herr Simeon? Diese Belege gibt es vielleicht einfach deshalb nicht, weil kein Unternehmen einem über 55-Jährigen ins Gesicht sagt, dass es keine Alten und keine hohen PK-Beiträge bezahlen will.

Es muss etwas dran sein an der Benachteiligung Älterer. Wieso hätte es sonst seit 2002 acht parlamentarische Vorstösse zur Abflachung oder Abschaffung der PK-Altersstufen geben? Alle beriefen sich auf die Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Alle ­wurden abgeschmettert. Eine Umstellung der Beitragsstufen sei kostspielig, könne unwägbare Folgen haben und sei ein Eingriff in die Hoheit der Pensions­kassen, erklärte der Bundesrat jeweils refrainartig. Jetzt greift derselbe Bundesrat die Frage wieder auf, in der Rentenreform, über die derzeit im Parlament gebrütet wird. Die Landesregierung schlägt nur noch drei Alterssätze vor. Ab 45 Jahren einen flachen ohne Sprung. Geht doch!

Kürzlich haben wir Älteren in der Sache Schützenhilfe erhalten. Von einem ebenfalls betroffenen Altersgenossen, auf den man hört. Es ist Sergio Ermotti (56), CEO der Grossbank UBS. In der SRF-Sendung «Eco Talk» forderte er im Januar, die «Un- gleichbehandlung der Altersgruppen» bei den PK-Beiträgen müsse beendet werden. Er rechnete vor, dass in der Schweiz in den nächsten zehn Jahren 500'000 Pensionierungen anstehen. Man sei also auf ältere Arbeitnehmer angewiesen und könne sich Frühpensionierungen nicht mehr leisten. Ermotti sorgt sich wohl vor allem um die Belastung seiner Firmenkasse durch hohe Altersbeiträge. Wie auch immer: Wenn der CEO der UBS etwas beklagt, wird es ein Thema. Danke, Sergio!

Seit Ermottis Einlassung habe ich begriffen: Wir alternden Babyboomer sind viele, wir zählen, wir sind eine Powergruppe. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) machen die 40- bis 64-Jährigen heute 35 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus, die Jungen bis 39 nur noch 26,7 Prozent. Wir Ü-55er machen also derzeit einen respektablen Teil der Erwerbstätigen aus. Uns braucht es. Deshalb wäre es ratsam, unseren Ärger über die Alterssätze ernst zu nehmen.

Wir gelten aber nicht als Powergruppe, sondern eher als Klumpenrisiko. «Angesichts der gestiegenen Lebenserfahrung ist man heute mit 55 ein ganz normaler Arbeitnehmer, der noch gut und gerne 12 Jahre arbeiten kann», wehrt sich der Sozialwissenschaftler und Publizist Beat Kappeler (70). Er fordert schon seit 20 Jahren, dass alle Altersbeitragssätze aus der 2. Säule verschwinden. «Über 55-Jährige sollten nicht durch eine Schlussrunde hoher PK-Beiträge auf das Abtreten vorbereitet werden, vielmehr sollte man sie animieren, sich weiterzubilden und so lange wie möglich weiter zu arbeiten», sagt er.

Kappelers Diagnose ist klar: Das Problem entspringt einem Geburtsfehler des Vorsorgegesetzes. «Als in den 1980er-Jahren das Pensionskassenobligatorium kam, wurden den damals über 45-Jährigen hohe Beitragssätze auferlegt, damit sie noch genug Alterskapital ansparen konnten», erklärt Rolf Camenzind, Sprecher des Bundesamts für Sozialversicherungen. Und darunter müssen nun alle nachfolgenden Generationen leiden? Halt, sagt Camenzind. Man habe den Beitragssatz für die Jüngeren bewusst tief gelassen, damit diese genug Geld für die Ernährung der Familie zur Verfügung hätten. «Die Jüngeren sind nicht bereit, höhere PK-Beiträge zu zahlen», ergänzt Othmar Simeon. Dafür sei bei den Älteren, deren Kinder flügge seien, die Bereitschaft da und der Lohn relativ hoch.

Meine Herren, die Zeiten haben sich seit 1980 aber geändert. Damals konnten Männer noch bis zur Erreichung des Pensionsalters mit einem stetigen Lohnzuwachs rechnen. Heute ist der Peak um die 50 erreicht. Und noch zur finanziellen Belastung durch die Familie: Die Kinder kommen heute später. 1984 waren die Mütter laut Bundesamt für Statistik bei der Geburt des ersten Kindes 28,2 Jahre alt, Männer wurden 1979 im Schnitt mit 29 Vater. Heute werden Frauen mit 32, Männer mit 34 Eltern. Ein Drittel der Frauen gebärt erst mit 35 das erste Kind. Immer mehr Eltern sind über 55, wenn die teuren Ausbildungsjahre der Kinder anstehen – gleichzeitig mit den hohen PK-Abzügen.

Jetzt trägt die Politik dem de­mografischen und sozialen Wandel doch noch Rechnung und traktandiert die PK-Beitragssätze neu in der Renten­reform. Woher kommt der Meinungsumschwung? Logisch, die über 55-Jährigen sind in der Po­litik am Drücker. Im Ständerat sind 33 von 46 Mitgliedern über 55, weitere 9 über 45 Jahre alt. Allerdings: Ständeräte müssen kaum die Langzeitarbeitslosigkeit und Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt fürchten. Deshalb sind die älteren Politiker eben doch keine zuverlässige Lobby für meine Altersgruppe.

Das zeigt sich daran, dass der Ständerat den Anstieg der Altersstufen beibehalten will. Der im Schnitt jüngere Nationalrat aber votiert für eine gleich bleibende Flatrate von 45 bis 65. Schon nur wegen dieser Uneinigkeit zwischen den Parlamentskammern bezweifle ich, dass die Änderung der Altersbeiträge durchkommt. Wenig hilfreich ist auch die Warnung der Landesregierung, dass «eine erwünschte Systemänderung unerwünschte Folgen» haben könnte. Das ist wie ein Aufruf, auf jede Veränderung zu verzichten, weil sie ein Risiko darstellen könnte.

Wenn etwas einmal für alle eingefädelt worden ist, kann man es fast nicht mehr rückgängig machen. Das ist die ernüchternde Lehre aus 15 Jahren Debatte über die PK-Alterssätze. Zugegeben: Es gibt grössere Probleme. Und ich kriege ja das Geld, das mir nun fehlt, ab 65 in Rentenform zurück. Aber wohl bloss einen Teil davon. Weil auch der Umwandlungssatz noch einen Sprung machen könnte. Allerdings nach unten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.03.2017, 09:08 Uhr

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