«In der Schweiz gibt es nirgends ein Klein-Pakistan»

Eine Umfrage von Tamedia zeigt: Schweizer sind skeptisch gegenüber Muslimen. Die grüne Nationalrätin und Islamwissenschaftlerin Irène Kälin sagt, dass das vor allem an der Politik der SVP liegt.

«Rechtspopulisten haben den Islam zum Feindbild hochstilisiert», sagt Nationalrätin Irène Kälin (Grüne).

«Rechtspopulisten haben den Islam zum Feindbild hochstilisiert», sagt Nationalrätin Irène Kälin (Grüne). Bild: Keystone

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Das Thema Islam ist derzeit weit oben auf der politischen Agenda eingetragen. Heute Mittwoch wird erwartet, dass der Bundesrat seine Haltung zur Burkaverbotsinitiative bekannt gibt. Die SVP kündete an ihrer Generalversammlung Ende Oktober derweil an, dass sie die Islamdebatte 2019 zum Wahlkampfthema machen will. Und auch die CVP, allen voran deren Präsident Gerhard Pfister, macht sich in der Diskussion mit lauten Tönen bemerkbar.

Eine aktuelle Umfrage von Tamedia zeigt: Das Thema Islam bereitet der Schweizer Bevölkerung tatsächlich Sorgen. Allerdings wird der Anteil Muslime massiv überschätzt. Die 17'143 Umfrageteilnehmer wurden gefragt: Von hundert Einwohnern in der Schweiz, wie viele sind Muslime? Der Durchschnitt der Antworten lag bei 17,2 Prozent, obwohl der Anteil von Muslimen an der ständigen Wohnbevölkerung bei 5,1 Prozent liegt.

In den meisten europäischen Ländern überschätzt die Bevölkerung den Anteil der Muslime (klicken zum Vergrössern)

Die Aargauer Nationalrätin Irène Kälin (Grüne) hat in Bern Islamwissenschaften studiert und bei ihrer Wahl angekündigt, dass sie beim Thema Islam der SVP Paroli bieten will. Sie glaubt, dass die Angst vor dem Islam auch mit einem Identitätsproblem der Schweizer zu tun hat.

Frau Kälin, bei der Tamedia-Themenumfrage gaben 70 Prozent der Befragten an, dass es sie ­stören oder eher stören würde, wenn der Anteil Muslime an der Schweizer Bevölkerung zunimmt. Überrascht Sie das?
Irène Kälin: Nein, so wie der Diskurs über den Islam und die Muslime in der Schweiz aktuell geführt wird, überrascht mich das nicht. Den rechtspopulistischen Kreisen ist es in letzter Zeit gelungen, alles in einen Topf zu werfen. Dabei sagen sie nie klar, was sie mit Islam meinen: die ­säkularen Muslime, die grosse Vielfalt von islamischen Traditionen in der Schweiz oder einzelne fundamentalistische Ausprägungen. Das stellt die Muslime in der Schweiz unter Generalverdacht und führt zu solchen Resultaten.

Kann es nicht auch einfach sein, dass die Schweizer in Länder wie Pakistan oder Saudiarabien schauen und sagen: In so einer Kultur wollen wir nicht leben?
Das kann ich gut verstehen. Aber das hat überhaupt nichts mit unserer Realität zu tun. In der Schweiz gibt es nirgends ein Klein-Pakistan oder ein Klein-Saudiarabien. Sämtliche Studien zeigen, dass die grosse Mehrheit der Schweizer Muslime sehr gut integriert ist.

Die Umfrage zeigt auch, dass der Anteil Muslime an der Schweizer Bevölkerung massiv überschätzt wird. Dabei wird das Thema von den Medien fleissig beackert. Wie erklären Sie sich das?
Das zeigt einmal mehr, dass die Debatte von Vorurteilen geprägt ist. Die Rechtspopulisten haben den Islam zum Feindbild hochstilisiert, und viele Leute projizieren derzeit ihre Ängste auf dieses Feindbild.

Aber Ängste entstehen nicht einfach aus dem Nichts. Probleme gibt es. Das zeigte kürzlich zum Beispiel der Fall des Bieler Imams Abu Ramadan.
Ich glaube, das wahre Problem ist ein Identitätsproblem. Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung und suchen nach Identitäten. Das zeigt sich auch bei der CVP, wo Gerhard Pfister eine christliche Leitkultur propagiert. Nur hilft es nichts, andere auszugrenzen. Im Gegenteil. Selbstverständlich sind aber auch die muslimischen Organisationen in der Schweiz in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass das Zusammenleben funktioniert. Da sind Problemfälle, wie der Bieler Imam, nicht förderlich.

Dennoch wird das Thema stark politisiert. Das zeigt aktuell die Burkaverbotsinitiative, zu welcher der Bundesrat voraussichtlich heute Stellung nimmt. Was hat die Linke hier für eine Position?
Mein Nationalratskollege Andrea Caroni von der FDP sagte einmal, dass es in der Schweiz vermutlich mehr Nacktwanderer als Burkaträgerinnen gibt. Das zeigt: Erstens bringt ein Verbot nichts, und zweitens wäre es eine Ohrfeige für unsere freiheitliche Ordnung in der Schweiz. Die Lösung für Integrationsprobleme ist eine gute Integration. Minderheiten haben schon immer zum Erfolg der Schweiz beigetragen. Darum ist es in unserem Interesse, sie gut einzubinden. Deshalb wäre es auch so wichtig, dass wir muslimische Gemeinschaften öffentlich-rechtlich anerkennen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.12.2017, 20:53 Uhr

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