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«In Diemtigen gibt die Kirche Halt»

Diemtigen im Berner Oberland feiert die Reformation 2027. Erst dann jährt sich der Übertritt zum neuen Glauben. Die Kirche ­habe hier einen festen Platz, sagt Pfarrerin Alexia Zeller. Kirchenaustritte seien selten.

Alexia Zeller, Pfarrerin in Diemtigen.
Alexia Zeller, Pfarrerin in Diemtigen.
Markus Grunder

Vor 500 Jahren spaltete Martin Luther mit seinen 95 Thesen die Kirche. Ist das überhaupt ein Thema in Diemtigen?Alexia Zeller:Den Menschen im Berner Oberland ist dieses Jubiläum kaum bewusst. Die Reformation kam hier erst 10 Jahre später an, genauer gesagt 1528. Bevor die Kirchgemeinde Diemtigen, wo ich arbeite, den neuen Glauben annahm, löste sie sich 1527 von jener in Erlenbach. Beides wollen wir feiern. 2017 markiert den Auftakt zu den auf zehn Jahre verteilten Feierlichkeiten.Ehrlich wahr? 1517 ist niemandem ein Begriff?

Im Diemtigtal ist es so. Vielleicht liegt es daran, dass das Diemtigtal die reformierteste Region Berns ist und kaum mit anderen Konfessionen und Religionen konfrontiert wird. Die Bevölkerung ist auf eine selbstverständliche Weise reformiert, ohne dies zu hinterfragen.Was bedeutet Ihnen persönlich die Reformation?

Für mich ist die prägende Figur nicht Martin Luther, sondern Huldrych Zwingli mit seiner sozialen Ader. Er begann 1519 in Zürich zu wirken. Zwingli war gegen das Söldnerwesen. Er wollte nicht, dass Schweizer Jungs für fremden Kriegsdienst angeworben werden. Er schaffte Angebote für Kranke und Arme wie den «Mueshafen». Das alles vermochte er theologisch zu begründen und in die Politik hineinzutragen.Bewundern Sie seine Tatkraft?

Wie Zwingli diese humanitäre Seite angesprochen und umgesetzt hat, fasziniert mich sehr.Sie streichen die sozial engagierte Kirche hervor. Auch Protest gehörte dazu. Und heute?

Heute wird mit der Seele nicht mehr «gmärtet» wie damals mit dem Ablasshandel. In unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft gibt es aber andere Missstände. Protest bleibt eine Aufgabe der Kirche. Sie soll Menschen schützen und negative Auswirkungen von Globalisierung und Wirtschaftskriegen auf Indivi­duen, Milieus, Gesellschaft und Politik beleuchten.Wie soll die Kirche die Menschen wachrütteln?Innerhalb der Schweiz könnte sie einen stärkeren Beitrag zur Verständigung von Stadt, Agglomeration und Land leisten. Ich selber wuchs in der Stadt Zürich auf, arbeite nun in einem Bergtal und beobachte tagtäglich, von wie vielen Missverständnissen dieses Verhältnis geprägt ist.

Hat die Kirche Energie für eine solche Aufgabe? Sie wirkt eher so, als sei die Luft draussen.

In der Stadt bringen viele die Leistungsgesellschaft und das Christsein nicht mehr unter einen Hut. Auf dem Land ist das anders. Ich meine damit keine blinde Frömmigkeit, eher ein Sich-eingebettet-Fühlen in die Schöpfung. Die Verbundenheit mit etwas Höherem fehlt in Gesprächen mit Talbewohnern nie.Wer sich entfremdet von der Natur, wird der Kirche fremd?

Das wäre zu einfach. Aber es hat was: Städter erleben die Geburt eines Kalbes nicht mehr. Sie sind weiter weg von der organischen Natur. Aber es geht um mehr, etwa um Halt: Die Landbevölkerung ist derzeit stark auf sich allein gestellt. Postautos fahren nicht mehr. Läden gehen zu. Niemand fängt diese Verluste auf. Viele haben den Eindruck, dass ihnen nur weggenommen wird. Dann ist Geben schwierig. Ich versuche dagegenzuhalten: Teilen verdoppelt das Gut. Weil sie mich kennen, verstehen sie mich auch nicht falsch – hoffentlich.Wie steht es um die Toleranz?

Nehmen wir die Flüchtlingsthematik: Bei uns leben nicht viele Flüchtlinge. Sobald man sich persönlich kennt, läuft es auf der menschlichen Ebene super.Der Kirche wird vorgeworfen, sie habe keine Antworten mehr auf drängende Fragen. Ist das im Diemtigtal anders?

Über ethische, moralische Fragen zerbricht man sich hier weniger den Kopf. Das Verhältnis zur Kirche ist von der Tradition geprägt: Bei Taufen oder an einer Beerdigung ist das ganze Dorf dabei. In Diemtigen gibt es kaum Kirchenaustritte.

Alexia Zeller(40) wuchs in Zürich auf und ist seit sieben JahrenPfarrerin in der Kirchgemeinde Diemtigen im Berner Oberland.

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