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«In vielen Familien geht die Frau arbeiten, nur weil es Mode ist»

Sie ist der Inbegriff einer Frau, die sich in den Dienst ihres Mannes und ihrer Familie gestellt hat: Silvia Blocher. Dass bestens ausgebildete Frauen letztlich am Herd stehen bleiben, stört sie nicht.

«Hausmänner – wenn es einer gut macht, warum nicht?» Silvia Blocher, vierfache Mutter und Ehefrau des SVP-Vordenkers Christoph Blocher, plädiert für Konsequenz im Familienalltag.
«Hausmänner – wenn es einer gut macht, warum nicht?» Silvia Blocher, vierfache Mutter und Ehefrau des SVP-Vordenkers Christoph Blocher, plädiert für Konsequenz im Familienalltag.
Beat Mathys

Frau Blocher, sind Sie gerne Frau Blocher? Ja, das ist mein Leben! Mit dem eigenen Leben nicht zufrieden zu sein, das geht ja nicht. Ich bin das übrigens seit bald 46 Jahren.

Wie schafft man es, 46 Ehejahre lang zufrieden zu sein? Dazu gehört sicher Glück. Aber es ist auch eine Einstellung: Wer stets nach etwas anderem strebt als dem, was er hat, kann sicher nicht zufrieden sein. Das ist eine allgemeine Lebensweisheit.

Fast die Hälfte aller Ehen scheitert. Welches ist Ihr Rezept für eine gut funktionierende Ehe? Man geht heute allzu euphorisch in die Ehe. Wie früher im Märchen: Da hat man sich kurz kennen gelernt, muss einige Abenteuer bestehen, und dann wird geheiratet – in der Meinung, das Glück sei nun auf ewig garantiert. So ist es eben nicht im Leben. Es gibt diese Probleme und Schwierigkeiten, die zu überwinden sind. Und Vorstellungen und Hoffnungen, die sich nicht erfüllen.

Also empfehlen Sie mehr Nüchternheit vor dem Jawort. Vielleicht nicht mehr Nüchternheit, aber mehr Realismus. Mit dem Heiraten allein ist nicht alles Freude und Wonne. Aber auftauchende Schwierigkeiten, auch das ist eine Lebensweisheit, lassen sich überwinden. Man muss nicht gleich davonlaufen. Die Wirklichkeit annehmen, auch wenn es manchmal schmerzt, gehört zum Leben. Leider!

Ihre Wirklichkeit ist: Ihr Mann gehört zu den umstrittensten Politikern im Land. Wie gehen Sie damit um? So etwas kommt gottlob nicht von heute auf morgen. Also bleibt etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen. Aber es kann schon sehr schmerzhaft sein, vor allem wenn Verleumdungen vorkommen und die Dinge verzerrt dargestellt werden.

Welches war denn bisher das für Sie schlimmste Erlebnis? Da könnte ich kein bestimmtes Ereignis hervorheben...

Seine Abwahl als Bundesrat... ...das war für mich eher eine Erleichterung. Aber: Mit zunehmendem Alter sehe ich die Politik vermehrt von ihrer negativen Seite.

Wären Sie also froh, wenn er in den politischen Ruhestand treten würde? Ich wäre sicher nicht abgeneigt...

Seit Jahrzehnten steht er im grellen Rampenlicht der Öffentlichkeit. Bleibt da noch genug Privatsphäre? Bei uns laufen das Persönliche, das Unternehmerische und die Politik stets ineinander über. Das vereinfacht das Ganze. Allerdings habe ich mich auch stets für Politik und für Wirtschaft interessiert. So hatten wir immer ein gemeinsames Gesprächsthema. Mein Mann ist zum Glück jemand, der sich mitteilt.

Fühlten Sie sich nie in einem Schattendasein? Nein, ich hatte nie das Bedürfnis, ins Rampenlicht zu treten.

Was haben Sie jeweils Ihren Kindern erklärt, wenn er abends an Veranstaltungen war anstatt zu Hause? Da gab es nichts zu erklären. Wir hatten unser Leben von Anfang an etwas anders eingerichtet: Mein Mann musste sich damals bei den Emser Werken nach einem Vorgesetzten richten, der aus gesundheitlichen Gründen immer erst um elf Uhr im Geschäft war – und dann abends sehr lange arbeitete. Also war bei uns das Frühstück die gemeinsame Familienmahlzeit. Und wenn mein Mann dann abends nach Hause kam, hatten die Kinder schon gegessen und sassen bereits im Pyjama und mit geputzten Zähnen am Esstisch um ihn herum, bis es Zeit war zum Schlafen.

Wie wichtig ist so ein gemeinsamer Fixpunkt? Wir sitzen auch heute immer noch lange beim Frühstück. Und wenn die ganze Familie mit allen Enkelkindern zusammenkommt, zum Beispiel an Ostern, laden wir zum Brunch ein.

Waren Sie allein zuständig für die Kinder? Die Kinder waren in meiner Verantwortung.

Oft leiden Kinder unter ihrem erfolgreichen Vater. Haben Sie vorgebeugt? Bewusst vorgebeugt haben wir nichts. Unser grosser Vorteil war, dass wir am Familientisch immer über die Dinge, die uns beschäftigten, gesprochen haben. Da haben die Kinder sehr viel mitbekommen.

Christoph Blocher ist eine klassische Leitfigur. Kam es nie zum Aufstand innerhalb der Familie? Unsere Kinder haben pubertiert, zum Teil sogar recht heftig. Dabei rebellierten sie gegen uns Eltern und vor allem gegen mich. Sie waren sehr kritisch – fast bis zur Lieblosigkeit.

Wie haben Sie es jeweils geschafft, wieder einzulenken? Getrennt haben wir uns nie. Und da ich selber eine starke Pubertät durchgemacht habe, hatte ich viel Verständnis dafür.

In den 60er- und 70er-Jahren, als Sie Ihre Kinder erzogen, galt die Losung: antiautoritäre Erziehung. Ja genau, die Bücher über Summerhill standen auf dem Büchergestell. Damals war schon eine Zeit des Umbruchs: Man konnte und wollte nicht mehr so erziehen, wie wir erzogen worden waren. Und mit dieser antiautoritären Erziehung konnte ich mich auch nicht identifizieren. Also habe ich versucht, den Kindern gewisse Verantwortungen zu übergeben. So mussten sie beispielsweise im Haushalt helfen. Kinder sollten zu Hause ihren Beitrag leisten ans Familienleben. Verantwortung zu übernehmen, bringt auch einen gewissen Stolz, etwas erledigt zu haben – und steigert das Selbstwertgefühl.

Ihre Kinder mussten helfen, obwohl sie in einer extrem begüterten Familie aufwuchsen... ...das waren wir noch nicht zu jener Zeit. Wir haben klein angefangen. Das Mithelfen beim Auftischen, Abräumen, Küchemachen haben wir jede Woche neu geregelt und auf einer Liste festgelegt. Das war ein gutes System.

Gab es Lohn dafür? Nein.

Was raten Sie einer alleinerziehenden Mutter, die von der Sozialhilfe abhängig ist? Nun, finanziell muss sie sich wie jedermann fragen: Was kann ich mir leisten und was nicht? Den Kindern kann man die Umstände sehr gut erklären. Auch unsere vier Kinder konnten nicht alles haben, was sie gerne gehabt hätten.

Zum Beispiel? Wir bekamen zum Beispiel von befreundeten Familien Kleider, die unsere Kinder nachgetragen haben. Ich fand das schön.

Für Ihre Familie haben Sie Ihren Beruf als – offenbar sehr beliebte – Primarlehrerin aufgegeben. Haben Sie diesen Schritt nie bereut? Für mich war von Anfang an klar, dass ich Kinder haben wollte und sie selber erziehen wollte. Aber das war zu jener Zeit auch das Normale. Zudem habe ich von meinem Mathematikstudium zur Primarlehrerin gewechselt, weil ich während Stellvertretungen gemerkt habe, dass ich die Arbeit mit Kindern sehr mag.

Sie studierten, lernten einen Beruf, der Ihnen gefiel, und arbeiteten dann nur drei Jahre auf diesem Beruf. Eine schlechte Investition. Ans Geld habe ich damals nicht gedacht.

Haben Sie denn kein Problem damit, dass bestens ausgebildete Frauen nur noch zu Hause am Herd stehen und ihr Know-how nicht in Wert setzen? Nein, ich finde es sehr wichtig, dass Mütter gut ausgebildet sind, weil sie es nämlich weitergeben. Ich jedenfalls nehme für mich in Anspruch, dass ich mein Wissen und mein Können an unsere Kinder weitergegeben habe. Interessant ist jetzt, wo die Kinder erwachsen sind, was geblieben ist. Ein Beispiel: Ich besuche fanatisch gerne Kirchen und Baudenkmäler, wenn wir eine Reise machen. Die Kinder haben jeweils gespottet – und gehen heute ebenfalls jede Kirche anschauen.

Aber Frauen fehlen im Arbeitsprozess, vor allem in Kaderpositionen. Was schlagen Sie vor? Das ergibt sich von selber, wird sich auch ergeben. Unsere drei Töchter sind alle in Kaderpositionen, und zwar aus eigener Kraft. Den Entscheid zwischen Beruf und Familie will schon gut überlegt sein: Man kann nicht eine Kaderfrau sein, eine Familie mit Kindern haben und dann den ganzen Lohn für sich wollen und ja niemanden anstellen für seine Kinder. Wer berufstätig sein will und gleichzeitig eine Familie mit Kindern haben möchte, muss bereit sein, dafür zu bezahlen. Man kann nicht einfach erwarten, dass der Staat die Kinderbetreuung und Kindererziehung übernimmt. Vor allem Kaderfrauen sollen sich ein Kindermädchen leisten.

Soll die Arbeit als Hausfrau und Mutter entlöhnt werden? Ich hatte nie das Bedürfnis, dafür entlöhnt werden zu wollen. Aber dass die Krippen jetzt vom Staat finanziert werden sollen und jene, die ihre Kinder dort betreuen lassen, dazu noch Steuererleichterung erhalten sollen, während diejenigen, die ihre Kinder selber betreuen, nichts abziehen können, das geht nicht!

Welche Lebensziele haben Sie ihren drei Töchtern mitgegeben? Die mussten sie selber finden wie der Sohn auch, der übrigens auch Unternehmer ist. Ich bin nicht dafür, dass man die Kinder allzu sehr programmiert.

Ihre Tochter Magdalena führt die Ems-Chemie überaus erfolgreich. Schaut Ihr Schwiegersohn Roberto Martullo zu den drei Kindern? Sie hat eine Nanny und eine Frau, die Hausarbeiten erledigt. Nach der Arbeitszeit der Kinderfrau übernimmt mein Schwiegersohn, da meine Tochter sich zeitlich natürlich nicht so binden kann.

Was halten Sie von Hausmännern? Ja, wenn das einer gerne macht und auch gut macht – warum nicht?

Was machen Mütter besser als Väter? Sie machen es wohl kaum besser, aber etwas anders.

Heute arbeiten sehr oft beide Eltern Teilzeit. Ist das das Familienmodell der Zukunft? Ich bin da freiheitlich gesinnt: Jede Familie soll für sich das Modell finden, das ihr zusagt. Allerdings muss man sich halt auch dann nach der Wirklichkeit richten und die finanziellen Gegebenheiten berücksichtigen.

Eben: Eine Nanny kann sich nicht jedermann leisten. Genau das meine ich: In vielen Familien geht die Frau arbeiten, obwohl sich das finanziell gar nicht lohnt, nur weil es Mode ist. Das kann man zwar machen, wenn man unbedingt will, aber man müsste halt doch einmal rechnen. Dann würde auch sehr viel Unzufriedenheit verschwinden.

Die beste Nanny wäre doch die Grossmutter. Das hätte ich zwar gerne gemacht, aber es ist nicht das Richtige. Wenn eine Grossmutter die Nanny der Enkelkinder ist, nimmt sie einen unverhältnismässig grossen Einfluss auf die junge Familie ein. Mein Verhältnis zu den Grosskindern ist sehr gut, und ich hüte sie gerne, wenn das nötig ist. Aber mehr fände ich nicht richtig.

Soll also eine gute Grossmutter etwas auf Distanz bleiben? Für die Kinder ist es gar nicht schlecht, wenn sie noch Bezugspersonen haben, auf die sie zurückgreifen können. Bei allzu viel Nähe ist das nicht möglich.

Die klassische Grossfamilie gibt es kaum mehr. Wie erklären Sie sich diesen Trend? Kinder sind halt immer auch Arbeit. Und man muss sich auch einschränken. Mein Sohn und unsere Schwiegertochter haben fünf Kinder. Sie haben sich ihr Leben entsprechend eingerichtet.

Die familienexterne Kinderbetreuung ist für Sie keine echte Alternative. Es gibt Fälle, wo es nicht anders geht. Je nach persönlicher Situation kann die externe Kinderbetreuung sehr wohl eine Alternative sein. Auch die Lösung mit Tagesmüttern oder mit Frauen, die Kinder zum Mittagstisch haben, kann sehr gut sein. Ich bin nicht gegen Krippen, man darf sie nur nicht verherrlichen.

Wie meinen Sie das? In der Krippe erlebt das Kind sehr viele verschiedene Betreuungspersonen. Für fünf Tage in der Woche kann das problematisch werden.

Demgegenüber werden die Kinder in den Kindertagesstätten früh sozialisiert. Das ist doch gut. Sicher, meine Enkelkinder sind auch in Spielgruppen. Und wir haben uns einst als Mütter halt selber organisiert, damit unsere Kinder zusammen spielen konnten.

Haben es Familien heute schwerer als damals, als Sie selber eine Familie gründeten? Das glaube ich nicht. Es gibt schon rein äusserlich sehr viele Erleichterungen: Wir mussten noch Windeln waschen, Schoppen und Brei selber kochen. Oder es war damals völlig undenkbar, mit einem Kinderwagen ins Tram zu steigen.

Würden Sie heute noch einmal auf ihren Beruf verzichten und sich für ein Leben als Hausfrau und Mutter entscheiden? Ich bereue es überhaupt nicht, wie es gewesen ist.

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