Ist es immer Kinderarbeit, wenn Kinder arbeiten?

Schweizer Rohstoffhändler profitieren von Kinderarbeit auf Baumwollfeldern in Burkina Faso. Nationalrätin Isabelle Chevalley vergleicht die Situation mit Kartoffelernten in der Schweiz.

Die Baumwollbauern haben kein Geld für bezahltes Personal: Junge Erntehelfer in Burkina Faso. Foto: Alamy Stock Photo

Die Baumwollbauern haben kein Geld für bezahltes Personal: Junge Erntehelfer in Burkina Faso. Foto: Alamy Stock Photo

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Für Schweizer Baumwollhändler gehört Burkina Faso zu den wichtigsten Produzenten weltweit. 250'000 Tonnen Baumwollfasern produziert das Land pro Jahr. Welche Mengen an welchen Händler gehen, wird nicht ausgewiesen. Die Winterthurer Handelsfirma Paul Reinhardt AG hat zuletzt zwischen 25'000 und 32'000 Tonnen jährlich gekauft, wie sie der Zeitung «Der Landbote» sagte. Auch die grösste Baumwollhändlerin der Welt, die Genfer Firma Louis Dreyfus SA, kauft in Burkina Faso ein.

Die Schweizer NGO Solidar hat am Wochenende nach zwei Jahren Recherche einen «Baumwollbericht» publiziert. Er leuchtet die dunkle Seite dieses Geschäfts aus. Es geht um Kinderarbeit. Gemäss Bericht arbeiten in Burkina Faso 250'000 Fünf- bis Siebzehnjährige auf den Baumwollfeldern, also jedes fünfte Kind in den Anbaugebieten.

Laut Solidar jäten, pflügen und säen die Kinder, bringen Düngemittel und Pestizide aus und helfen bei der Ernte. «Sie arbeiten zwischen neun und zehn Stunden pro Tag, meist gratis, um ihre Familie zu unterstützen, die kein Geld für landwirtschaftliches Personal hat», schreibt die NGO. Werden Kinder bezahlt, dann mit einem Dollar pro Tag.

Ohne Tabus diskutiert

Schweizer Parlamentarier sollten diese Umstände eigentlich kennen. Denn die Parlamentariergruppe Schweiz-Afrika, der laut offiziellem Verzeichnis 41 Bundesparlamentarier angehören, besuchte Burkina Faso im Februar 2018. Dies bestätigt Nationalrätin Isabelle Chevalley (GLP, VD), die Präsidentin der Gruppe. Die Einladung ausgesprochen hatte der Schweizer Verein des Rohstoffhandels und des Schifftransportes (STSA), die Lobbyorganisation der Schweizer Rohstoffhändler. Auf einem in der Lokalpresse von Burkina Faso publizierten Foto marschiert Chevalley in indigener Kleidung vorneweg, gefolgt von STSA-­Generalsekretär Stéphane Graber.

Die Flüge nach Burkina Faso mussten die Parlamentarier selbst bezahlen. Die STSA finanzierte den Aufenthalt im Land.

Die Ratsmitglieder besuchten unter anderem die Baumwollfabrik Sofitex, die 85 Prozent der im Land geernteten Baumwolle entkernt und säubert, bevor sie die Schweizer Grosshändler Reinhardt und Dreyfus aufkaufen. Chevalley erklärt, man habe mit dem Direktor diskutiert, ohne Tabus. Auf die Felder, wo die Kinder gemäss Solidar arbeiten, gingen die Parlamentarier nicht. Man sei ausserhalb der Anbausaison dort gewesen, erklärt die Waadtländerin.

GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley. Foto: PD

Auf das Thema Kinderarbeit angesprochen, sagt sie: «In der Schweiz hat man auch keine Probleme gehabt, wenn Kinder bei der Kartoffelernte mithelfen mussten.» Wenn ein Kind am Wochenende auf dem Feld helfe oder Pferde vor einen Karren spanne, um damit aufs Feld zu gehen, könne man noch nicht von Kinderarbeit sprechen.

«Bei der Kinderarbeit ist das Problem nicht, ob es sie gibt oder nicht, sondern wie sie sich entwickelt», sagt Chevalley. Burkina Faso habe im Übrigen «ein ganz anderes Problem, nämlich extrem hohe Strompreise». Aus diesem Grund könnten Fabriken die Baumwolle nicht selbst weiterverarbeiten, sondern müssten sie ins Ausland verkaufen um sie dann zu einem teuren Preis wieder zurückzuimportieren.

«Zynische Aussagen»

SP-Nationalrat Cédric Wermuth, ebenfalls in der Gruppe Schweiz-Afrika, nennt Chevalleys Haltung «schockierend» und die Aussagen über die Strompreise «zynisch». Der Aargauer sagt, an der Reise habe er nicht teilgenommen, er sei aber wiederholt in Burkina Faso gewesen und pflege private Kontakte dahin. Es gehe «nicht darum, dass sich die Kinder ab und zu ein Sackgeld zuverdienen, wie wir das als Kinder im Freiamt bei Bauern in der Region machten.»

In Burkina Faso gehe es teilweise um den systematischen Einsatz von Kindern unter prekären Bedingungen: «Familien können sich ohne das Geld der Kinder nicht über Wasser halten. Das sind faktisch Zwangsbedingungen, die europäische Händler sehr gerne hinnehmen, weil es die Preise drückt.» Dies führe dazu, dass ganze Generationen nicht aus prekären Bedingungen herauskommen, so Wermuth.

Thema ist sehr präsent

Auch Ständerat Didier Berberat (SP, NE) ist Mitgiled der Parlamentariergruppe. Er nahm nicht an der Reise nach Burkina Faso teil, ist selber aber öfter im afrikanischen Land. Der ehemalige Aussenminister Didier Burkhalter hatte Berberat ein umstrittenes Mandat als Sondergesandter für die Sahelzone erteilt. Beberat ist gut vernetzt in Burkina Faso und tauscht sich laut eigenen Angaben regelmässig mit dem Staatspräsidenten über Bildungsfragen aus. Der Ständerat sagt, er kenne die Produktionsverhältnisse zu wenig, betont aber: Wenn Kinder Tag für Tag für ihre Eltern Schwerstarbeit leisten, sei das etwas anderes, als wenn Schweizer Kinder bei der Weinernte mithälfen.

Erst letzten November weilte die vom Bundesrat eingesetzte beratende Kommission für internationale Zusammenarbeit auf einem Arbeitsbesuch in Burkina Faso und der Elfenbeinküste. Ihr Präsident ist Alt-Ständerat Felix Gutzwiller (FDP, ZH). Er sagt: «Die Baumwollproduktion war nicht Teil des Besuchsprogramms.» Das Thema Kinderarbeit sei aber präsent. «Gerade in den Minen scheint die Kinderarbeit in Afrika verbreitet zu sein», so Gutzwiller. Man werde in der nächsten Sitzung über den Minenstandard in Burkina Faso sprechen, und darüber, was die Schweiz tut oder tun kann, damit die Regeln eingehalten werden.

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