Immer mehr illegale Migranten stranden vor den Toren Chiassos

Der Migrantenstrom übers Mittelmeer reisst nicht ab. Das italienische Asylsystem steht vor dem Kollaps. Wer kann, macht sich schnellstens auf den Weg raus aus Italien – über Mailand nach Chiasso.

Wartsaal unter freiem Himmel: In Como stranden jene Migranten, die vergeblich versuchten, illegal in die Schweiz einzureisen. Viele campieren im Park unterhalb       des Bahnhofs San Giovanni.

Wartsaal unter freiem Himmel: In Como stranden jene Migranten, die vergeblich versuchten, illegal in die Schweiz einzureisen. Viele campieren im Park unterhalb des Bahnhofs San Giovanni.

(Bild: Peter Meier / zvg)

Peter Meier@bernpem

Erschrocken fährt der junge Afrikaner herum. Als hätte er zuletzt damit gerechnet, hier angesprochen zu werden. Eingefallene Augen blicken argwöhnisch aus dem hageren Gesicht, das so gar nicht zu seinem fröhlichen Hawaiihemd passen will.

Zögerlich antwortet der 24-Jährige, der sich Abdi nennt: «Somalia.» Da kommt er her. Geflohen vor Bürgerkrieg und Dürre. Durch die Wüste, übers Mittelmeer nach Süditalien, dann per Bus weiter Richtung Norden, verrät er in gebrochenem Englisch. Und nun sitzt er hier am Rande der Piazza Duca d’Aosta auf einer Plastikmatte. Die Sonne brennt auf den Platz vor dem Mailänder Hauptbahnhof.

Über seine Fluchterlebnisse spricht Abdi nicht. Auch was er den Schleppern bezahlt hat, bleibt offen. Das Misstrauen siegt. Er rollt seine Matte ein.

In Mailand ist er seit letzter Nacht. Ein Zwischenhalt. In die Schweiz wolle er nicht, sagt Abdi – «Germany» heisst sein Ziel. Dort habe er Verwandte. Doch vorerst sitzt er hier fest: «No money!» Ist er bei seiner Ankunft registriert worden? Dann könnte er jederzeit nach Italien zurückgeschickt werden. Abdi zuckt mit den Schultern. Er versteht nicht. Oder will nicht verstehen.

Krise scheint weit weg

An die vierzig Afrikaner wie Abdi sind auf dem Bahnhofvorplatz anzutreffen, kaum einer älter als 30. Frauen und kleine Kinder sind nicht darunter. Illegal oder legal, auf dem Absprung oder nicht – wer hier was ist, ist auf Anhieb nicht auszumachen. Nur wenige haben Reisegepäck dabei. Abdi genügt ein Stadtrucksack. Andere haben nur Plastiktüten. Verteilt auf dem riesigen Platz sitzen, die jungen Männer im Schatten. Dazwischen asiatische Reisegruppen und Passanten.

Ein Bild, das nicht zu vergleichen ist mit den chaotischen Zuständen an der Stazione Centrale in den Vorjahren. Als wiederholt der Kollaps drohte. Als Hunderte Migranten am Bahnhof lagerten, notdürftig versorgt von Hilfswerken. So gesehen wirkt die Lage an diesem Morgen Ende Juli ungewöhnlich ruhig. Flüchtlingskrise? Zumindest am Hauptbahnhof scheint sie gerade weit weg.

Asylnotstand in Italien

Doch der Eindruck täuscht. Die Zahlen zeigen: Italien ist ein Pulverfass. Unter Regierungschef Matteo Renzi sind zwar im Süden vier Hotspots für die Erstaufnahme und landesweit neue Unterkünfte eingerichtet worden.

Aber das reicht hinten und vorne nicht. Rund 90'000 Migranten sind nach UNHCR-Angaben seit Jahresbeginn schon an Italiens Küsten angekommen, vorab aus Nigeria, Eritrea, Somalia, Gambia. Etwa gleich viele wie letztes Jahr – und mehr als 2014. Der Migrationsdruck hat nie nachgelassen. Bloss waren aller Augen auf die Balkanroute gerichtet.

Die italienischen Aufnahmezentren platzen mit weit über 130'000 untergebrachten Asylsuchenden aus allen Nähten. Die Provinzen schreien immer lauter um Hilfe aus Rom. Nun hat die Regierung angekündigt, 700 Millionen Euro ins Asylsystem zu pumpen, um den totalen Notstand abzuwenden. Nach Entspannung sieht es nicht aus. Die Prognosen sind düster bis alarmistisch. Mit bis zu 300'000 Menschen, die im Sommer noch allein via Libyen Richtung Italien aufbrechen könnten, rechnet etwa die EU-Grenzschutzagentur Frontex.

So oder so: Noch immer will kaum einer, der die gefährliche Überfahrt schafft, in Italien bleiben. Deutschland, Skandinavien, England heissen die Wunschdestinationen, die Schweiz hat an Attraktivität verloren. Der Grossteil der Ankömmlinge zieht früher oder später von Sizilien und Kalabrien weiter Richtung Norden. Fast jeder von ihnen taucht irgendwann in Mailand auf.

Rund 100'000 Illegale sind nach Schätzung der Stadtbehörden in den letzten zwei Jahren gekommen, um kurz darauf wieder spurlos zu verschwinden. Die lombardische Metropole ist der Knotenpunkt auf der Süd-Nord-Achse – und ihr Hauptbahnhof Milano Centrale das Sprungbrett raus aus Italien.

Bereit für den Absprung: Der Mailänder Hauptbahnhof ist für Migranten das Sprungbrett in den Norden Europas. Bild: Peter Meier/zvg

Keine Polizei weit und breit

Die Stadt ist auch heute voller Illegaler. Doch sie meiden derzeit lieber die Nähe des Hauptbahnhofs. Denn der gleicht in diesen Tagen einer Festung. Wegen der Terrorgefahr wurde das Sicherheitsdispositiv hochgefahren. An den Eingängen, in den Hallen und Emporen des monumentalen Protzbaus patrouillieren Polizei und bewaffnete Bersaglieri, die Infanteristen der italienischen Armee. Bahnpersonal kontrolliert an den Eingängen zur Abfahrtshalle – aber nur Tickets, keine Reisepapiere.

Drinnen ist die Hölle los. Hunderte von Menschen wuseln durcheinander. Ein unablässiger Strom von Touristen, Geschäftsleuten, Pendlern, die aneinander vorbeidrängen. Ein Ameisenhaufen im Hochsommer, lärmig, hektisch, unüberschaubar.

Gleich fährt der Eurocity Richtung Genf, kurz darauf jener nach Zürich. Reisende aus aller Herren Ländern hasten auf die Perrons. Einsteigen dürfte eigentlich nur, wer gültige Papiere hat. Entsprechende Abreisekontrollen hat die italienische Polizei zwar angekündigt. Doch jetzt fehlt von den Carabinieri jede Spur.

Nicht einmal beim Risikozug lassen sie sich blicken: Mit dem Regionalexpress Tilo, der mehrfach täglich nach Bellinzona fährt, reisen derzeit mit Abstand am meisten Migranten irregulär in die Schweiz ein. «Senza frontiere» steht auf den Waggons: ohne Grenzen. Mitte Juli schnappten die Schweizer Grenzwächter gleich 60 Illegale in einem einzigen Zug – Rekord.

Rigorose Kontrolle in Chiasso

Vier Stationen, 42 Minuten Fahrzeit, schon ist der Tilo in Chiasso. Am Bahnhof fallen Uniformen von Grenzwachtkorps (GWK) und Tessiner Kantonspolizei sofort auf. Drei Grenzwächter steigen ein, einer kontrolliert auf dem Perron. Überprüft wird, wer verdächtig wirkt oder wie ein Migrant aussieht. Sie erledigen den Job routiniert und effizient. Zwei dunkelhäutige Passagiere, die auch gewöhnliche Touristen auf einem Tagesausflug sein könnten, gehen den Beamten diesmal ins Netz. Sie leisten keinen Widerstand, landen auf dem GWK-Posten am Bahnhof: Personalien erfassen, Fingerabdrücke nehmen. Es ist noch früher Nachmittag, später am Tag wird es mehr Zugriffe geben. Wer kein Asyl beantragt, wird nach Italien zurückgeschickt.

Im Schnitt fängt das GWK derzeit nur im Tessin täglich rund 200 rechtswidrige Aufenthalter ab, wie sie im Amtsjargon heissen.

Allein in der dritten Juliwoche waren es gemäss den provisorischen GWK-Zahlen knapp 1700, letzte Woche rund 1350 – hauptsächlich Eritreer. Die Zahlen sind seit Wochen so hoch wie nie. Schweizweit wurden im ersten Halbjahr fast 15'000 Illegale gefasst. Das ist rund ein Drittel mehr als in der Vorjahresperiode und mehr als im Jahr 2014 gesamthaft.

Der Unterschied: Die Schweiz ist aktuell eher Transit- denn Asylland. Sie dient vorab als Korridor Richtung Norden, seit die italienisch-französische Grenze faktisch dicht ist und die Österreicher die Kontrollen am Brenner verschärft haben.

Transit- statt Asylland

Für Norman Gobbi ist darum die Asyllage derzeit weniger das Problem: «Das funktioniert momentan gut», sagt der Tessiner ­Sicherheitsdirektor auf Anfrage. Für gefährlich hält er den wachsenden Zustrom trotzdem – gerade für seinen Grenzkanton: «Wir sichern für die ganze Schweiz das Südtor und kontrollieren die Migrationswelle.» Doch die ­Dämme könnten irgendwann brechen, fürchtet Gobbi. «Der Bundesrat muss endlich Klartext reden und handeln», poltert der Lega-Politiker. Will heissen: Schlagbäume runter.

Die Schweizer Südgrenze. Grafik: db

Konsequente Rückweisungen

So weit ist es noch nicht – auch wenn italienische Medien und Politik das behaupten. «Die Grenze ist nicht geschlossen», stellt GWK-Sprecher David Marquis klar. «Die Kontrollen erfolgen risikobasiert und lageabhängig.» An diesem Nachmittag nimmt sich das GWK jeden Zug vor. Die Lage ist angespannt, seit Chiasso zum Nadelöhr geworden ist. Und das Risiko wächst mit jedem Schlepperboot mehr, das in Süditalien anlegt. Zusätzliche GWK-Teams aus anderen Landesteilen wurden darum ins Tessin verlegt – wie viele, das ist ein Amtsgeheimnis.

Die Folge der Truppenverstärkung: Hunderte von Illegalen müssen diesen Sommer nach Italien zurück – eigenständig oder von Beamten begleitet. Über 1000 waren es letzte Woche. Basis dafür ist ein bilaterales Abkommen, das seit sechzehn Jahren in Kraft ist.

Keine Durchreise: Wer nicht Asyl beantragt, muss zurück nach Italien. Bild: Keystone

Demnach kann das GWK theoretisch jeden Illegalen zurück nach Italien abschieben, der weder Straftäter ist noch ein Asylgesuch stellt. Reibungslos klappt das in der Praxis indes nur, wenn die italienischen Behörden mitspielen und die Illegalen auch in Empfang nehmen. Derzeit täten sie das besser als noch im Vorjahr, heisst es bei GWK und Bund. Aber wie lange noch?

Der Regelfall sei heute zudem, sagt Gobbi, dass die Illegalen über Nacht untergebracht werden müssten, ehe die Rücküberstellung möglich sei. Die Betriebskosten dafür schätzt er auf «ein paar Hunderttausend Franken pro Monat». Geld, das sein Kanton fast allein aufwerfen müsse und das vom Bund nicht zurückerstattet werde. «Das kann doch nicht sein», moniert Gobbi.

Überfordertes Como

Ärger macht sich auch in der Lombardei breit, die als Pufferzone herhalten muss. Der Brennpunkt ist Como, Chiassos Nachbargemeinde ennet der Grenze. Hier stranden viele der Migranten, die es nicht an den Schweizer Grenzwächtern vorbeigeschafft haben, und treffen auf jene, die aus Milano nachstossen und es noch versuchen wollen. Wie überfordert der Touristenort damit ist, zeigt sich schon am Bahnhof San Giovanni.

Gleich neben dem Ausgang sitzt eine Gruppe Eritreer. Männer und Frauen Anfang 20, dazu zwei Kleinkinder. Ausgemergelte Gestalten, die den Feriengästen auf ihrem Weg Richtung Altstadt und Comersee nachsehen. Ein örtlicher Helfer verteilt Wasser. «Es sind schon zu viele, und doch werden es immer mehr», sagt er und weist auf den kleinen Park vor dem Bahnhof.

Camp unter freiem Himmel

Hier campieren rund sechzig junge Männer, Teenager, Frauen unter freiem Himmel. Überall ausgelegte Decken, aufgehängte Wäsche, dazu haufenweise Abfall. Am Rand sitzen zwei Polizisten neben einem Mannschaftswagen und beobachten die Szenerie gelangweilt. Die Migranten stammen vornehmlich aus den Ländern am Horn von Afrika, aber auch aus dem Westen des Kontinents.

Er hätte es beinahe mit dem Zug geschafft, sagt ein Nigerianer, der nach England will, «aber dann kamen doch noch die Uniformierten und haben mich rausgeholt». Andere in der Gruppe haben es schon mehrfach probiert. Inzwischen mehren sich laut GWK die Versuche zur illegalen Einreise auch per Auto oder zu Fuss über die grüne Grenze.

Mehrfache Anläufe

Im Park und rund um den Bahnhof liegen in jedem Winkel aufgehäufte Decken, Matten, Kleider, die darauf verweisen, dass noch viel mehr Menschen die Nächte in Como verbringen. Allein beim Bahnhof sollen es momentan 150 bis 200 sein, schätzt die lokale Presse. Am frühen Abend trifft man beim Gang durch die Stadt fast an jeder Ecke auf Gesichter aus Afrika.

Doch wie viele Asylsuchende insgesamt im Ort sind, weiss nicht einmal die Stadtverwaltung genau. Sicher ist nur, dass die Aufnahmeeinrichtungen völlig überlastet sind. Um jene, die kein Dach über dem Kopf finden, kümmert sich die Caritas so gut, wie es geht. Jüngst hat die Präfektur auf die prekären Zustände reagiert und kurzerhand 100 Migranten per Bus zurück nach Süditalien schaffen lassen. Behördliche Symptombekämpfung. Geändert hat es nichts.

Er könne nicht verstehen, warum sie nicht durch die Schweiz reisen dürften, sagt ein junger Eritreer im Park vor dem Bahnhof: «Wir wollen doch nach Deutschland.» Die Umstehenden nicken. Und jetzt? Er werde einen Weg finden, sagt der Eritreer.

Berner Zeitung

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